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RECHTE GEWALT: Die Schande von Solingen

Sechs Monate nach dem Anschlag von Mölln, bei dem drei Menschen starben, ist in der rheinischen Stadt wieder ein Haus von Türken in Flammen aufgegangen. Zwei Frauen und drei Mädchen kamen ums Leben, acht Familienmitglieder wurden verletzt. Die Polizei nahm einen 16jährigen aus der Nachbarschaft fest

Sechs Monate nach dem Anschlag von Mölln, bei dem drei Menschen starben, ist in der rheinischen Stadt wieder ein Haus von Türken in Flammen aufgegangen. Zwei Frauen und drei Mädchen kamen ums Leben, acht Familienmitglieder wurden verletzt. Die Polizei nahm einen 16jährigen aus der Nachbarschaft fest

Wie gern sie dort saß, auf den frisch gewienerten Treppenstufen ihres mühsam zusammengesparten Hauses, Wie Mevlude Genc die Nachmittage liebte, an denen ihre Enkeltöchter Hülya und Sayime vor dem Haus mit staksigen Kinderbeinen Gummitwist tanzten und die Nachbarn sie, die stolze Großmama, lächelnd grüßten.

Heute ist ihr einstiger Lieblingsplatz ein Ort der Tränen » An der Hauswand lehnt ein rußverschmierter Babywickeltisch. Irgendwer hat eine zusammengeschmolzene Kinderwanne dazugelegt.Stumme « noch immer nach kaltem Rauch stinkende Zeugen der Brandmordnacht von Solingen, in der die 50jährige Mevlude Genc ihre Töchter Gürsun, 26, und Hatice, 18, die Enkelinnen Hülya, 9, und Sayime » 4, und ihre Nichte Gülestan, 12, verlor. Vor dem Haus der Familie Genc, die vor 23 Jahren nach Deutschland gekommen war, liegen Blumen, brennen Kerzen. Deutsch-türkische Plakate fordern «Nieder mit den Faschisten!»

Heidrun Polley, Nachbarin der Familie Genc, starrt in die ausgebrannten Fensterlöcher. »Ich hätte nie gedacht, daß so etwas in Solingen passieren kann.« An die Blumengebinde tritt sie heran wie an eine Grabstätte » Hier, an der Unteren Wernerstraße 81 « wurde in der Nacht zum Sonnabend die Hoffnung begraben » daß nach dem Anschlag von Mölln die rechtsradikalen Gewalttäter selbst erschrecken über das Ausmaß dessen, was sie angerichtet haben. Im Haus schräg gegenüber nahm die Polizei den 16jährigen Christian R, vorläufig fest. Am Montag nachmittag erließ ein Richter auf Antrag von Generalbundesanwalt Alexander von Stahl Haftbefehl wegen Verdachts des fünffachen Mordes gegen den Jungen aus der Nachbarschaft der Türken « Er soll dabei gewesen sein, als drei andere Skinheads das Haus in Brand steckten. Christian hatte mehrere Jahre als schwer Erziehbarer im Heim verbracht. Anfang des Jahres war er mit seiner Mutter in die Gegend gezogen. Jugendlichen aus der Umgebung fiel der fanatische Schalke-04-Fan durch Türken-feindliche Sprüche auf.

Der »Türkische Volksverein« liegt nur wenige Straßen von dem ausgebrannten Haus der Gencs entfernt. Die Türken, die sich dort versammeln, glaubten seit langem nicht mehr an den chen Miteinander, »Wir wußten genau, daß es denen, die hinter diesen Anschlägen stehen, noch lange nicht reicht«, sagt Mehmet Yildiz, der Vorsitzende des Vereins. Vor kurzem flog nachts ein großer Stein durch ein Fenster ihres Versammlungslokals, Die Polizei konnte den Skinhead schnappen. Wenige Tage zuvor war ganz in der Nähe ein türkisches Lebensmittelgeschäft mit Steinen beworfen worden. An einer Moschee wurde eine Holzbrüstung in Brand gesteckt. Immer öfter mußten Mehmet Yildiz und seine Freunde beobachten, wie sich Skins an einer nahegelegenen Tankstelle mit Bierkästen versorgten und zum »Bärenloch« marschierten, Auf dem Grillplatz der Parkanlage direkt hinter dem Haus der Gencs soffen und sangen sie bis spät in die Nacht, Anwohner erzählen von regelmäßigen Schießübungen, Einmal sollen die jungen Rechten die Reichskriegsflagge neben einem Feuer gehisst haben. Sevilay Carga » 10, erzählt, wie sie am «Bärenloch» mit Hülya Genc in einen dichtbelaubten Baum geklettert ist.« Da kamen zwei Jungen mit Glatze, die hatten eine Pistole dabei.» In Sichtweite der angstzitternden Mädchen zielten die Skins auf Bäume und Bierdosen. Niemand stoppte das Treiben.

