Eberhard Boerger "Die ganze Invasionsfront - weg"


Der deutsche Fallschirmjägeroffizier Eberhard Boerger, 27, wurde mit seinem Bataillon in der Nacht zum 6. Juni von der Bretagne in die Normandie beordert. Im Herbst 1944 geriet beim belgischen Mons in Gefangenschaft.

"Am dritten Tag der Invasion erreichten wir das Kampfgebiet. Südostwärts von St. Lô standen wir auf der Höhe 192. Von dort konnte man bis Omaha-Beach sehen. Wir suchten die Front. Aber da war nichts mehr. Wir dachten, da müssen doch Truppen vor uns liegen, aber auf dem ganzen Gelände zwischen der Höhe und dem Meer war alles aufgerieben.

Drei Tage nach der Invasion war von der Abwehrfront nichts mehr zu sehen. Mehrere zehntausend Mann – weg. Im ganzen Bereich war nichts mehr - und das waren etwa acht Kilometer bis zum Omaha-Beach. Die Invasionsflotte hingegen konnte man mit bloßem Auge sehen, diese großen Pötte. Das war ein Gefühl der Machtlosigkeit. Hoffnungslos, vollkommen hoffnungslos. Es war klar, das konnte nichts werden. Wir hatten ja keine Waffen, dagegen anzugehen. Mir war schon seit Afrika und Stalingrad klar, dass der Krieg verloren ist. Aber wir hatten gehofft, vielleicht eine bessere Verhandlungsposition zu bekommen für eine politische Lösung.

Am Anfang waren die Befehle sehr widersprüchlich. Erst sollte ich angreifen bei Sainte-Mère-Église. Dann bekamen wir Befehl, die Straße von Bayeux nach St. Lô zu sichern. Ich bin dann mit einigen Leuten dorthin gefahren. Aber da waren schon die Amerikaner. Kein Mensch hatte das für möglich gehalten, dass wir nach drei, vier Tagen schon den Amerikanern gegenüberstehen. Da war nun doch eine Invasionsfront. Wir hatten angenommen, dass wir uns irgendwann mal sammeln, dass dann Artillerie da ist, und vielleicht Flugzeuge, und wir die Invasion verhindern. Aber es hat bei uns in der ganzen Zeit nie einen Befehl gegeben, die Invasion anzugreifen. Und uns war klar, es gibt keine Verstärkung. Zu uns kamen nur Versprengte - alte, verstörte Männer.

Wir bezogen Stellung rechts der Straße auf ungefähr zwei Kilometern Länge. Zirka 100 Meter vor uns lag die Texas-Division mit dem Indianerkopf auf der Jacke. Uns kam zu Gute, dass die Normandie-Weiden mit diesen zwei Meter hohen, bewaldeten Wällen umzäunt sind. Dahinter haben wir Stellung genommen. Panzer konnten da nicht so einfach durch.

Unter uns gesagt, wir haben Schwein gehabt. Wir mussten sofort unsere Versorgung aufbauen, es gab ja keinen Nachschub. Die schönen Normandie-Weiden waren voll mit verreckendem Vieh. Die Bauern waren weg und hatten sie nicht mehr versorgt. Das Brüllen von den Viechern höre ich heute noch. Wir mussten schlachten, so was hat es noch nicht gegeben. Wir hatten so viel Wurst und Fleisch, das konnte kein Mensch essen. Aber das Vieh verreckte. Den Gestank können Sie sich nicht vorstellen. In dieser Pest zu leben und zu kämpfen war grauenhaft.

Da begann der Stellungskrieg. Die Männer hatten sich Schießscharten und Schutz gebaut. Trotzdem haben wir ungefähr ein Drittel der Truppe verloren. Einmal hab ich neun Leute durch eine einzige Granate in die Feldküche verloren, nachts um zwölf. Die stehen da, weil sie hungrig ihr Essen holen wollen, und da kommt die Granate mitten rein. In der ganzen Zeit habe ich nur ein einziges deutsches Flugzeug gesehen, das direkt über meinem Gefechtsstand abgeschossen wurde. Was das bedeutet, wenn die anderen mit 400 Bombern über einen weggehen und die Erde umpflügen...Das ist nicht einfach, damit fertig zu werden...

Meine seelische Verfassung, das sag ich ganz ehrlich, war damals die eines Graf Stauffenberg. Wenn ich die Chance gehabt hätte, diesen österreichischen Schweinehund zu kriegen, ich hätte ihn umgebracht. Aber ich bin nur ein kleiner Bataillonskommandeur gewesen, der da reingeschickt wurde mit seinen Leuten. Die oberste Führung war ja der Meinung, das ist gar nicht die eigentliche Invasion. Und diejenigen, die die Amerikaner hätten zurück ins Meer werfen können, die großen Tigerpanzer der SS-Divisionen, die haben sie im Hinterland festgehalten. Wenn die vorne eingesetzt worden wären, und nicht wir kleinen Hanswurschteln mit unseren Maschinengewehren, dann hätte man vielleicht was machen können.

