Zwischenruf Eine Bomben-Partei


Niemand interessiert sich für die FDP? Welch ein Glück für die Liberalen! Wer genauer hinschaut, erkennt, dass sie das größte Risiko für Angela Merkel sind. Aus stern Nr. 27/2004.

Die Verworfenheit zeigt Zähne. Bleckt. Grinst. In weißestem Weiß. Unter eiskalten Augen. Fasst an. Knufft mit Fäusten. Tätschelt Wangen und Hälse. Als wollten Hände Schlagadern erkunden für den Biss. Wann immer sich Liberale medial prostituieren, können sie sich nicht einkriegen vor kumpelig verstellter Mordlust. Gefrieren Mienen zu Masken geschminkter Aggression, öffnen sich Münder zur Waffenschau heuchlerischen Frohsinns. Die Archive der Fotografen sind voll von solchen Bildern blanker Lüge.

Die Freie Demokratische Partei inszeniert die Showtermine ihrer Führer als Rituale der Nähe und des Vertrauens. Keine andere beherrscht das Handwerk der entlarvenden Simulation so wie sie. Die FDP, davon sollen die Szenen künden, ist die lustigste, liebevollste Partei Deutschlands. Selbst der Amateurpsychologe erkennt: Sie ist die verworfenste. Wer sich mit ihr einlässt, wer ihr die Hand reicht zum Bündnis, riskiert viel. Wenn nicht alles. Denn er weiß nicht, was sie tut. Morgen.

Der faulige Geruch der Korruption

Gerade ist wieder einmal ein Täter aus dem Ring der Rivalen herausgebrochen und zum Opfer seiner selbst geworden. Walter Döring, der Statthalter in Stuttgart und stellvertretende Bundesvorsitzende, verbreitete den fauligen Geruch der Korruption und schied aus allen Ämtern. Das letzte Foto mit dem Vorsitzenden Westerwelle zeigt, wie beide lachend Maß nehmen aneinander, die Nummer eins der Nummer zwei die Wange tätschelt, die Hand der Zwei nach der Eins greift, aber die Berührung scheut. Döring zählte zu den schärfsten Kritikern Westerwelles, auch er träumte den Traum vom Sturz des Krisengetriebenen.

Der Schnappschuss erinnert an eine berühmtere Einstellung aus dem Jahre 2002, jene, die Westerwelle und Möllemann zeigt, als die siamesischen Zwillinge vor der Trennung stehen und der Erste den Zweiten mit der Faust knufft und beide um ihr Leben lachen. Der eine starb bei der Trennung, der andere vermochte den Blutverlust seither nicht zu stoppen. Er konnte nicht (mehr) mit Möllemann, und er kann auch nicht ohne ihn. Alle wissen, alle beobachten das.

Westerwelle ist allein, isoliert im Parteipräsidium

Illoyalität und Intrige ringen um die Vorherrschaft im liberalen Führungszirkel. Westerwelle ist allein, isoliert im Parteipräsidium. Ein Machtgerüst aus Jüngeren, an dem er Halt finden könnte, hat er nicht gezimmert, und sein Apparat in der Parteizentrale ist dramatisch unterklassig besetzt. Da er mit starken Männern nicht arbeiten kann, hält er sich eine schwache Frau als Generalsekretärin. Guido Westerwelle könnte einen Guido Westerwelle, so drängend, wie der einst selbst als Generalsekretär war, nicht ertragen. Gehalten wird er einstweilen von schierer Alternativlosigkeit. Seine Stellvertreter lassen ihn zappeln. Und lauern auf ihre Chance.

Die würden gerne andere besorgen, trauen sich aber nicht. Die Ehrenvorsitzenden Scheel, Genscher und Lambsdorff sind in irreparablem Misstrauen gegenüber dem Unfassbaren vereint. Genscher seufzt und klagt über Westerwelle, Scheel sähe gern wieder Wolfgang Gerhardt an der Spitze der finanziell wie personell erschöpften Partei. Der wittert und harrt. Und aus Kiel dröhnt der Dauersägeton Wolfgang Kubickis, der sich als Rächer und Nachlassverwalter Möllemanns in Stellung gebracht hat. Liberale Gemeinsamkeit? Halsbrecherische Nähe von Politik und Geschäften. Liberales Programm? Eine Losbude schrill verpackter Auffälligkeiten, toleral und liberant.

Die Blau-Gelben klagen gern darüber, die Medien interessierten sich nicht für sie. Sie können froh darüber sein. Sonst wäre längst offenbar, welche Gefahr die Union läuft, mit solchem Partner auf Sieg zu setzen. Angela Merkels Risiko heißt nicht Stoiber, Merz oder Koch, es heißt FDP. Denn im liberalen Grund sind noch einige Minen vom Modell Döring zu vermuten. Und Rot-Grün baut in tiefer Verzweiflung auf nichts so sehr wie auf eine Wahl des Vertrauens zwischen Schröder-Fischer und Merkel-Westerwelle. Edmund Stoiber hat einschlägige Erfahrung: Vor zwei Jahren kostete es ihn die Macht in Berlin, als Westerwelle im Kampf mit Möllemann von zweistelligen Hoffnungen auf 7,4 Prozent stürzte.

Wer glaubt schon, dass Westerwelle bis 2006 eine verlässliche, verjüngte Führung um sich aufbaut? Wer traut den Jungen in der FDP die fällige Rebellion zu? Der Vorsitzende sollte seiner Duzpartnerin wenigs- tens eine Liebe tun: vor der Wahl für sich selbst auf das Amt des Außenministers zu verzichten. Entschärft würde sie aber auch dadurch nicht, die liberale Bombe in Angela Merkels Handtasche.

Hans-Ulrich Jörges print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker