HOME

MOHAMMED: Der Mensch, der zum Propheten wurde

Er wurde auf natürliche Art und Weise gezeugt, konnte keine Wunder vollbringen und hatte eine Schwäche für Frauen. Mohammed, der Prophet des Islams, war ein Bote, kein Übermensch.

Er wurde auf natürliche Art und Weise gezeugt, konnte keine Wunder vollbringen und hatte eine Schwäche für Frauen. Mohammed, der Prophet des Islams, war ein Bote, kein Übermensch.

»Bin ich wahnsinnig? Bin ich besessen?« Mohammed zweifelt daran, dass die Erscheinung der letzten Nacht etwas mit der Realität zu tun hat. Hat ihm der Teufel einen Streich gespielt? Oder ist er tatsächlich der Auserwählte? Mitten im Schlaf in einer Höhle in der Nähe von Mekka hat der 40-Jährige einen Engel gesehen! Er hielt eine beschriebene Stoffrolle in der Hand und befahl ihm, sie zu lesen. Aber er kann doch gar nicht lesen! »Lies«, forderte ihn der geheimnisvolle Bote erneut auf. Nachdem Mohammed erwacht war, hatte er das Wissen eines Buches verinnerlicht, ohne es je gelesen zu haben. Als er aus der Höhle trat, erblickte er einen riesigen Engel am Horizont, der ihn als Gesandten Allahs begrüßte.

Wir schreiben das Jahr 612, als Mohammed verstört nach Hause zurückkehrt, den Kopf auf die Knie seiner Frau Chadidscha legt und ihr von seinem Erlebnis erzählt. Seine Schilderungen scheinen vom Wahnsinn getrieben zu sein, doch Chadidscha zweifelt nicht daran, dass Mohammed die Wahrheit sagt. Ihr Vetter - ein Mann, der sich in religiösen Belangen auskennt - bestätigt sie im Glauben, dass der geheimnisvolle Gesandte der selbe ist, der auch zu Moses und den Propheten gesprochen hat: der Erzengel Gabriel.

Völlig überraschend kam die erste Offenbarung nicht für Mohammed. In den Jahren 610 bis 612 führte er - trotz seines Reichtums - ein asketisches Leben. Er lebte abgeschieden in einer Höhle, betete und wanderte unter der brennenden Sonne immer wieder zu Fuß nach Mekka, um sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Spott war das Einzige, was er dafür bei seinen Zeitgenossen erntete: Ein reicher Mann plagt sich nicht, er lässt es sich gut gehen! »Allah machte ihn mit der Einsamkeit vertraut, bis er sie wahrhaft schätzte, und bald war ihm nichts lieber, als alleine zu sein«, bemerkte seine spätere Frau Aischa zu Mohammeds Zeit auf dem Berg Hira. Was genau den bärtigen Araber mit auffallend weißer Haut dazu veranlasste, zwei Jahre lang in Hitze und Einsamkeit zu verharren, darüber können Historiker nur spekulieren. Einige mutmaßen, er habe gespürt, dass ihm ein besonderes Erlebnis bevorstand. Er lebte in Angst vor dem Tag des Weltgerichts. Während andere Völker durch Propheten von den Regeln Gottes erfahren hatten, wußten die in der arabischen Wüste lebenden Menschen nicht, was der Schöpfer fordert. Der Tag des Weltgerichts würde sie unvorbereitet treffen. Diese Tatsache hat Mohammed beschäftigt.

In Trance empfängt der Auserwählte weitere Offenbarungen: religiöse und mystische Weisheiten, politische und moralische Regeln, Aufrufe zum Heiligen Krieg, Beschreibungen des Weltuntergangs, des Paradieses und der Hölle, sowie Forderungen an ihn selbst. Die Begleiterscheinungen der Offenbarungen sind heftig: Frösteln und Schaudern davor, Kopfschmerzen und eine krampfartige Muskelspannung danach. Während der Sendung schwitzt er stark, stöhnt, röchelt und schreit. Mohammed beauftragt Sekretäre damit, die Offenbarungen im exakten Wortlaut aufzuschreiben. Diese werden gesammelt und ergeben zusammen den Koran. Das heilige Buch enthält keine abgeschlossenen Geschichten, sondern Fragmente, die nach ihrem inneren Zusammenhang entsprechend der Weisung Allahs zusammengestellt sind.