Die Stellung haben wir vom 12. Juni bis zum 25. Juli gehalten. Doch die Amerikaner waren inzwischen westlich von St. Lo durchgebrochen und in den französischen Raum eingefallen. Die Gefahr bestand, dass sie uns von hinten angreifen und uns in einen Kessel sperren. Auf Befehl ging der Rückzug los. Der war verlustreich, zum Schluss hatten wir nur noch ein Drittel des Bataillons. Der Rest war gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft. Rückzug war immer nachts, erst in Schritten von zwei, drei Kilometern, dann in immer größeren. Wir wussten gar nicht wohin, wir gingen einfach zurück. Die Gesamtlage kannten wir ja nicht, dazu waren wir zu klein. Und meinen Divisionskommandeur bekam ich nicht zu Gesicht, sechs Monate lang. Ich wusste als Bataillonskommandeur gar nicht, wie mein Divisionskommandeur aussieht! Tags kämpfen, bei Nacht marschieren, immer neue Stellungen bauen, neue Erdlöcher graben. Und dann musste man sehen, wo man was zu Essen und zu Saufen bekommt. Es gab keine Versorgung mehr, die Kühe waren verreckt, die Männer hungerten. Was sollten wir denen geben? Ich weiß selbst nicht mehr, wovon wir gelebt haben.

Wir sind immer zurück, über die Orne, immer wieder kämpfen, kämpfen, kämpfen. Und auf einmal hieß es am 18. August: Wir sind eingekesselt. Polnische, amerikanische und englische Truppen hatten den Falaise-Kessel zu gemacht, hauptsächlich mit Panzern. Es hieß, da seien 90.000 Mann drin, aber das ist übertrieben, denke ich. Wir waren am westlichsten Punkt und mussten nachts, vom 19. auf den 20. August, die ganzen 20 Kilometer durch den Kessel marschieren. Ich hatte ungefähr noch 300 Mann, aber es wurden immer mehr, weil sich so viele Versprengte anschlossen. Die Wiesen und Felder waren taghell erleuchtet: Es gab kein Gehöft, kein Dorf, das nicht brannte in dieser Nacht. Immer wieder bekamen wir Salven ab, die um uns herum zischten. Aber das schlimmste war unser Durst. Es war eine heiße, schwüle Nacht, es war zum Sterben.

Am Ende des Kessels kamen wir an einen kleinen Fluss, die Dives. Dort kamen wir in das furchtbarste Artilleriefeuer, das ich je erlebt habe. In den zwanzig Minuten sollen die aus fast 100 Geschützen ungefähr 10.000 Granaten auf uns abgefeuert haben. Schutz gab es nicht, wir waren deckungslos. Weglaufen ging nicht mehr. Man drückte sich nur noch in eine Kuhle und hoffte. Je schärfer und giftiger das Pfeifen der Granaten, desto näher waren sie dran. Ich hab es immer vermieden, diese apokalyptischen Szenen zu beschreiben, die Schreie der Sterbenden. Um die Verwundeten konnte sich keiner mehr kümmern. Es galt nur noch, rette sich wer kann. Jeder wollte nur noch raus aus diesem Kessel.

Ich glitt in die Dives, hielt mich am Ufer fest und hoffte, nicht wieder verwundet zu werden. Nach 20 Minuten war das Feuer auf einmal vorbei. Ich machte kehrt und bin wieder auf der Westseite der Dives raus, einen leichten Hang nach Süden rauf, da war ein kleiner Wald. Das war eine Glücksstunde: Ich sah eine kleine Holzbrücke über den Fluss und ich hab geschrien: "Los Jungs, da müssen wir rüber". Hurra schreiend sind wir den Hang runter gestürmt, über die Brücke. Da lagen noch tote Soldaten, ich glaube, es waren Deutsche. Aber es gab keinen Widerstand. Wir sind über die Brücke und vor uns war ein breites Feld.

Die ganzen Fahrzeuge und Verwundeten-Transporter sind hinter uns her, sind über und neben dieser Brücke durch dieses Loch, das wir gefunden hatten. Wir standen am Fuß des Mont Ormel. Ich konnte nicht mehr, hab mir ein Sturmgeschütz geangelt und bin mitgefahren. Dann starteten wir den Angriff auf die nächste Höhe. Da standen Panzer, das konnten wir sehen. Später hab ich erfahren, es waren 18 Stück. Mein Sturmgeschütz schoss den ersten Panzer ab. Trotzdem wären wir da nie durchgekommen. Doch auf einmal brannten alle Panzer oben auf der Höhe. Von hinten war die SS mit ihren Tigerpanzern gekommen. Sonst hätten wir das nie geschafft, es war ein Glücksfall. Aber jetzt konnte alles, was kroch und fuhr, durch das Loch raus. Wohl ungefähr 9.000 Mann. Drei, vier Stunden später hat die britische Artillerie das Loch nach einem Stellungswechsel wieder dicht gemacht. Viele Tausende sind im Kessel in Gefangenschaft geraten.

Wenn Sie mich fragen, ich bin den Amerikanern und Briten dankbar für die Befreiung. Und es war ja eine Befreiung. Aber ich hätte es schon vorgezogen, wenn unsere deutschen Offiziere uns von dem österreichischen Monster befreit hätten und eine politische Lösung möglich gewesen wäre."

Aufgezeichnet von Sabine Fiedler print

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