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Massaker-Vorwürfe: Zwei Tage Ruhm für die Schockerthese

Hat es im Jahr 1945, kurz vor Kriegsende, in einem Schloss in Österreich eine Art Massaker-Party an Juden gegeben - mit einer Thyssen-Verwandten als Drahtzieherin? Mit einer vermeintlichen Enthüllung hat der Historiker David Litchfield für Aufruhr gesorgt. Gegen seine Kritiker, darunter der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz, schießt er scharf.

Von Tim Farin und Christian Parth

Es war ein Reflex. So sicher wie das Bein nach oben schnellt, wenn der Arzt mit seinem Hammer die richtige Stelle am Knie trifft. Der britische Journalist David Litchfield sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen, als er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtete, dass im März 1945 im österreichischen Rechnitz fast 200 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter als Partyspaß niedergemetzelt worden seien.

"Die Gastgeberin der Hölle"

Das Brisante an seiner scheinbaren Enthüllung: Litchfield bringt als Drahtzieherin für das Massaker die Gräfin Margit von Batthyány ins Spiel. Aus deutscher Sicht umso interessanter, denn sie war Erbin und Familienmitglied des Industriellen-Clans Thyssen. Die "FAZ" titelte schon für ihre Verhältnisse reißerisch: "Die Gastgeberin der Hölle". Doch prompt legte auch der Boulevard nach, und für die "Bild"-Zeitung stand fest: "Thyssen-Gräfin ließ auf Nazi-Party 200 Juden erschießen".

Litchfield wählt für seine Erzählung den Stil eines Kriminalstücks mit verschwörerischem Hintergrund, schreibt aus der Ich-Perspektive, wen er wann und wo getroffen hat, und verschleiert mit dieser Art Prosa auf den ersten Blick geschickt das Fehlen neuer Erkenntnisse. Zugrunde liegt dem Ganzen sein in der britischen Presse zerfetztes Buch "The Thyssen Art Macabre". Dies sei ein "clumsily organised and jerkily-written book", schreibt der "Daily Telegraph". Auf deutsch: schlampig recherchiert und schlecht geschrieben. In diesem Werk kommt Litchfield auch auf die Nazi-Verstrickung der Gräfin zu sprechen.

stern.de fragte den Autor, wie das Exzerpt mit dem Juden-Massaker seinen Weg in die renommierte Tagespresse fand: Nicht er habe das Thema auf die Agenda gebracht, so Litchfield. Nachdem sein Buch gelesen wurde, habe ihn die britische Zeitung "Independent" beauftragt, den Aufsatz zu schreiben. Wenig später folgte die "FAZ" mit der deutschen Version.

Bahnbrechende Enthüllung war längst bekannt

Was die intellektuelle Tagespresse ihren Lesern als bahnbrechende Enthüllung serviert, war allerdings längst bekannt. Zudem gelingt es Litchfield jenseits der Suggestion nicht ansatzweise, relevante Beweise gegen die Gräfin vorzubringen. "In den Beiträgen ist vieles, was den Fakten entspricht, mit effektheischenden und nicht der historischen Wahrheit entsprechenden Elementen vermengt, so dass es ganz schwierig ist, hier die Spreu vom Weizen zu trennen", kritisiert Claudia Kuretsidis-Haider von der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz in Wien.

Bevor Litchfield zur Feder griff, beschäftigten sich Historiker, Juristen, Archäologen, Hobbyforscher, Dokumentarfilmer und Theatermacher seit Jahrzehnten mit dem in Österreich sehr prominenten Thema. Die Rolle der Thyssen-Gräfin wurde bereits in der Nachkriegs-Justiz untersucht. Allerdings war der Schlossherrin nicht nachzuweisen, dass die Idee, die Juden in jener Nacht in der Scheune des Schlosses hinzurichten, von ihr stammte.

An dieser Stelle verliert sich die Spur der Familie Thyssen auch in Litchfields Artikel. "Gegen die Familie Thyssen, die ich sicherlich nicht in Schutz nehmen will, bringt er nicht die Spur eines Beweises", sagt Wolfgang Benz vom Institut für Antisemitismusforschung an der TU Berlin zu stern.de, "es würde mich nicht wundern, wenn Litchfield nun ihre Anwälte fürchten muss."

Litchfield gibt keine Beweise

Die Forscherin Claudia Kuretsidis-Haider reagiert verärgert auf die Stilistik des Briten. "Die Fokussierung auf die Gräfin Batthyány hat meines Erachtens nach von der Schuld der verantwortlichen Kreisleitung und ihrer untergeordneten Stellen abgelenkt", sagt die Wissenschaftlerin. Schließlich habe wohl eher die regionale Nazi-Hierarchie die Erschießungen zu verantworten.

