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Dynastie: Die Herren von Jerusalem

Sie gelten als Nachfahren des Propheten. Die Husseinis sind die erste Familie Palästinas und des Widerstandes gegen die Zionisten.

Als Ismail Musa al-Husseini 1897 am Skopusberg einen Palast mit imposanter Freitreppe bauen ließ, traf in Jerusalem gerade die erste jüdische Einwandererwelle ein. Die Stadt unterstand noch dem Sultan im fernen Istanbul. Seine Emissäre zeigten sich begeistert von der orientalischen Pracht des Schlösschens an der Abu-Obeidah-Straße. Äthiopiens Monarch Haile Selassie, der deutsche Kaiser Wilhelm II. - sie alle tranken einst Tee in der Villa, heute unter dem Namen "Orient-Haus" ein Symbol vergangener Palästinenser-Macht.

Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein beherrschten die Husseinis in Jerusalem das Geschehen. Die Familie glaubt, von Hussein abzustammen, dem Enkel Mohammeds; ihre Vorfahren sollen vor 700 Jahren von Mekka nach Jerusalem gekommen sein. Verbrieft ist, dass ein Husseini im 17. Jahrhundert "Adelsmarschall der Aliden", der Nachkömmlinge der Propheten, war und Oberhaupt des Heiligen Bezirks. Fast immer bekleidete der Clan danach so wichtige religiöse Ämter wie das des Muftis, des Rechtsgutachters, und verfügte in Palästina über ausgedehnte Ländereien. Mehrfach stellten die Husseinis auch den Bürgermeister. Ganze Stadtteile, etwa am Ölberg, gehörten der 3000 Mitglieder starken Adelssippe. "Bis etwa ins Jahr 1940", erzählt ein Mitglied der Familie, "mussten Juden vom Gehsteig herunter, wenn ein Husseini vorbeikam."

Kampf gegen die Zionisten

Von Anfang an kämpfte die Familie gegen die Zionisten. Am radikalsten Hadj Amin al-Husseini, der Begründer des palästinensischen Nationalismus. Als im April 1920 in Jerusalem Unruhen ausbrachen, wurde der brillante Prediger von der britischen Mandatsregierung wegen "Aufhetzung" zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Doch der 27-Jährige floh nach Syrien, wurde begnadigt und bald zum Großmufti ernannt. Stets versuchte der schmächtige Mann mit dem blassen Teint und den roten Haaren den Palästina-Konflikt zu internationalisieren. Dazu reiste er quer durch Arabien. Immer wieder kam es in seinem Herrschaftsbereich zu Massakern - bis hin zum Aufstand gegen Briten und Juden ab 1936.

Erneut konnte sich der Aristokrat nur durch Flucht retten - diesmal nach Bagdad. Doch dann machte Hadj Amin einen gewaltigen Fehler: 1941 zog er nach Berlin, pries Hitler als den "von der gesamten arabischen Welt bewunderten Führer", rekrutierte 1943 in Bosnien-Herzegowina "Muselgermanen" für die Waffen-SS und forderte von den Nazis Luftangriffe auf Tel Aviv. Nie wieder kam der geächtete Großmufti in seine Heimat zurück; vereinsamt starb er 1974 in Beirut.

Ein Bild im Wandel

Bis heute ist keine Straße, kein Platz nach ihm benannt. Denn er gilt als verantwortlich für die "Naqba" - die Katastrophe des Verlusts der palästinensischen Heimat. Doch das Bild wandelt sich gerade. Selbst manche israelische Forscher sehen in dem berühmtesten Husseini-Spross auch einen palästinensischen Patrioten. Und für arabische Experten hat Hadj Amin al-Husseini nicht aus ideologischen Motiven mit den Nazis paktiert, sondern einfach nach dem Motto gehandelt: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Tilman Müller / print