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Kardinal Graf von Galen: Das Wunder des "Löwen von Münster"

Vor seiner hünenhaften Gestalt und seinem grimmigen Blick sollen sogar die Nazi-Schergen Respekt gehabt haben. Papst Johannes Paul II. wird den Widerstandskämpfer und Bischof von Münster Kardinal von Galen nun selig sprechen.

Papst Johannes Paul II. wird im nächsten Jahr "den Löwen von Münster" selig sprechen. Kardinal Clemens August Graf von Galen, von 1933 an bis zu seinem Tod 1946 Bischof von Münster, war einer der wenigen Repräsentanten der katholischen Kirche, der sich dem unmenschlichen Wahn Hitlers auch öffentlich entgegengestellt hatte. Vor seiner hünenhaften Gestalt, seinem grimmigen Blick und seiner Stimmgewalt sollen sogar die Schärgen des Nazi-Regimes Respekt gehabt haben. Wie das Bistum Münster mitteilte, sind jetzt alle kirchenrechtlichen Bedingungen für die Seligsprechung des NS- Widerstandskämpfers erfüllt. Dass ein 16-Jähriger aus Indonesien nach dem Anrufen von Galens auf unerklärliche Weise geheilt worden sein soll, wurde als dafür notwendiges Wunder anerkannt.

"Nicht Lob noch Furcht"

Den lateinischen Spruch "Nec laudibus nec timore" ("Nicht Lob noch Furcht") hatte sich der aus einem alten Adelsgeschlecht stammende und streng konservativ denkende von Galen (1878-1946) als Bischof zum Leitwort gewählt. Als Oberhirte von Münster lebte er dieses Motto von der Kanzel im Widerstand gegen die Naziherrschaft. Schon 1934 hatte sich der in Dinklage im Oldenburger Münsterland geborene Theologe in einem Fastenhirtenbrief kritisch mit dem "Neuheidentum" der Nationalsozialisten auseinander gesetzt. 1937 trug er maßgeblich zur Veröffentlichung der päpstlichen Enzyklika unter dem Titel "Mit brennender Sorge" bei.

Berühmt aber wurden erst seine Predigten vom Juli und August 1941 - in einer Zeit, als die Mehrheit der Deutschen noch von einem ruhmreichen Kriegsausgang träumte, die Wehrmacht von Sieg zu Sieg auf dem Schlachtfeld marschierte und das Hitler-Regime fest im Sattel saß. Damals hatte von Galen vor allem die Euthanasie das Naziregimes in scharfer Form gebrandmarkt. Die Nationalsozialisten hatten den Massenmord an tausenden Behinderten unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu vertuschen gesucht.

Bei den Auftritten des Bischofs kam es zu Massenaufläufen mit zehntausenden Gläubigen und großem Polizeiaufgebot. "Die Predigttexte wurden unter der Hand gehandelt und sogar an der Front in Stalingrad gelesen", sagt Bistumssprecher Karl Hagemann. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte nach dem Krieg auf den Trümmern des Doms kamen 50 000 Katholiken, um dem Bischof zuzujubeln. "Er war in dieser Zeit sicher der bekannteste Katholik in Deutschland", sagt Hagemann.

Abrechnung nach dem "Endsieg"

Bei den Nationalsozialisten stand von Galen deshalb auf der schwarzen Liste. Nach einem von ihnen propagierten "Endsieg" sollte mit dem Münsteraner Bischof abgerechnet werden, soll Reichspropagandaminister Josef Goebbels in seinem Tagebuch verewigt haben. Während der Kriegswirren traute sich die Staatsmacht nicht, gegen den Würdenträger vorzugehen. Zu groß war der Rückhalt des fast zwei Meter großen Hünen mit den markanten Gesichtszügen in der Bevölkerung. Nach seiner Flucht aus dem durch Bomben zerstörten Münsteraner Bischofspalais 1944 hatte von Galen von seinem Ruhm nach dem Krieg nicht viel. Einen Monat nach seiner Aufnahme in das Kardinalskollegium starb er am 22. März 1946 an einer schweren Krankheit.

Papst Johannes Paul II. hat die Seligsprechung von Galens früh zu seiner persönlichen Angelegenheit gemacht. Schon 1987 betete der Heilige Vater während seines Deutschlandbesuchs am Grab des Bischofs im Münsteraner St.-Paulus-Dom. Noch vor Weihnachten will der Pontifex die bevorstehende Ehrung in Rom bekannt geben. Danach soll ein Termin für die Feierlichkeiten gefunden werden. Für die Verantwortlichen beim Bistum Münster um Bischof Reinhard Lettmann kommt die Kunde aus dem Vatikan sehr gelegen. Das Bistum feiert im nächsten Jahr sein 1200-jähriges Bestehen.

Michael Donhauser/DPA / DPA