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Rüstung Panzerhaubitze 2000 – Kiew bekommt eines der modernsten und gefährlichsten Artilleriesysteme der Welt

Die Haubitze kann auch im direkten Schuß eingesetzt werden.
Die Haubitze kann auch im direkten Schuß eingesetzt werden.
© Bundeswehr/Marco Dorow / PR
Ganz oben auf dem Wunschzettel der Ukraine steht die Panzerhaubitze 2000. Zu Recht, die Waffe ist sehr leistungsfähig und die Rolle der Artillerie ist heute wieder kriegsentscheidend. Nun wird sie geliefert.

Der Namenszusatz "2000" versprüht im zivilen Leben einen Hauch von Retro, bei der Bundeswehr ist das Siegel "22 Jahre alt" gleichbedeutend mit "brandneu". Die Panzerhaubitze 2000 ist eines der modernsten und tödlichsten Geschütze der Welt, sie steht ganz oben auf der Kiewer Wunschliste. Die Bundesregierung hat sich lange geziert, Modelle aus dem Bestand der Bundeswehr zu liefern. Die Ukraine hat die Haubitze zuerst aus den Niederlanden bekommen, nun schließt sich Deutschland an.

Was ist eigentlich eine Panzerhaubitze? Dabei handelt es sich um ein Artilleriegeschütz, das auf eine Panzerwanne mit Kettenantrieb aufbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurden die ersten Modelle eingesetzt. Sie wurden notwendig, damit schwere und weitreichende Artillerie den motorisierten Verbänden und den Panzereinheiten folgen konnte. Damals wurden viele Geschütze noch von Pferden gezogen, und sie konnten bei dem schnellen Tempo kaum mithalten. Wurde das Geschütz von einem schweren Schlepper – damals in Deutschland meist Halbkettenfahrzeuge – gezogen, waren Kosten und Aufwand für Zugfahrzeug und Geschütz unwesentlich geringer als für eine selbstfahrende Kanone.

Weiterer Vorteil der Panzerhaubitze. Sie kann sehr schnell aus der Bewegung zum Feuern kommen und nach dem Schuss ebenso schnell weiterfahren, um so dem Gegenschlag des Gegners zu entkommen. Die Modelle Hummel und Wespe aus dem Zweiten Weltkrieg teilten damals allerdings ein Grundproblem des deutschen Panzerbaus: Es wurden zu schwere Geschütze auf kleine Fahrgestelle gesetzt.

Technik der Leopard-Panzer

Das passiert bei Modellen wie der Panzerhaubitze 2000 natürlich nicht mehr. Sie heißt "Panzer-" und nicht Artillerie auf Selbstfahrlafette, weil das Fahrzeug rundum von einer Panzerung geschützt ist. Diese Panzerung ist nicht in der Lage einem Treffer eines Kampfpanzers zu widerstehen oder einer Panzerabwehrrakete, doch sie kann Besatzung und Gerät vor leichten Waffen und der Splitterwirkung der gegnerischen Artillerie schützen.

Anders als bei den erwähnten Modellen Hummel und Wespe "passt" bei der Panzerhaubitze 2000 das Fahrgestell zur Waffe. Ihr Fahrwerk basiert auf den Leopard-Kampfpanzern. 1000 PS bringen den Koloss auf bis zu 60 km/h und das bei einem Leergewicht zwischen 49 und 57 Tonnen. Mit 3,46 m ragt das Geschütz höher auf als ein Kampfpanzer, es besitzt aber dennoch ein ausgewogenes Verhältnis von Höhe zu Breite; frühere Modelle bauten zu hoch auf, das führte dann zu deutlichen Einschränkungen der Beweglichkeit im Gelände.

Diese Art von Panzerhaubitzen wird seit den 1960er-Jahren gebaut. Was ist also das Besondere an der "2000er"? Ihre Fähigkeit zu "shoot and scoot" ("Feuern und dann nichts wie weg!") wurde deutlich verbessert. Sie ist heute entscheidend für das Überleben der Artillerie. Spezielle Radargeräte ermitteln aus der Laufbahn der Granaten die Position der abfeuernden Kanonen. Mit diesen Daten holt die gegnerische Artillerie zum Gegenschlag aus. Dann bleiben nur wenige Minuten zwischen Abschuss und Verlagern.

