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Affäre Barschel: "Barschels Tod bleibt für mich rätselhaft"

Starb Uwe Barschel vor 20 Jahren in einem Genfer Hotelzimmer durch Mord oder durch Selbstmord? Während der Lübecker Oberstaatsanwalt Wille von Mord ausgeht, glaubt das der Kieler Generalstaatsanwalt Rex nicht. Im stern.de-Interview erklärt er, warum.

Der Kieler Generalstaatsanwalt Erhard Rex und der Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille liegen wegen des Falls Barschel im Clinch. Wille hält den Tod des Politikers vor 20 Jahren in einem Genfer Hotelzimmer für Mord, Rex hält diese Schlußfolgerung aus den Ermittlungsergebnissen nicht für zwingend. Seine Bewertung des Falles hat er jetzt in einem 50 Seiten starken Bericht vorgelegt und eine noch umfangreichere Dokumentation zum Fall Barschel für Ende Oktober angekündigt. Zu seinem Bericht, der sich nicht immer mit den Erkenntnissen der ermittelnden Staatsanwälte in Lübeck deckt, hat stern.de bei Erhard Rex nachgefragt.

Ihr Bericht endet mit der Feststellung , der Tod Uwe Barschels sei "rätselhaft". Bei der Lektüre gewinnt man aber den starken Eindruck, daß sich der Generalstaatsanwalt auf die Selbstmord-These festgelegt hat. Damit stehen Sie in direktem Gegensatz zu Oberstaatsanwalt Wille, der die Ermittlungen geleitet hat und heute offen von Mord spricht. Weiß der "General" mehr als der Ermittler?

Der Tod Dr. Barschels bleibt für mich rätselhaft. Es gibt Indizien, die in Richtung Mord sprechen, und es gibt andere Indizien, die in Richtung Selbstmord sprechen. Ich bin nicht auf eine Selbstmordthese festgelegt. Ich warne lediglich vor der Verengung des eigenen Blickwinkels. Bei dieser Frage geht es um unterschiedliche justizielle Einschätzungen und nicht um "mehr Wissen".

Oberstaatsanwalt Wille erhebt jetzt schwere Vorwürfe: Er sei "aus dem Kreis der Behörde Generalstaatsanwalt" in den Ermittlungen behindert worden, es habe sogar einen gezielten illegalen Eingriff gegeben, wodurch das Verfahren von innen zerschlagen worden sei. Kommt nach dem Polit-Skandal Barschel nun der Justiz-Skandal?

Der Leitende Oberstaatsanwalt in Lübeck ist bei seinen Ermittlungen nicht behindert worden, dies ist eine nicht zulässige Wertung. Vielmehr gab es strittige Diskussionen zu der Frage, welche Ermittlungen noch strafprozessual zulässig waren oder nicht. Bei diesem Streit hat sich der Leitende Oberstaatsanwalt gegen seinen damaligen Dienstvorgesetzten durchgesetzt, der daraufhin zurücktrat. Der Leitende Oberstaatsanwalt in Lübeck hat daher nach seinem Ermessen weiter ermittelt; einen Justizskandal sehe ich nicht.

Sie kritisieren die mangelhafte Spurensicherung der Genfer Polizei als mitverantwortlich dafür, daß der Fall Barschel noch immer viele Fragen aufwerfe. Ist an dem Aufklärungs-Defizit nicht auch die Tatsache schuld, daß die Staatsanwalt-schaft Lübeck durch politischen Druck gezwungen wurde, die Ermittlungen vorzeitig einzustellen?

Richtig ist, dass die Genfer Polizei seinerzeit von Selbstmord ausgegangen ist und deswegen die Spurensicherung am Tatort nicht dem Anforderungsprofil entsprochen hat, wie dies bei einer Spurenuntersuchung wegen Verdachts des Mordes erfolgt. Falsch ist, dass die Staatsanwaltschaft Lübeck "durch politischen Druck gezwungen wurde, die Ermittlungen vorzeitig einzustellen".

Sie haben der Lübecker Staatsanwaltschaft weitere eigene Ermittlungen verboten, es sei denn, Sie hätten Ihre Zustimmung zuvor erteilt. Wie entgegnen Sie dem Vorwurf, etwas vertuschen zu wollen?

Der Lübecker Staatsanwaltschaft sind nicht weitere eigene Ermittlungen verboten worden. Richtig ist, dass ich mit dem Leitenden Oberstaatsanwalt ab Beginn meiner Tätigkeit (01.09.1997, nachdem die Ermittlungen mit einem Staatsanwälte-Ermittlungsteam über mehrere Jahre gelaufen waren) die dann noch verbleibenden Restermittlungen im Einzelnen durchdiskutiert habe. Es hat nicht in einem einzigen Fall ein Ermittlungsverbot gegeben. Der Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft Lübeck kommt zutreffend zu dem Ergebnis, dass weitere Ermittlungsansätze aus Sicht der Staatsanwaltschaft Lübeck nicht gegeben seien!

Ist Ihr Ermittlungsverbot mit dem Justizminister abgestimmt worden?

