Kurt Rebmann "Unternehmt nichts zu meinem Schutz"


Nach der Ermordung seines Vorgängers Siegfried Buback durch die RAF wurde der Prädikatsjurist Kurt Rebmann 1977 zum Generalbundesanwalt berufen. Er diente bis 1990.

Werden Sie noch bewacht, Herr Rebmann?

Nein. Bis 1993 hatte ich Personenschutz. Danach musste ich vieles erst wieder lernen, zum Beispiel Autofahren, das durfte ich seit 1977 nicht mehr selbst.

Treffen Sie Ihre früheren Personenschützer gelegentlich noch heute?

Meine Frau und ich veranstalten jedes Jahr eine Weihnachtsfeier für diese Polizisten. Da verlose ich dann Geschenke, die ich bis heute jedes Jahr von Sponsoren bekomme.

Denken Sie noch oft an das Jahr 1977?

Natürlich. Die innere Sicherheit unseres Staates war nach den Morden an Buback, Ponto, Schleyer und der Entführung der "Landshut" ja nur noch partiell gewährleistet...

Helmut Schmidt hat geschildert, wie nahe es ihm ging, Schleyer zu opfern. Empfanden Sie das auch so?

Ja, wir waren mit der Familie Schleyer bekannt, weil ein Sohn mit unserem Sohn in die Schule ging. Wir hofften bis zum Schluss, Schleyer lebend befreien zu können.

In ihrem Amtszimmer hing ein Spruch von Friedrich dem Großen: "Wenn ich in die Hände der Feinde falle, unternehmt nichts zu meinem Schutz."

Ich habe damals erklärt, dass dieser Befehl auch für mich gelten soll.

Sie waren hart im Nehmen, aber auch im Geben.

Wir mussten die strafrechtlichen und strafprozessualen Möglichkeiten unserer Gesetze bis zur Grenze des Vertretbaren ausschöpfen. Auf den Stuhl des Generalbundesanwalts gehörte in dieser Zeit kein Softie. Aber wir haben alle Maßnahmen mit Augenmaß getroffen.

Gehörte dazu auch Ihr Vorschlag, RAF-Terroristen zu erschießen?

Diesen Vorschlag hatte ich nicht gemacht. Ich hatte zu bedenken gegeben, ob nicht für erpresserischen Menschenraub die Todesstrafe angedroht werden sollte. Aber es war natürlich klar, dass für eine solche Änderung des Grundgesetzes eine parlamentarische Mehrheit nicht zu erreichen war.

Vor kurzem haben Sie bei einer Diskussion mal Otto Schily in Schutz genommen.

Schily stand in den siebziger Jahren sicher auf der anderen Seite, aber er trat als RAF-Verteidiger immer korrekt mit Robe auf und hat nie einen Richter oder Staatsanwalt beleidigt. Außerdem hat Schily sich gewandelt, er steht jetzt eindeutig für Law and Order ein.

Was macht ein Terroristenjäger, wenn es keine Terroristen mehr gibt und er pensioniert ist?

Ich habe immer noch einen mit rechtswissenschaftlicher Arbeit erfüllten Tag. So bin ich Mitherausgeber des Münchner Kommentars zum BGB, eines Kommentars zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, Mitherausgeber der "Neuen Zeitschrift für Strafrecht" und der "Neuen Zeitschrift für Verkehrsrecht". Ich bin im Stiftungsrat der Deutschen Stiftung für Verbrechensverhütung und Straffälligenhilfe und Mitglied des Rechtsausschusses des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Außerdem bin ich Ehrenpräsident der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft in Hamburg und Ehrenvorsitzender des Landesverbandes Württemberg der Straffälligenhilfe.

Haben Sie mal ein Buch von Ulrike Meinhof gelesen?

Ja. Die 68er-Bewegung wollte mehr Demokratie, mehr Freiheit, das war alles diskutabel. Aber indiskutabel war, durch Tötung von Symbolfiguren unseres Staates die innere Ordnung zu erschüttern.

Sie sind ein Anhänger von Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß.

Ja, ganz klar. Aber hier lässt in unserer Gesellschaft mittlerweile vieles zu wünschen übrig. Wir haben einen Werteverfall in weiten Bereichen. Auch unsere Politiker sollten sich wieder ihrer Vorbildfunktion bewusst sein.

War Helmut Kohl so ein Vorbild?

In seinen guten Jahren schon. Jetzt bin ich natürlich auch sehr enttäuscht von seinem Verhalten in dieser Spendenaffäre.

Dennoch machen Sie die 68er für den Werteverfall verantwortlich?

Ja, aber inzwischen sind es auch die Ideen einer in manchen Bereichen zu liberalen Gesellschaft. Denken Sie an die in manchen Kreisen so intensiv geforderte gewaltfreie Erziehung. Das Ergebnis ist eine stark gestiegene Jugendkriminalität. Bei den Griechen galt der Satz: "Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen."

Interview: Markus Grill print

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