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Auschwitz: Die Mordfabrik

In Viehwaggons wurden die Menschen nach Auschwitz deportiert, die meisten gleich nach der Ankunft vergast. Über eine Million Menschen wurden ermordet, die meisten davon Juden. Am 27. Januar 1945 befreiten Sowjettruppen das KZ.

"Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Die ist ein niemals geschriebenes und zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte." (Heinrich Himmler vor dem Führerkorps der SS im Jahr 1943)

Als am 27. Januar 1945 Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreiten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Die Gesamtzahl der Todesopfer schätzen Forscher heute auf 1,1 bis 1,5 Millionen, die meisten davon Juden. Der Text an einem Denkmal im Vernichtungslager versucht, das Unfassbare in Worte zu kleiden. "Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit." Auschwitz ist weltweit zum Symbol für den Holocaust geworden.

Das KZ am Rand der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim bei Krakau war das größte im System der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, gefolgt von Majdanek bei Lublin. Außer Auschwitz und Majdanek errichteten die Nationalsozialisten im besetzten Polen auch die Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor. Das Konzentrationslager bestand aus dem Stammlager Auschwitz I, Auschwitz II (Birkenau), Auschwitz III (Monowitz) sowie aus 45 Nebenlagern. Nach der Errichtung des Lagers in Auschwitz im Frühjahr 1940 waren zunächst vor allem polnische Juden in dem Lager untergebracht, später kamen sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma und Angehörige anderer Nationalitäten hinzu. Unter anderem wegen seiner guten Verkehrsverbindungen wurde Auschwitz ab 1942 zum Zentrum des Massenmords an den europäischen Juden, deren völlige Ausrottung sich die Nationalsozialisten zum Ziel gesetzt hatten.

Vom Waggon in die Gaskammer

Bei der Ankunft wurden die Häftlinge gezwungen, in aller Eile die Viehwaggons zu verlassen und sich in Reihen aufzustellen. SS-Offiziere "selektierten" die Häftlinge noch an der Bahnrampe - wer als arbeitsfähig galt, kam zunächst in das so genannte Quarantänelager, dann in eines der Arbeitslager, wo die Häftlinge registriert wurden und ihnen eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert wurde. Kinder, Alte und andere als nicht arbeitsfähig geltende Häftlinge wurden in der Regel noch am Tag ihrer Ankunft in den als Duschräume getarnten Gaskammern mit dem Giftgas Zyklon B ermordet. Zum organisierten Massenmord - der "Endlösung der Judenfrage"- zählte auch, dass Habseligkeiten, Goldzähne, Haare und Kleidung verwertet wurden. Ein "Sonderkommando" von Häftlingen musste anschließend die Leichen in den Krematorien oder auf freier Fläche verbrennen. Die zur sofortigen Ermordung bestimmten Häftlinge wurden nicht registriert, was genaue Angaben über die Opferzahlen so schwierig macht. 15 bis 20 Prozent eines jeden Transports wurden für mörderische Zwangsarbeiten am Leben gelassen. Über die Hälfte der registrierten Opfer starb durch Arbeit, Hunger, Kälte, Folter, Medizin-Experimente oder wahllose Exekutionen.

Ruinöse Lebensbedingungen

Ruinöse Lebensbedingungen auf dem Lagergelände - wie die qualvolle Enge in den zumeist feuchten Baracken - sorgten dafür, dass unter den "zum Leben verurteilten" Häftlingen Krankheiten und Epidemien grassierten. Die teils hölzernen, teils gemauerten Baracken besaßen weder Heizung noch sanitäre Anlagen, es wimmelte von Ungeziefer und Ratten. Hinzu kamen der anhaltende Wassermangel und die dürftigen Essensrationen von 1.300 Kalorien für "leicht" arbeitende und rund 1.700 Kalorien für "schwer" arbeitende Häftlinge. Die Arbeitszeit betrug elf bis 15 Stunden. Die restliche Zeit war ausgefüllt mit andauernden Appellen und dem Warten auf die Essensausgabe oder einen Latrinenplatz.

Anfangs arbeiteten die Häftlinge, die statt mit Namen nur mit Nummern gerufen wurden, beim Ausbau des Lagers. Später begann die deutsche Industrie, die Arbeitskraft der Häftlinge auszunutzen. Dazu zählte der Konzern IG Farbenindustrie, der die Buna-Werke in Monowitz baute, eine Fabrik für synthetisches Gummi und Benzin. Die Mehrheit der zum Lager Auschwitz gehörenden Nebenlager befand sich in Schlesien. Die Häftlinge arbeiteten hier in der Kohleförderung, der Waffenproduktion und der Chemieindustrie.

Widerstand von Häftlingen

Trotz eines Systems von Bespitzelung und ständiger Überwachung organisierte sich auch in Auschwitz Widerstand von Häftlingen. Am 7. Oktober 1944 unternahmen Häftlinge des Sonderkommandos einen Aufstand und konnten eines der Krematorien mit Hilfe von Sprengstoff, den weibliche Häftlinge aus einer Fabrik eingeschmuggelt hatten, teilweise zerstören. Der anschließende Fluchtversuch von rund 250 Häftlingen scheiterte, alle Gefangenen wurden gefasst und getötet. Vier Frauen, die bei der Vorbereitung des Aufstands geholfen hatten, wurden nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers am 6. Januar 1945 hingerichtet.

Unmittelbar nach dem Aufstand des Sonderkommandos befahl Reichsführer-SS Heinrich Himmler den Abriss der Krematorien und ein Ende der Vergasungen. 1944 näherte sich schnell die Offensive der Roten Armee, die deutsche Niederlage war absehbar, nun sollten die Spuren der Verbrechen beseitigt werden. Im Juli war bereits das Lager Birkenau "aufgelöst" worden; 4.000 der verbliebenen 12.500 Insassen wurden vergast, die anderen abtransportiert. Im August wurde mit dem Mord an über 2.900 Sinti und Roma das so genannte Zigeunerlager "aufgelöst".

Bei der letzten Zählung am 17. Januar 1945 waren noch 67.012 Menschen im Lager; tags darauf begann eine hastige Räumung: Rund 58.000 wurden zum "Todesmarsch" Richtung Westen gezwungen, den viele nicht überlebten. Als Soldaten der Roten Armee am Nachmittag des 27. Januar 1945 das Lager befreiten, fanden sie die Leichen von 600 Gefangenen, die nur wenige Stunden zuvor ermordet worden waren. Sie fanden auch 350.000 Herrenanzüge, 837.000 Frauenkleidungsstücke und tonnenweise Menschenhaare in Säcken. Lediglich 7.650 kranke und erschöpfte Gefangene sowie einige hundert Kinder, die die SS zurückgelassen hatte, konnten gerettet werden.

Hunderte SS-Leute vor Gericht

Nach Kriegsende wurden in Polen bis 1953 knapp 700 der insgesamt gut 7.000 SS-Leute, die in Auschwitz Dienst taten, vor Gericht gestellt. Lagerkommandant Rudolf Höß wurde 1946 bei Flensburg gefasst, nach seiner Überstellung nach Polen von einem Gericht zum Tode verurteilt und am 16. April 1947 auf dem ehemaligen Lagergelände in Auschwitz hingerichtet. In seinen Memoiren schrieb er: "Mag die Öffentlichkeit ruhig weiter in mir die blutdürstige Bestie, den grausamen Sadisten, den Millionenmörder sehen - denn anders kann sich die breite Masse den Kommandanten von Auschwitz gar nicht vorstellen. Sie würde doch nie verstehen, dass der auch ein Herz hatte, dass er nicht schlecht war".

Dusko Vukovic