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Köln: "Wir fahren in eine Stille und Leere"

"Der Trümmerhaufen wurde dem Feind überlassen", formulierte die NS-Propaganda nach dem Rückzug der Wehrmacht aus Köln. Nach zahlreichen Luftangriffen nahmen US-Truppen am 6. März 1945 die Ruinenstadt am Rhein ein.

Als US-Truppen am 6. März 1945 von Westen Richtung Rhein vorrückten, hatte ihr Ziel große Symbolkraft: Köln sollte die erste deutsche Metropole sein, die sie den Nazis entrissen. Aber was sie beim Einmarsch befreiten, war eine Trümmerwüste. "Wir fahren in eine Stille und Leere", notierte ein US-Reporter, "wenn man den Jeep anhält, hört man nichts, sieht man keine Bewegung auf der großen verlassenen Straße, gesäumt von leeren Steinkästen". Nur der Dom ragte noch aus der zerstörten Innenstadt auf - "Ein Überlebender in Köln" nannte ihn die britische "Daily Mail".

Verheerende Folgen des Luftkriegs

Fünf Monate waren vergangen, seit die Alliierten das 70 Kilometer entfernte Aachen besetzt hatten. Zwei Monate würde es noch dauern, bis die Wehrmacht kapitulierte. Durch die Bilder aus Köln erfuhr die Welt, welche Folgen der Luftkrieg hatte, mit dem die Alliierten den Widerstand des Hitler-Regimes brechen wollten. 770.000 Einwohner hatte Köln vor dem Krieg, im März 1945 waren es 40.000. 20.000 Menschen kamen bei Luftangriffen ums Leben. Die anderen flohen.

Unter ihnen war die 21-jährige Elisabeth Rohr, die beim letzten Angriff britischer Bomber am 2. März 1945 knapp ihr Leben retten konnte. "Der letzte Angriff war der schlimmste. Ich hatte diesen ganzen furchtbaren Krieg in Köln ausgehalten, aber als die Bomben direkt das Bürogebäude trafen, in dem ich noch einen Augenblick vorher gesessen hatte, da war ich am Ende", sagt die heute 81-Jährige.

Während des Krieges warfen 10.000 Flugzeuge mehr als 1,5 Millionen Bomben auf Köln. Bis heute gehören Bombenfunde bei Bauarbeiten zum Kölner Alltag. Beim US-Einmarsch waren 90 Prozent der Innenstadt nur noch Ruinen. 70 Prozent des Wohnraums in ganz Köln war zerstört oder beschädigt. "Der Trümmerhaufen Köln wurde dem Feind überlassen", formulierte die NS-Propaganda nach dem Rückzug der Wehrmacht.

Die Nazis hatten erst am 1. März 1945 die Evakuierung Kölns angeordnet, aber die Massenflucht dauerte schon viel länger. Am 1. Oktober 1944 waren die Schulen geschlossen worden. "Die Leute verließen Köln wegen der Zerstörungen und aus Angst vor weiteren Bomben", sagt der Kölner Geschichtsprofessor Jost Dülffer, "unter diesen Bedingungen waren sie auf dem Land sicherer als in der Stadt".

Kaum Widerstand trotz "Volkssturms"

Die US-Truppen stießen auf wenig Widerstand. Zwar hatten die Nazis mit dem "Führer"-Erlass vom 25. September 1944 noch alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren zum "Volkssturm" einberufen. "Aber sie verteidigten die ausgehobenen Stellungen kaum noch", sagt Dülffer, "die Mentalität war: Wir lassen uns überrollen, es soll endlich vorbei sein". Die Nazi-Größen setzten sich durch Kanäle und per Boot ab, die Wehrmacht sprengte die letzte Brücke über den Rhein und schoss von der anderen Seite aus Granaten ab, auch auf den Dom.

"Die Bevölkerung reagierte in der Regel mit Erleichterung auf den Einmarsch der Amerikaner", sagt Dülffer. Angst vor Rache durch die Eroberer, wie sie in Berlin angesichts der anrückenden sowjetischen Armee herrschte, habe es in Köln nicht gegeben. "Von den Amis hat uns nie irgendeiner etwas Böses getan, die meisten Soldaten waren liebe Kerle", erinnert sich Elisabeth Rohr. Manche Wirte boten den US- Soldaten Freibier an. Aber die blieben vorsichtig. "Überall war ein sowohl aufrichtiges als auch aufgesetztes Gefühl der Befreiung zu spüren", notierte ein US-Experte für psychologische Kriegsführung.

Überleben durch Tauschhandel

Die US-Militärverwaltung versuchte, Köln als Stadt möglichst rasch wieder lebensfähig zu machen. Schon zehn Tage nach dem Einmarsch waren 138 deutsche Polizisten im Einsatz. Auf Plakaten und mit Lautsprechern riefen die Befreier die Deutschen auf, an die Arbeit zu gehen. Zwei Wochen nach dem US-Einmarsch waren wieder 141 Bäckereien in Betrieb. "Mein Vater und ich haben bei einem Drogerie-Großhandel angefangen, aber ein Monatslohn hätte gerade mal für ein Pfund Butter auf dem Schwarzmarkt gereicht", erzählt Rohr. Tauschhandel sei die Devise gewesen, vor allem mit den Bauern aus dem Umland.

Noch vor Kriegsende machte die Militärverwaltung den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer wieder zum Oberbürgermeister Kölns. Die Nazis hatten ihn 1933 abgesetzt und 1944 vorübergehend eingekerkert.

Jürgen Hein und Yuriko Wahl/DPA / DPA
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