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Philipp von Boeselager: Mit der Kavallerie gegen Hitler

Er war der letzte Überlebende der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Mit 90 Jahren ist Philipp von Boeselager nun am 1. Mai gestorben. stern-Reporter Stefan Schmitz besuchte ihn wenige Wochen vor seinem Tod. Einen Mann, der mit dem Pferd in die Schlacht geritten ist und der erledigt hat, was er sich vorgenommen hatte.

Die Tür öffnet der Mann, der die Bombe für das Attentat auf Hitler im letzten Kriegssommer besorgt hat. Es gibt Ahrwein und Tee. Philipp Freiherr von Boeselager erzählt von jungen Menschen, für die der Zweite Weltkrieg so weit weg sei wie der Dreißigjährige Krieg. Oft hat er sich breitschlagen lassen, vor Schulklassen zu sprechen. "Irgendwann ist Schluss", sagt der 90-jährige. "In ein paar Jahren bin ich sowieso tot."

Aus den paar Jahren wurden drei Wochen. In der Nacht zum 1. Mai ist der letzte Überlebende aus dem inneren Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 zu Hause in Altenahr gestorben. Noch wenige Stunden zuvor hatte er Manuskripte für das Buch mit seinen Erinnerungen durchgesehen, das Ende des Monats erscheint ("Der letzte Zeuge des 20. Juli 1944", Verlag Zabert Sandmann, 216 Seiten, 19.95 Euro). Als sein langes Leben zu Ende ging, war alles erledigt, was er sich noch vorgenommen hatte.

Ritt von der Ostfront nach Berlin

Ein Bild im Wohnzimmer von Boeselagers Fachwerkhaus zeigt ihn hoch zu Ross als Wehrmachtsoffizier. Es klingt fast unwirklich, aber tatsächlich ist dieser Mann noch mit dem Pferd in die Schlacht geritten. Geboren wurde er als Untertan Wilhelms II. Alles um ihn herum ist durchtränkt mit Tradition und Geschichte. Die Familienburg oben auf dem Kreuzberg hat er Jahrzehnte bewohnt, bis sein Sohn eingezogen ist. Am Querbalken seines Hauses steht, dass er nicht mitmache, auch wenn alle es täten: "Et si omnes ego non."

Als junger Offizier fand Boeselager Anschluss an die Gruppe um Henning von Tresckow, den Kopf des militärischen Widerstandes. Die Verschwörer wussten vom Massenmord an den Juden. Sie wollten ihn stoppen. Das sei das Hauptmotiv gewesen, betont Boeselager. Und natürlich haben sie zeigen wollen, dass ihr über alles geliebtes Deutschland nicht durch und durch verbrecherisch gewesen sei.

Mit 1200 Reitern machte sich der Kavallerie-Offizier Boeselager damals von der Ostfront auf nach Westen, um nach einem erfolgreichen Staatsstreich wichtige Gebäude in Berlin zu sichern. Als er erfuhr, dass Hitler lebte und die Jagd auf die Attentäter begonnen hatte, kehrte er um - und blieb unentdeckt, weil ihn niemand verraten hat. Die meisten seiner Freunde von damals sind seit mehr als sechs Jahrzehnten tot. Sie wurden bestialisch ermordet von denen, die sie stürzen wollten.

Auch wenn das fast 64 Jahre her ist, verfolgt Boeselager der Tod seiner Mitstreiter noch immer. Gefreut auf den Besuch aus Hamburg hat er sich nicht. Er wird wieder über alles sprechen müssen. "Ich schlafe dann immer schlecht", sagt er. Man glaubt ihm das sofort; auch wenn es nicht zu seiner kerzengeraden Haltung passt. Auch bei ihm gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne.

Ohne Frage waren die Männer des 20. Juli Helden. Sie riskierten ihr Leben, um Hitler zu töten. Über ihre Motive und Vorstellungen sagt das noch nichts. Es sagt auch nichts über ihre Eignung als Ur- und Überväter der Bundesrepublik, zu denen sie von manchen verklärt werden. Wenn Boeselager über die dreißiger Jahre spricht, klingt das gelegentlich wie das Echo aus einer Zeit, die längst untergegangen war, als das Grundgesetz geschrieben wurde.

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