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Krieg in der Ukraine Schwere Waffen – wie sie in die Ukraine und dann ins Kampfgebiet kommen

So werden Schützenpanzer vom Typ Marder transportiert.
So werden Schützenpanzer vom Typ Marder transportiert.
© Hendrik Schmidt/ / Picture Alliance
Die Ukraine braucht und bekommt schwere Waffen aus dem Westen. Die wirklichen Probleme beginnen beim Transport der Systeme, denn Putin will verhindern, dass sie an die Front kommen.

Ohne schwere Waffen und dazugehörende Munition aus dem Westen wird die Ukraine den Krieg nicht lang fortsetzen können. Die eigenen Bestände an Panzern und Artillerie werden während der Kämpfe dezimiert, die Munitionsvorräte verbraucht. Nachschub aus dem Westen soll Abhilfe schaffen, aber dafür muss er in die Ukraine und vor allem ins Kampfgebiet gelangen.

Leichte Waffen lassen sich fast beliebig transportieren. Per Bahn und Lkw – aber auch mit Frachtflugzeugen und Transportern. Bei schweren Waffen sieht das anders aus, sie kann man nicht im Dutzend auf eine Europalette laden. Und schwer ist nicht gleich schwer. Schützenpanzer, Mannschaftstransporter und Geschütze ohne Selbstfahrlafette lassen sich meist noch mit speziellen Flugzeugen transportieren, wenn Zeit vor Kosten geht. Kampfpanzer und Panzerhaubitzen müssen, wenn sie etwa aus den USA in die Ukraine sollen, zunächst auf ein Schiff verladen werden.

Bei Lieferungen aus Europa bietet sich fast immer der Transport per Bahn an – auch wenn Luftfracht möglich ist. Auch schwere Panzer können lange Strecken mit speziellen Lkw bewegt werden, doch allein wegen der Überbreite und der Schwere des Gespanns dürfte der Güterzug gewählt werden. Mit der Bahn ist der Transport auch großer Mengen an Ausrüstung kein Problem – bis zur ukrainischen Grenze. Denn danach wird es gefährlich.

NATO-Gebiet ist (noch) tabu

Der Kreml hat mehrfach seinen Unmut über die Waffenlieferungen westlicher Länder an die Ukraine bekundet, sie als Einmischung in den Krieg bezeichnet und die Transporte legitime militärische Ziele genannt. Doch auch ohne in komplizierte rechtliche Abwägungen einzusteigen, kann man sagen: Bislang hat Russland derartige Transporte außerhalb der Ukraine nicht angegriffen, und es wäre eine deutliche Eskalation des Krieges, sollte Russland Eisenbahnanlage in Polen, also auf NATO-Gebiet, angreifen. So etwas erwartet derzeit niemand – das könnte sich ändern, wenn die ukrainischen Streitkräfte regelrechte Stützpunkte auf der "sicheren" Seite der Grenze aufbauen sollten.

Stand heute kann man sagen: Zug, Lkw und Rüstungsgüter sind "safe", solange sie nicht auf ukrainischem, sondern auf NATO-Boden befinden. Schaut man auf die versprochenen Waffenlieferungen aus Deutschland, heißt das, es gibt keine nennenswerten Probleme bis an die Grenze. Ob es nun die zwischen der Ukraine und Polen oder der Slowakei ist. Eine Lieferung über die Republik Moldau bietet sich dagegen nicht an, auch wenn das Land näher am Kampfgebiet im Osten der Ukraine liegt. Zum einen hat Russland wichtige Verkehrsverbindungen dort bereits zerstört, zum anderen ist Moldau nicht NATO-Mitglied und eine russische Vergeltung eher möglich.

1000 Kilometer in der Ukraine

Doch an der Grenze fangen die Probleme an. Zwischen Lemberg an der ukrainischen Westgrenze und dem Donbass liegen etwa 1200 Kilometer Strecke – die müssen per Eisenbahn oder auf Hauptverkehrsstraßen zurückgelegt werden. Nebenstraßen sind wegen des Gewichts, der Höhe und der Breite der Transporte nicht möglich. Die russische Armee hat sich in der Ukraine bislang nicht mit Ruhm bedeckt. Dennoch muss man davon ausgehen, dass Eisenbahnzüge mit gepanzerten Fahrzeugen oder die riesigen Schwertransporter auf der Straße entdeckt und angegriffen werden. Man kann sagen: Hätte Putin eine Luftwaffe wie die US-Airforce, würde nicht ein einziger Panzer jemals im Donbass ankommen. Aber auch so gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Transporte angegriffen werden.