Den Befehl zur offenen Verkündigung der von Allah erhaltenen Botschaft bekommt der Prophet erst drei Jahre nach der ersten Offenbarung: »O Prophet, verbreite was von deinem Herrn auf dich herabgekommen. Wenn du es nicht verkündest, hast du deine Sendung nicht erfüllt... Sage, was gut und sage was schlecht ist, wie dir gesagt wurde und fürchte die Heiden nicht.«

Mohammed tut wie ihm befohlen, doch er hat es schwer: Nicht einmal die Mitglieder seiner Sippe sind am Inhalt seiner Reden interessiert, geschweige denn die anderen Qoraischiten. Die Qoraischiten, Angehörige des herrschenden Stammes in Mekka, haben nicht die geringste Lust, ihr Leben einzuschränken nach den von Mohammed vorgegebenen Regeln. Es gibt auch keinen einleuchtenden Grund dafür: Volksfeste, Handelsmessen und Jahrmärkte mit Erzähler- und Dichterwettbewerben machen das Leben der reichen Händler angenehm. Besonders religiös sind sie nicht. Es gibt zwar viele Lokalgötter und Geister sowie einen höchsten Gott und Schöpfer, doch die Mekkaner kümmern sich wenig um sie. Und da kommt Mohammed und verkündet »Allah ist der alleinige, einzige und ewige Gott« und will den Händlern Regeln vorgeben! Die Einflussreichen Mekkas verspotten den Propheten. Die meisten Anhänger findet er unter den Armen und den Sklaven, was ihm die Aristokraten übel nehmen, da sie seinen Einfluss auf die kleinen Leute fürchten. Die Qoraischiten werden die Feinde des Islams, womit die Verfolgungen der Muslime in Mekka ihren Lauf nehmen. Aber auch Mohammed geht nicht zimperlich um mit den Gläubigen anderer Religionen: Den Christen und Juden ist er zunehmend feindlich gesinnt. Glaubte er anfangs noch, die drei Religionen könnten nebeneinander bestehen, so ist er immer mehr davon überzeugt, dass er von Allah zur Korrektur der bestehenden Religionen beauftragt worden ist. Die Gegner Mohammeds zweifeln ihrerseits daran, dass er ein Prophet ist. Frühere Propheten hätten die Echtheit ihrer Sendung durch Wunder bewiesen: Abraham konnte Feuer ohne Schaden anfassen, Moses verwandelte einen Stock in eine Schlange und Jesus machte Blinde zu Sehenden. Mohammed hingegen sei nicht fähig, einen Beweis dafür zu erbringen, dass er tatsächlich eine Offenbarung erfahren hatte. Mohammed antwortet: »Ich vermag nicht, mir selbst Vorteile zu verschaffen noch Nachteile von mir abzuhalten, als nur insoweit, als es Allah gefällt. Wüßte ich nun die Geheimnisse Allahs, so müsste ich ja an Glücksgütern Überfluß haben und mich kein Übel treffen können. Aber wahrlich, ich bin nichts anderes als nur ein Bote, der da Strafen androht und Gutes verkündet einem gläubigen Volk.« Im Gegensatz zu Jesus, der laut Bibel von der unbefleckten Maria geboren wurde, ist Mohammed seit seiner Zeugung ein Mensch wie alle anderen, Sohn von Abdallah und Amina. Der Vater war Bauer und Händler und starb wahrscheinlich noch vor Mohammeds Geburt. Als der Junge sechs Jahre alt war, starb auch seine Mutter und der Prophet wuchs fortan bei einem seiner Onkel auf, der ihn auf Reisen bis nach Syrien mitnahm. Auf einer der Reisen soll ihm ein Mönch seine prophetische Sendung geweissagt haben. Ob diese Begegnung zwischen dem Mönch und Mohammed tatsächlich stattgefunden hat, ist allerdings unklar, schließlich wurde sie erst 120 Jahre nach dem Tod des Propheten niedergeschrieben. Der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Prophet kam erst durch die in jungen Jahren geschlossene Heirat mit seiner wohlhabenden ersten Frau zu finanziellem Reichtum. Chadidscha war eine erfolgreiche Unternehmerin und nach der Heirat konnte Mohammed frei über ihr Kapital verfügen.

