Prag "Das ganze Nest muss brennen"


Mit drei Worten im Radio begann am 5. Mai 1945 in Prag der Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Die SS bevorzugte eine "Lösung" aus der Luft: Mit Brandbomben sollte die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden.

Am 5. Mai 1945 löste eine Zeitansage im Rundfunk die blutigsten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs in Prag aus. "Je sechs hodin": Mit diesem deutsch-tschechischen Satz begann Moderator Zdenek Mancal um sechs Uhr morgens die strikte Anweisung des deutschen Intendanten Ferdinand Thürmer nach zweisprachigen Sendungen zu unterlaufen. Mancal sprach von da an nur noch Tschechisch, und die Prager hörten erst verwundert zu, dann handelten sie: Deutsche Schilder wurden umgeworfen, tschechoslowakische Fahnen gehisst. Der Prager Aufstand hatte begonnen - mit drei Worten im Radio.

Davor lag eine sechs Jahre lange Leidenszeit der Okkupation. Obwohl das "Protektorat Böhmen und Mähren" formell eine autonome tschechische Verwaltung besaß, lag die faktische Macht in Händen von Deutschen. Sie wurde über den "Reichsprotektor" sowie über Armee und Gestapo ausgeübt, wobei alles daran gesetzt wurde, tschechischen Widerstand zu liquidieren. Mit dem "Prager Aufstand" gipfelte eine Serie ähnlicher Aktionen, die Ende April und Anfang Mai 1945 in vielen Orten des "Protektorats" ausgebrochen waren.

"Wir rufen alle Tschechen!"

Als Intendant Thürmer die Wirkung von Mancals Worten bemerkt, zögert er nicht lange und ruft Soldaten der Heeresgruppe Mitte und Angehörige der SS zum Rundfunk. Doch auch bewaffnete tschechische Widerständler treffen ein. Es kommt zu Gefechten, es gibt Tote. Um 12.33 Uhr spricht Mancal ins Mikrofon: "Wir rufen alle Tschechen! Kommt zum Rundfunk. Helft uns." Es entwickelt sich ein blutiger Straßenkampf - nicht nur am Funkhaus, sondern vielerorts in Prag.

Als am 6. Mai die Sonne aufgeht, stehen im Zentrum mehr als 1.600 Barrikaden, gebaut aus Latten, Straßenbahnwagen und anderen Fahrzeugen. Doch die Lage der Aufständischen ist hoffnungslos: Rund 80.000 Soldaten der Heeresgruppe Mitte, mehrere SS-Divisionen und zentrale Gestapo-Dienststellen haben die Nazis noch im "Protektorat" stationiert. SS-Gruppenführer Graf Friedrich-Karl von Pückler bevorzugt eine "Lösung" aus der Luft. Mit Brandbomben soll das historische Zentrum dem Erdboden gleichgemacht werden, fordert der Generalleutnant: "Das ganze Nest muss brennen."

Ein Russe bringt die Wende: General Andrej Wlassow. Er führt eine von den Nazis gegründete Truppe russischer Deserteure, die gegen die Rote Armee und für eine Befreiung der Sowjetunion von Stalin kämpft. Zur Überraschung der Deutschen wenden sich einige Einheiten der Wlassow-Armee, die in Böhmen liegen, gegen die Verbündeten: Noch am 6. Mai marschieren rund 18.000 Soldaten zur Unterstützung der Tschechen in Prag ein. Am gleichen Tag befreit die US-Armee das westböhmische Pilsen. Der Kampf um Prag ist entschieden.

"Sternstunde der Mörder"

Als am 9. Mai die Rote Armee in der Moldau-Metropole eintrifft, sind dem Aufstand mehr als 1600 Tschechen, 900 Deutsche und 500 Russen zum Opfer gefallen. "Die Rache der Sieger war schrecklich, die Deutschen waren praktisch Freiwild", schrieb der tschechische Autor Rudolf Ströbinger später. Und der Dramatiker Pavel Kohout sprach von einer "Sternstunde der Mörder": "Massenhaft liefen Meldungen über grauenhafte Misshandlungen deutscher Soldaten und Zivilisten ein. Das grauenhafteste Bild waren die an Laternen mit dem Kopf nach unten aufgehängten Deutschen, die angezündet wurden."

In der kommunistischen Ära wurde in der Tschechoslowakei stets die Befreiung durch die Rote Armee am 9. Mai gefeiert - der Anteil von Wlassow wurde verschwiegen. Erst nach der politischen Wende erfuhren viele Tschechen von den Verdiensten dieser russischen Soldaten. Die meisten von ihnen waren wie Wlassow kurz nach dem Krieg von den Sowjets hingerichtet oder in Lager verschleppt worden.

Wolfgang Jung/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker