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Herero-Aufstand: Sturm über Deutsch-Südwest

Im Januar 1904 erhoben sich die Herero im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, gegen die weißen Kolonialherren aus dem Kaiserreich. Am Waterberg gab Generalleutnant von Trotha schließlich den Vernichtungsbefehl.

Das Gewehr fest in der Hand, den Blick entschlossen in die Ferne gerichtet, so wacht der "Südwest-Reiter" seit mehr als 90 Jahren über Namibias Hauptstadt Windhuk. Direkt gegenüber der Christuskirche erinnert er stolz im Sattel sitzend an 1749 Deutsche, die bei der Umsetzung kaiserlicher Kolonialpolitik im Kampf gegen die Herero und andere Stämme ums Leben kamen. Das Denkmal stammt aus einer Zeit, als das Land noch "Deutsch-Südwestafrika" hieß. Am 11. Januar gedenken Namibier und Deutsche an den Beginn des Herero-Aufstandes gegen die deutschen Kolonialtruppen vor 100 Jahren. Seine Niederschlagung galt als der verheerendste aller Feldzüge, die das Kaiserreich je in seinen Kolonien geführt hat.

Die Frage, wie dem dunklen und noch immer emotionsbeladenen Stück deutscher Geschichte ein würdiger Rahmen zu verleihen ist, hat seit Monaten die Gemüter in Namibia bewegt. Die Zahl der damaligen Opfer schwankt unter den Historikern zwischen 25 000 und 100 000. Im Extremfall wären bis zu 80 Prozent des Volkes durch die Kämpfe und ihre Folgen gestorben. Am Waterberg, wo sich tausende Herero mit ihren Familien verschanzt hatten, fand am 12. August 1904 die Entscheidungsschlacht statt. Den in die Wüste Geflohenen wurde der Rückweg abgeschnitten. Generalleutnant Lothar von Trotha hatte Befehl zur völligen Vernichtung der Herero gegeben.

Leiden unter den Folgen der Kolonialzeit

Strittig ist die Frage, ob die brutale Strategie des damaligen Befehlshabers der kaiserlichen Schutztruppen als vorsätzlicher Völkermord zu sehen ist. Einer, der davon überzeugt ist, ist der Oberhäuptling der Hereros, Kuaima Riruako. Er leitet ein Gedenkkomitee, das unter anderem den Bau eines Museums plant. Über seine Anwälte hat er in den USA auch Reparationsklagen gegen die Bundesrepublik eingereicht. Sie und die Deutsche Bank sollen für die Verbrechen deutscher Kolonialzeit Wiedergutmachung in Höhe von vier Milliarden Dollar zahlen. "Die Herero leiden noch heute unter den Folgen der Kolonialzeit", betont der schwergewichtige 68-Jährige.

Seine Folgerung: "Die deutsche Regierung ist verantwortlich für die Hereros und das, was ihnen angetan wurde." Politisch heikel und juristisch fraglich will er eventuelle Reparationszahlungen an Namibias Regierung vorbeileiten. Sie müssten außerhalb des Landes in einem Fonds angelegt und "die Zinsen für die Entwicklung der Herero genutzt werden", sagt Riruako voller Misstrauen gegen die eigene Regierung. Die möchte die Gedenkfeiern aus Furcht vor ethnischen Sonderwegen der Herero ohne großes Aufsehen hinter sich bringen. Eine Feier mit deutschen Pfadfindern zum "Herero-Tag" im August wurde überraschend von Präsident Sam Nujoma verboten.

Bundesaußenminister Joschka Fischer vermied Ende Oktober eine direkte Entschuldigung bei seinem Aufenthalt in Windhuk. Er wolle keine "entschädigungsrelevanten Äußerungen" machen, sagte er. Klar sei aber die besondere Verantwortung Deutschlands für Namibia, lautete seine Formel. Die Bevölkerungsminderheit der deutschstämmigen Namibier zeigt ebenfalls wenig Begeisterung. "Es gibt eine Menge Leute in Namibia, die den ganzen Jahrestag lieber so schnell wie möglich vorbei gehen lassen möchten. Sie beziehen die schuldhafte Vergangenheit der Vorfahren auf sich und fürchten, selbst angegriffen zu werden", sagt Bischof Reinhard Keding von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia.

Die Hereros in Namibia

In Namibia leben heute mehr als 100 000 Hereros. Die Menschen des einst mächtigen, freiheitsliebenden und kriegerischen Bantu-Volks mit eigener Viehzucht müssen heute meist als Arbeiter auf großen Farmen ihr Auskommen finden. Einige halten noch eigene Rinder oder verdienen ihren Lebensunterhalt als Handwerker und Händler in den Städten.

Die Hereros stellen etwa sieben Prozent der Bevölkerung und siedeln meist im mittleren Teil und östlichen Teil des Landes. Weitere leben in den Nachbarländern Botswana und Angola. Der soziale Status eines Herero bemisst sich nach wie vor an der Zahl seiner Rinder, ohne die ein Mann "nichts gilt". Die Herero bekennen sich zwar zum Christentum, verbinden es jedoch mit einem traditionellen Ahnen- und Rinderkult. Dazu zählen Okuruo, das heilige Feuer, und Bestattungen in Rinderhäuten.

Zu den kulturellen Höhepunkten zählt der jährlich Ende August gefeierte Maharero-Tag in Okahandja nördlich von Windkuk. Am Fest zu Ehren des Häuptlings Samuel Maharero, der 1904 den Aufstand gegen die Kolonialherren im damaligen Deutsch-Südwestafrika organisierte, säumen Herero-Frauen mit ihren traditionellen weiten Gewändern die Straßen. Auf den Köpfen tragen sie große Hüte, die wie Rinderhörner geformt sind.

Ralf E. Krüger / DPA