Die Schreber der »Gartensiedlung Stöckerberg« » die zwischen dem «Bärenloch» und den Häusern der Unteren Wernerstraße liegt, hatten «schlicht Angst, daß die Kerle unsere Lauben kurz und klein schlagen» « Wenn die Skins mal wieder laut grölten, stand Familienoberhaupt Durmus Genc manchmal am Fenster und horchte ins direkt unter seinem Haus gelegene »Bärenloch« hinein » «Deutschland den Deutschen»«, hörte er, Jungmännerlachen über »Kanakenwitze« » Vor nicht einmal einem Monat kamen sie bis vor seine Tür.«Ausländer raus» « brüllten ein halbes Dutzend Kahlschädel - manche von ihnen noch nicht einmal geboren, als Durmus Genc schon in Deutschland Steuern zahlte.

Ein Spruch blieb im Gedächtnis haften.»Ihr werdet brennen wie die Juden.«Zum ersten Mal, seit er in Deutschland lebte, hatte Durmus Genc Angst.Am nächsten Tag ging er zur Solinger Polizei » Angeblich hat der Beamte nur gegähnt, Irgendwen erkannt? Irgendwas kaputt? Jemand verletzt? Dann habe der Polizist auf die Uhr gesehen und gesagt: «Wissen Sie » Herr Genc, ich habe jetzt Dienstschluß.« Als der Beamte von dem Mordanschlag erfuhr, soll er sich, den Tränen nahe, entschuldigt haben. Zur gleichen Zeit demonstrierte Solingens Bürgermeister Bernd Krebs seine Ignoranz. Elf Prozent von Solingens 167 000 Einwohnern seien Ausländer, diktierte der CDU-Politiker in die Mikrofone der Reporter, doch »Rechtsextreme gibt es hier nicht«. Dabei hatte schon vor zehn Jahren eine Gruppe »NSDAP Gau Solingen« mit anonymen Drohbriefen » NS-Aufklebern, Hakenkreuzen und Ausländerraus-Parolen Stimmung gegen den Treffpunkt des «Türkischen Volksvereins» « das örtliche Frauenhaus und die DKP gemacht. »Scheißjuden.Blut muß fließen«» « hieß es in Pamphleten, als deren Urheber der arbeitslose Schriftsetzer Bernd Koch ermittelt wurde » Die Richter verurteilten ihn zu einem Jahr Haft auf Bewährung.

Sie hielten Koch und seine braunen Freunde für »Wirrkopfe und Spinner-. Doch bereits 1989 beobachtete das Düsseldorfer Landesamt für Verfassungsschutz «mit einiger Sorge die verstärkten Aktivitäten einer »Bergischen Front«» « die mit Flugblättern gegen Ausländer pöbelte und Kameradschaftstreffen organisierte » «Stabschef»« der rechtsradikalen Truppe war wieder Bernd Koch, Und diesmal war es ihm auch erstmals gelungen » Skinheads an sich zu binden. Seit dem Anschlag will Koch von seinen kahlgeschorenen Kameraden angeblich nichts mehr wissen: «Das ist Scheiße » was da passiert ist.

Es schadet mir, es schadet allen Kameraden hier. »Gegen Ausländer sei er doch nie gewesen. «Nur gegen Asylanten.» Hinter seinem Schreibtisch hängen unter einem goldgerahmten Eichenwald in 01 die Bilder seiner Idole: Adolf Hitler, Rudolf Heß, die Neonazi-Führer Michael Kühnen und Gottfried Küssel, «Ich bin Nationalsozialist. Dazu stehe ich», sagt der 43jährige « In der Nacht zum Pfingstmontag explodieren Trauer und Wut über den feigen Anschlag. Junge Türken und einige deutsche Autonome zünden in der Innenstadt Autos an, werfen Schaufenster ein und plündern. Im Aussiedlerheim, in dem die Überlebenden der Brandnacht Unterschlupf gefunden haben, erfüllen Wehklagen und Trauergebete die karg möblierten Räume. Immer wieder erzählt Durmus Genc seinen ten Verwandten, wie ihn die Polizisten von der Nachtschicht im Textilwerk holten.»Es ist etwas passien « »

» Seine Frau Mevlude liegt, mit Beruhigungstabletten vollgepumpt, regungslos auf einem Bett. Vor ihrem ausgebrannten Haus verharren noch immer Dutzende Solinger Bürger am Mahnfeuer, das mittlerweile unzählige Hakenkreuzfahnen gefressen hat. Für manche ist es die dritte durchwachte Nacht hintereinander. An einem Mauervorsprung lehnt Özkan, ein 20jähriger Türke « der nur noch ein Krächzen hervorbringt.Vorhin, als nach den Gebeten ein Landsmann mit Megaphon die Bewaffnung aller türkischen Männer forderte, hat er mitgejubelt. Jetzt redet er leise, über seinen deutschen Kollegen, mit dem er bei der Telekom in die Lehre geht. »Wir haben uns früher gut verstanden. Doch zuletzt ist der ausgerastet, brüllt Heil Hitler und so. Wenn ich ihn jetzt sehe, weiß ich nicht, ist das mein Freund oder mein Feind.« »Mach ihn tot« » schreit sein Kumpel Cigasetin. «Wir müssen die Nazis töten, sonst töten sie uns.» Eine ältere Türkin, die längst hatte gehen wollen, schüttelt den Kopf. «Ich habe Angst» « sagt sie und bückt ein letztes Mal in die gähnenden Brandfenster des Hauses Genc. »Wenn das so weitergeht, ist Deutschland bald wie Jugoslawien.«

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