622 - zwei Jahre nach dem »Jahr der Trauer«, in dem Mohammeds geliebte erste Frau Chadidscha und sein Onkel Abu Talib starben - flieht Mohammed zusammen mit anderen Muslimen von Mekka in die Oase Jathrib. Diese Emigration, die »Hidschra«, wird sechzehn Jahre später zum Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung bestimmt. Die Oase wird in »Medina« - die Stadt des Propheten - umgenannt. Mohammed gründet in Medina einen Staat der Muslime, in dem alle in der Stadt lebenden Gruppen zu gegenseitigem Beistand und zur Verteidigung der Stadt verpflichtet sind. Bei Streitigkeiten ist Mohammed der oberste Schiedsrichter. Gerechtigkeit walten lassen ist eine der Stärken des Propheten. Selbst die Juden sind von Mohammeds Unparteilichkeit beeindruckt und suchen ihn bei Querelen auf, die er nach jüdischem Recht zu schlichten pflegt. Doch allzu groß ist seine Liebe zu den Andersgläubigen nicht - auch wenn ihm die Gleichheit der Menschen am Herzen liegt: Mohammed isst mit den Sklaven, den Dienern und den Ärmsten, doch diejenigen Mediner, die sich nicht zum Islam bekehren lassen, werden überfallen und ausgeraubt. Durch die Überfälle versuchen die Muslime, ihre wirtschaftlichen Probleme in Griff zu bekommen. Der Grund für die finanziellen Schwierigkeiten: Nur wenigen von ihnen war es gelungen, bei der Flucht aus Mekka ihr Hab und Gut mitzunehmen.

»Gebete, Wohlgerüche und Frauen haben mich am meisten erquickt«, soll der Prophet gesagt haben, der zu dieser Zeit über ein großes Harem verfügt. Mit neun Frauen ist er nach dem Tod seiner ersten Frau Chadidscha verheiratet. Den Moslems auferlegt er, sich nur »eine, zwei, drei, höchstens vier Ehefrauen« zu nehmen. Kann der Prophet nicht zählen? Hält er sich selbst nicht an das, was ihm Gott offenbart? Allah macht mit Mohammed eine Ausnahme, Gabriels Stimme entbindet den Propheten von der Einschränkung. Schließlich hat Mohammed politische Verpflichtungen zu erfüllen: Ganz im Sinne der arabischen Tradition gleicht er mit den Hochzeiten unterschiedliche Strömungen innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft aus. Durch die verwandtschaftlichen Beziehungen kann er die Stämme an sich binden. Doch wie dem Zitat zu entnehmen ist, kommt es dem Begründer des Islams ganz gelegen, von Frauen umgeben zu sein. Die Frauen Mohammeds gelten als »Mütter der Gläubigen« und es ist ihnen nicht erlaubt, nach seinem Tod noch mal zu heiraten: Sie sollen einen Schleier tragen und dürfen sich nur durch eine Tür mit anderen Männern unterhalten. Mohammeds spätere Lieblingsfrau Aischa holt er im zarten Alter von sechs Jahren in sein Haus. Sie übt großen Einfluss auf den Propheten aus. Den anderen Frauen des Harems missfällt der Vorrang Aischas, Intrigen sind an der Tagesordnung.

Die Plünderungen der »Ungläubigen« in Medina sind erst der Anfang der Gewalt: 624 zieht Mohammed als Feldherr in den »Heiligen Krieg«. Das Heidentum soll ausgemerzt werden, wozu in den nächsten vier Jahren mehrere militärische Operationen gegen die polytheistischen Araber, die Juden und die Christen unternommen werden. Die Muslime sind erfolgreich, haben aber auch Verluste zu verzeichnen. Mohammed wird zum Anstifter wilder Massaker, die in Medina lebenden Juden werden vertrieben.

630 erlebt Mohammed endlich den Triumph: Die Eroberung Mekkas, der Heiligen Stadt. Der in einer Offenbarung angekündigte »prachtvolle Sieg« bewahrheitet sich. Zehntausend bewaffnete Muslime marschieren in die Stadt ein. Abu Sofjan, einer der Schwiegerväter Mohammeds, führt die Verhandlungen über die Kapitulationsbedingungen. Fast kampflos kann der Prophet in Mekka einziehen. Mit den Worten »die Wahrheit ist gekommen, der Irrtum hat sich zerstreut« lässt er die Götzenbilder der Polytheisten umstürzen. Die Autorität des Propheten wird durch die Eroberung Mekkas gestärkt. Er zieht in weitere Schlachten, lässt allerorts Götzenbilder zerstören und schließt Verträge mit den Andersgläubigen.

Mohammed war im Jahre 571 auf natürliche Weise geboren worden und so scheidet er auch aus dem irdischen Leben: Nach kurzer Krankheit stirbt der Prophet 632 in Medina. Kurz zuvor hielt er auf dem Berg Arafa seine letzte Predigt. Er verabschiedete sich von seinen Anhängern mit den Worten »Heute habe ich euch eure Religion vollendet und meine Gnade an euch erfüllt und euch den Islam zur Religion gegeben«.

Seraina Sattler

Themen in diesem Artikel