Derartige Schwertransporte sind leicht auszumachen – selbst aus dem All. Und sie können nur wenige Verbindungen nutzen. In der Ukraine kommen weitere Faktoren hinzu. Russland greift das Verkehrsnetz an, viele Schäden lassen sich zeitnah reparieren – zerstörte Brücken und Tunnel aber nicht. Ähnliches gilt für Über- und Unterführungen an Autobahnkreuzen. Die Zerstörungen zwingen die Transporte auf die verbliebenen intakten Routen. Die Ukraine wird außerdem von Flüssen durchzogen, der mächtigste ist der Dnjepr. Die wenigen Möglichkeiten der Überquerung müssen auch die Waffentransporte benutzen und dort werden die Russen sie erwarten.

Diese Transportwege liegen allerdings außerhalb der Reichweite der russischen Artillerie. Mit Marschflugkörpern und Raketen können die stationären Verkehrseinrichtungen – Schienen, Brücken, Bahnhöfe – attackiert werden. Bei einem mobilen Transport geht das nicht so leicht, er müsste entweder von der Luftwaffe angegriffen werden oder das Ziel müsste von einer Drohne beobachtet werden. Die ukrainischen Streitkräfte können daher versuchen, neuralgische Stellen wie die Flussübergänge mit Luftabwehr zu schützen. Doch die gesamte Strecke wird sich nicht abdecken lassen.

Schwere Waffen lassen sich nicht verstecken

Wie gefährlich der Transport von Militärgütern derzeit ist, lässt sich daran erkennen, dass Kiew dazu übergegangen ist, zivile Transporter ohne militärische Markierungen zu benutzen. Rechtlich ist das eine fragwürdige Praxis, in Kriegen allerdings eine verbreitete Methode. Im Falle der wirklich schweren Waffen nützt es nur nichts. Eine Panzerhaubitze lässt sich kaum verstecken. Das gleiche Problem betrifft die Munition. Der Einsatz von Artillerie und insbesondere der von Mehrfachraketenwerfern erfordert sehr viel Materialnachschub. Diese Mengen kann man nicht getarnt im Kofferraum oder in Lieferwagen bewegen. Auf eigenen Ketten können so lange Strecken übrigens nicht zurückgelegt werden. Nur der letzte Abschnitt von Entladepunkt bis zum Einsatzort wird selbst gefahren.

Wladimir Putin und Alexander Dwornikow im Jahr 2016
Foto: Alexei Nikolsky/AP/dpa

Für welchen Transport sich die Ukraine entscheidet, kann man kaum vorhersagen. Der Weg über die Eisenbahn ist schneller und die Kapazität größer. Dafür kann aber auch gleich ein ganzer Zug auf einmal mal verloren gehen. Bei Beschädigungen der Strecke kann ein Zug kaum ausweichen und muss als Zielscheibe eine Reparatur abwarten. Auch ist es denkbar, dass das Schienennetz in den Osten komplett unbrauchbar wird. Daher kann es aussichtsreicher sein, die Lieferungen aus dem Westen auf Lkws und schwere Tieflader zu packen. Und die Fahrzeuge nicht in einem auffälligen Konvoi zu organisieren, sondern die Fahrzeuge einzeln auf die Reise zu schicken. Sie nur nachts fahren zu lassen und tagsüber in Hallen unterzustellen. Vorausgesetzt, dass genügend Transporter in der Ukraine vorhanden sind.

Kampf entschieden, bevor Deutschland zum Zuge kommt

Fazit: Die Kämpfe im Donbass bestimmen den weiteren Kriegsverlauf. Wenn Kiews Truppen die Offensive stoppen können, gibt es für Putin keine Möglichkeit, mehr mit den vorhandenen Kräften die Ukraine zu erobern. Die Abwehr kann den ukrainischen Streitkräften aber nur gelingen, wenn sie Nachschub an Material und Munition erhalten. Der Kampf um die Nachschubwege ist entscheidend. Für die deutschen Lieferungen wie die Panzerhaubitze 2000 oder den Gepard Flakpanzer gilt das allerdings nur eingeschränkt. Bis zur ersten Lieferung in die Ukraine vergehen mindestens vier Wochen – bis dann hat sich geklärt, ob Kiew die Nachschubwege freihalten kann oder ob es der russischen Armee gelingt, die Routen unbrauchbar zu machen und die Transporte auf dem Marsch an die Front zu vernichten.


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