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MARLENE DIETRICH: Die preußische Madonna

Ihr Gemisch aus laszivem Vamp und disziplinierter höherer Tochter macht sie zum ersten weiblichen Superstar des Jahrhunderts. Sie weiß das - und spricht von sich in der dritten Person

Ihr Gemisch aus laszivem Vamp und disziplinierter höherer Tochter macht sie zum ersten weiblichen Superstar des Jahrhunderts. Sie weiß das - und spricht von sich in der dritten Person

Es ist Nacht. Paris schläft. Nur da oben, in der Avenue Montaigne 12, hinter französischen Balkonen und dicken Gardinen, brennt noch Licht. Dort lebt Marlene Dietrich. Sie verlässt, mit fast neunzig nahezu so alt wie unser Jahrhundert, ihre Wohnung und ihr Schlafzimmer nicht mehr. Und das seit über zehn Jahren.

Dies ist die Welt des Weltstars: ein Bett und ein Nachttisch. Im Bett liegt die Dietrich. Auf dem Nachttisch befindet sich alles, was man braucht, wenn man Marlene heißt und nichts mehr sein will als eine Legende. Eine Kochplatte. Eine Tasse Tee. Medikamente. Flaschenweise Alkohol. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, stapelhoch. Eine Lupe. Kleenexboxen. Ein vollgekritzeltes Adressbuch. Ein Telefonapparat. Stundenlang hängt sie an der Strippe, am liebsten nachts, wenn sie nicht schlafen kann und der Alkohol sie so umnebelt, dass sie sich wieder lebendig fühlt.

Sie, die von sich immer wieder erzählt hat, sie sei »zu Tode fotografiert« worden, hat als letztes Lebenszeichen nach draußen nur noch das Telefon. Niemand, außer ihrer Familie, einem Arzt oder einer Hilfe vielleicht, darf Marlene mehr sehen. Will jemand sie besuchen, lässt sie sich verleugnen. Wird sie angerufen und will nicht gesprochen werden, gibt sie sich als ihre Haushälterin aus.

Marlene Dietrich möchte in der Erinnerung bleiben, wie man sie gekannt hat: jung, schön, glamourös, einzigartig. »It took a lot of men to make me Shanghai Lily!«, sagte sie über eine ihrer berühmtesten Rollen, »es brauchte eine Menge Männer, bis ich zur Shanghai Lily wurde«. Und es brauchte eine Menge Männer, um aus der unbekannten Berliner Schauspielerin einen Weltstar zu machen. Sie hatte sie alle, oder doch zumindest viele der großen Männer des Jahrhunderts. Als Lover, Freunde, Förderer. Als nicht erhörte Bewunderer, als Partner, Kumpels, Lieblingsfeinde. Sie hießen Gary Cooper, Douglas Fairbanks jr., John Gilbert. Maurice Chevalier, Erich Maria Remarque, Ernest Hemingway. Jean Gabin und Yul Brynner. Ein Schwung Frauen gehört übrigens mit in diese Riege.

Marlene Dietrich führte sich wie ein Macho auf. Sie tat, was sie für richtig hielt, sie sagte, was sie dachte, sie nahm sich, wen sie wollte. Bevorzugt Schauspielerkollegen, denen sie unter der Rubrik »Arbeitsprobe« mit Seele und Leib die ganze Marlene darbot.

Der junge John Wayne etwa, der mit ihr 1940 den Film »Haus der sieben Sünden« dreht, wird nach einer Kostümanprobe (beide stecken im Western-Outfit) in ihre Garderobe gelockt. Dort verschließt Marlene die Tür und fragt ihn, wie spät es sei. Ehe er antworten kann, schiebt sie langsam ihren Rock hoch und lässt an einem Strumpfband eine Uhr aufblitzen. Dann beugt sie sich lasziv hinunter, schaut scheinbar, wie spät es ist, flüstert »Wir haben noch viel Zeit...« und verführt ihn. John Wayne soll später die Affäre uncharmant geleugnet haben: »Bin nicht gern Hengst in einem Rennstall - hab's nicht nötig.«

Ob Rennstall oder nicht - es gab in ihrem Leben in Wahrheit nur drei Männer, die wirklich zählten. Der eine ist ihr Vater. Ein preußischer Offizier. Er lebt mit seiner Familie in Berlin-Schöneberg. Seine Tochter Marlene wird als Marie Magdalene am 27. Dezember 1901 geboren - Marie Magdalene, die ihre beiden Vornamen schon als Kind zu »Marlene« verbindet, ist die Zweitgeborene.

Es geht streng zu im Hause Dietrich. Man hält auf sich und sehr auf Konventionen. Wohlgeordnet ist das Leben. Schließlich gibt es einen Kaiser, Berlin ist Weltstadt, und der deutsche Traum vom ewigen »Platz an der Sonne« scheint Wirklichkeit zu sein. Marlenes Vater stirbt früh. Doch Tränen sind nicht erlaubt. Wer weint, erhält eine Ohrfeige. »Wer seine Gefühle zeigt, hat schlechte Manieren!«, urteilt ihre Mutter. Marlene wird immer ein distanziertes Verhältnis zu ihr haben: »Liebe und Nähe wurden nicht zugelassen«, sagt sie einmal.

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