Beweise für eine Schuld der Gräfin jedenfalls fehlen auch in Litchfields Version, trotz anderer Aufmachung. Es gibt viele grausame Verbrechen aus der Endphase des Krieges, die hinreichend dokumentiert sind. Wolfgang Benz nennt das Beispiel der Evakuierungszüge, deren Insassen die Nazis erschossen, um kurz vor dem Einmarsch der Alliierten Spuren zu verwischen. "Aber so etwas geschah systematisch und nicht in einem solchen Ritual", sagt Benz.

Die Wissenschaftler halten es für ziemlich unwahrscheinlich, dass ausgerechnet eine Gräfin im Schampus-Schwips als Party-Gag 200 Juden erschießen lässt, während die Stalinorgeln der Roten Armee schon die Musik übertönen. "Alles, was Litchfield schreibt, ist Hörensagen, Geraune und verschwörungstheoretisch unterfüttert", attackiert Benz den Autor, einen ehemaligen Society-Reporter, der laut "FAZ"-Redakteur Andreas Platthaus erst über sein Thyssen-Buch-Projekt zum Historiker avanciert ist. Benz stellt der Arbeitsweise des Briten ein verheerendes Zeugnis aus: "Es sind überall böse Mächte im Spiel, die Recherchen behindern, die nie seriös angestellt wurden."

Verein kümmert sich seit Jahren um Aufarbeitung

In Österreich hat man auf einen Schnellschuss-Historiker wie Litchfield gerade noch gewartet. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Aufarbeitung des Falls. Es werden Akten gesammelt, Original-Dokumente gesichtet, Tagebücher ehemaliger Nazi-Schergen studiert und Datenbanken vernetzt, um einen besseren Abgleich zu ermöglichen.

Seit 1991 gibt es den Verein RE.F.U.G.I.U.S, der sich intensiv um die Aufarbeitung des Massakers von Rechnitz kümmert und heute auf das Medienecho, das Litchfield auslöste, mit Entrüstung reagiert, da all das doch längst aufgearbeitet und dokumentiert ist. In Österreich ist man es aber längst gewohnt, dass sich im Fall Rechnitz inzwischen auch zweifelhafte Hobby-Forscher tummeln.

Thyssen-Verstrickung seit jeher bekannt

Gerhard Entfellner zum Beispiel, der regelmäßig auftaucht, um etwa alte Luftaufnahmen zu präsentieren, die die noch immer gesuchten Massengräber zeigen sollen. Viel mehr als Ankündigungen konnte auch er bislang nicht vorbringen. Die Wiener Zeitung "Standard" schreibt daher auch von einer Selbsstilisierung Litchfields. Die Thyssen-Verstrickung in das Rechnitzer Massaker sei allerdings "seit je bekannt".

Die Vertrauenswürdigkeit des Autors wächst auch nicht unbedingt durch das Ende seines "FAZ"-Artikels. Er schreibt, wie schwierig es gewesen sei, in Spanien einen Verlag für die Übersetzung des Werkes zu finden. Ein zu Bertelsmann gehörendes Haus habe verlangt, alle Hinweise auf die Nationalsozialisten müssten vor Veröffentlichung getilgt werden. (Zu Bertelsmann gehört auch der Verlag Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint) Litchfield fand einen anderen Verlag in Spanien - doch in Deutschland warte er noch immer.

Litchfields Fragwürdigkeit nimmt zu

Die Frage ist, ob das tatsächlich an einer Verschwörung beziehungsweise unbequemen Wahrheiten liegt, wie Litchfield suggeriert - oder eben an seiner Arbeitsweise. Die Fragwürdigkeit steigt noch angesichts einer Antwort, die Litchfield stern.de auf die Vorwürfe seines Kritikers Wolfgang Benz gibt: "Ich muss gestehen, dass ich einigermaßen fasziniert bin von einem deutschen Goyem (Nicht-Jude, d. Red.), der es geschafft hat, die Professoren-Rolle für Antisemitismus anzunehmen - mit Befürwortung einer amerikanischen Universität." Litchfield poltert weiter, Benz' renommiertes Wirken an der TU Berlin erinnere ihn an einen Bauchredner-Akt im Radio. Auf die inhaltliche Kritik von Benz geht er nicht ein, sondern sagt, er wisse die Aufmerksamkeit zu schätzen, "wie John Lennon einst antwortete, nachdem ihn Phil Spector beschuldigt hatte, eine 'fucking cunt' zu sein". Über diese Äußerung eines "FAZ"-Feuilleton-Autors dürfte Diskussionsbedarf bestehen.