Im Hinblick auf meine vorige Antwort entfällt eine Antwort auf diese Frage. Da es kein Ermittlungsverbot gegeben hat, kann es auch keine Abstimmung gegeben haben. Im Übrigen habe ich gerade in diesem politisch Aufsehen erregenden Fall als Außenstehender, ohne Parteizugehörigkeit, ohne persönliche Verbundenheit, mit den Beteiligten streng nach den Regeln der Strafprozessordnung zusammengearbeitet.

Möchten Sie der Staatsanwaltschaft Lübeck die Deutungshoheit im Fall Barschel streitig machen?

Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat ihre Deutung des Falles Barschel im Abschlussbericht und in späteren vielfältigen dienstlichen Presseinterviews abgegeben und sie wird dies in der geplanten Dokumentation in der Schriftenreihe des Generalstaatsanwalts durch einen eigenen freien Beitrag des Leitenden Oberstaatsanwalts Wille tun. Auch ich selbst werde hierzu einen Beitrag schreiben, wodurch auch die unterschiedliche Bandbreite der justiziellen Einschätzung deutlich wird. Ein Redeverbot oder eine Zensur darf es für keine Seite geben!

Welche Zeugen haben die in Ihrem Bericht erwähnten "beweisbaren Indizien" dafür vorgelegt, daß Uwe Barschel mit Selbstmordgedanken gespielt, sogar Selbstmordvorbereitungen getroffen habe? Um welche unwiderlegbaren Hinweise handelt es sich?

In meinem Untersuchungsbericht habe ich einige Indizien in Richtung Selbstmord erwähnt, wobei herausgestellt wurde, dass die im Zimmer gefundenen Spuren vage und doppeldeutig sind. Einen von Ihnen genannten "Zeugenbeweis" gibt es weder für Mord noch für Selbstmord.

Welche Belege haben Sie für Ihren Vorwurf, die Genfer Polizei habe die in Barschels Zimmer vorhandenen Medikamenten-Verpackungen "offensichtlich" weggeworfen?

Zur Beantwortung dieser Frage verweise ich auf die geplante Dokumentation. Im Übrigen geht der Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft Lübeck auf Seite 18 ebenfalls von dieser Deutung aus, weil die Schweizer Polizei in einem Fernschreiben vier verschiedene Medikamente erwähnt hat, die sie im Zimmer 317 aufgefunden hatte, jedoch diese Medikamentenschachteln und Medikamente bei den später übersandten Asservaten nicht dabei waren und der Verbleib dieser Medikamentenschachteln, die die Genfer Polizei unzweifelhaft aufgefunden hatte, nicht mehr zu klären war.

In Ihrem Bericht heißt es, Barschel habe sich womöglich Schlafmittel aus Dänemark besorgt, die in Deutschland nicht verfügbar waren. Welche Hinweise haben Sie dafür?

Ich verweise auf die Dokumentation. Es geht im Übrigen nicht um strafprozessuale Ermittlungen, wo denn die Medikamente - und von wem - gekauft worden seien. Vielmehr geht es im Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft Lübeck wie auch in meinem Untersuchungsbericht ausschließlich um die Frage, aus welchen Ländern Medikamente stammen könnten und ob es möglich sei, sich diese zu besorgen (und zwar für Mörder wie für Selbstmörder).

Nach den Obduktions-Befunden hatte Uwe Barschel keinen Alkohol und keine Alkohol-Abbauprodukte im Körper. Auf welches Ermittlungsergebnis stützt sich Ihre Darstellung, Barschel habe ein Whisky-Fläschchen aus der Mini-Bar ausgetrunken, mit Wasser gefüllt und erneut geleert?

Ich verweise auf die abschließende Dokumentation. Dass im Körper von Dr. Barschel kein Restalkohol mehr zu finden war, ist in Anbetracht der vielstündigen Überlebensdauer von Dr. Barschel nach der Medikamenteneinnahme (gutachterlich festgestellt) und des damit einhergehenden stündlichen Abbaus der relativ geringen Alkoholmenge plausibel. Die gleiche Frage müsste gestellt werden, wenn das Whiskyfläschchen als Indiz für einen Mord untersucht wird.

Sie schreiben, Barschels Todesumstände hätten "exakt" der Selbstmord-Anleitung der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) entsprochen. Bei Barschel wurden jedoch andere Medikamente gefunden, er hatte nicht den empfohlenen Alkohol konsumiert und seine Lage in der Badewanne entsprach nicht dem Rat der DGHS. Bleiben Sie dennoch bei Ihrer Feststellung?

Ich verweise auf die abschließende Dokumentation. Die Selbstmordanleitung der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben enthielt eine Vielzahl von Varianten für Medikamente, für Alkohol usw.

Auf welcher Erkenntnis beruht Ihre Darstellung, in Barschels Hotel-Zimmer seien zwei stern-Reporter gewesen?

Der Sinn der Frage erschließt sich mir nicht, wenn es um Mord/Selbstmord geht. Dass von einem stern-Reporter ein um die Welt gegangenes Foto des toten Dr. Barschel in der Badewanne erstellt worden ist, ist eindeutig. Jedoch gibt diese Tatsache für die hiesige strafprozessuale Einschätzung "Mord/Selbstmord" nichts her.

Interview: Peter Sandmeyer und Rudolf Lamprecht