Salvenfeuer 

Die Panzerhaubitze 2000 kann ein gestaffeltes Salvenfeuer abschießen. Die Haubitze feuert dann bis zu sechs Geschosse hintereinander ab. Dabei wird die Flugbahn jeweils ein wenig verändert. Das führt dazu, dass die nacheinander abgeschossenen Projektile gleichzeitig im Ziel einschlagen. Die Panzerhaubitze 2000 erzeugt so den massiven Feuerschlag eines Salvengeschützes. Das ist nicht unique, aber diese Technik beherrschen nur die neuesten Geschütze.

Die Haubitze verschießt Munition von 155 mm – dem Standardkaliber für schwere Artillerie. Die 155 L52-Kanone hat einen acht Meter langem Lauf. Projektile werden automatisch zugeführt, die Treibladung wird manuell eingeworfen. . Die normale Reichweite beträgt bis zu 40 Kilometer. Mit reichweitengesteigerter Munition werden auch 56 und sogar über 100 Kilometer erreicht. Diese Art von Munition wird im Rohr von der Treibladung abgefeuert und zündet im Flug einen zusätzlichen Raketenmotor. Im Vergleich zu dem Vorgänger der Panzerhaubitze M109 wurde die Zielgenauigkeit massiv verbessert. Als derzeit einziges Artilleriesystem kann die Panzerhaubitze 2000  bewegliche Ziele bekämpfen. Die Präzision und die hohe Feuerrate machen die Panzerhaubitze 2000 zu einem der gefährlichsten Geschütze der Welt. Bei einer Feuerrate von drei Schuss pro Minute kann der gesamte Munitionsvorrat von 60 Projektilen verschossen werden, ohne dass das Rohr überhitzt.

Die ersten Modelle wurden 1998 ausgeliefert, insgesamt erhielt die Bundeswehr 185 Exemplare. Der Name ist übrigens eine Verlegenheitslösung. Ursprünglich wollte man der Tradition folgen und einen Tiernamen wie etwa Rhinozeros wählen. Da man sich nicht auf einen wohlklingenden Namen einigen konnte, blieb es dann bei der prosaischen Werksbezeichnung "Panzerhaubitze 2000". Eine gänzlich andere Entwicklung der Artillerie zeigt sich im Archer-System aus Schweden und Norwegen. Der Archer verzichtet auf einen Kettenantrieb und baut eine 155-mm-Haubitze auf einen geländegängigen Allrad-Lkw auf. Das drückt die Kosten und den logistischen Fußabdruck im Einsatz.

Renaissance der Artillerie

In der Öffentlichkeit wird die Bedeutung der Artillerie generell unterschätzt. Kanonen und Selbstfahrhaubitzen sind nicht "fancy" genug, sie führen ein Nischendasein im Schatten von "PR-Stars" wie Panzern oder Jets. Auf dem Gefechtsfeld erlebt die Artillerie dagegen eine Renaissance. Ihre enorme Feuerkraft ist heutzutage mit auch in der Praxis nutzbaren Reichweiten von 30 bis 40 Kilometer verbunden. Eine mitten in Berlin platzierte Panzerhaubitze 2000 könnte weit über Potsdam im Südwesten und Strausberg im Osten hinaus wirken. Mit Reichweitengesteigerter V-LAP-Munition weit über Frankfurt an der Oder hinaus.

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Der Einsatz von Beobachtungsdrohnen plus die größere Zielgenauigkeit der Kanonen haben die Artillerie extrem gefährlich gemacht. Einfache und kostengünstige Drohnen können ein Ziel ausspähen, das sofort bekämpft werden kann. Die Drohne kann das Ziel etwa mit einem Laser ausleuchten, spezielle Munition lässt sich dann von diesem Laser direkt ins Ziel leiten. Drohnen können auch dazu dienen, den gewaltigen Feuerschlag einer Batterie von Haubitzen mit der Präzision einer teuren Lenkwaffe auszuführen.


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