HOME

Zwangsarbeiter: Sklaven für Hitler

Während der "Führer" immer neue kampftaugliche Männer für Fronteinsätze rekrutieren ließ, wurde ein Millionenheer von Zwangsarbeitern zur Sklavenarbeit gezwungen. Sie sollten die Kriegswirtschaft aufrechterhalten.

Rücksichtslose Ausbeutung des Menschen als Rohstoff: Eingepfercht in feuchten, verwanzten Baracken oder Bergwerksstollen, musste ein Millionenheer von Zwangsarbeitern für das nationalsozialistische Deutschland bis in den Untergang Sklavenarbeit verrichten. Unter unmenschlichen Bedingungen leisteten KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene oder aus den besetzten Gebieten deportierte Menschen auf Anforderung der Industrie oder staatlicher Stellen Frondienste für das verhasste Hitler-Deutschland. Ihr Leid war lange eine Grauzone in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Jagd nach Arbeitskräften

Mit Niederlagen der Wehrmacht an allen Fronten, schweren Verlusten im Bombenkrieg und dem 1943 von Propagandaminister Joseph Goebbels ausgerufenen "totalen Krieg" wurden in einer zunehmenden Jagd nach Arbeitskräften Millionen Menschen zur Schwerstarbeit gezwungen, um die deutsche Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Im Wahn von Hitlers Endsiegversprechungen und unter dem Druck seiner Durchhalteparolen wurden sie zu einem entscheidenden Faktor der sinnlosen Verlängerung eines längst verlorenen Krieges.

Trümmer in verwüsteten Städten räumen, Felder pflügen oder Panzer, Flugzeuge sowie Granaten für einen Krieg gegen die eigene Heimat produzieren: Zwangsarbeiter wurden in allen Bereichen der Wirtschaft mit dem zunehmenden Verlauf des Menschen und Material verschlingenden Krieges unersetzlich. Während Hitler immer neue kampftaugliche Männer für Fronteinsätze rekrutieren ließ, mussten die Plätze an den Werkbänken, bei der Ernte oder für den Bau neuer Industrieanlagen besetzt werden.

In den von Deutschland besetzten Gebieten wurden Menschen aus ihren Häusern oder aus Kirchen gezerrt, bei Razzien verschleppt, ganze Dörfer umstellt. Massenhaft wurde auf internierte Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zurückgegriffen. Der Historiker Ulrich Herbert bilanzierte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Der nationalsozialistische 'Ausländereinsatz' zwischen 1939 und 1945 stellt den größten Fall der massenhaften, zwangsweisen Verwendung von ausländischen Arbeitskräften in der Geschichte seit dem Ende der Sklaverei im neunzehnten Jahrhundert dar."

In tausenden Lagern eingesperrt, mussten zum Höhepunkt des Zwangsarbeitereinsatzes 1944 rund acht Millionen Menschen aus fast 20 europäischen Ländern schuften bis zur Erschöpfung oder wurden Opfer des Systems "Vernichtung durch Arbeit". Rund ein Drittel aller Arbeitskräfte waren Ausländer.

Sauckel, Speer und die SS

Die Hauptprotagonisten dieser mörderischen Maschinerie waren der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel, Rüstungsminister Albert Speer und die für die Verleihung von KZ-Insassen zuständige SS. Sauckel, im März 1942 von Hitler zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt, brachte mehr als fünf Millionen Menschen nach Deutschland - überwiegend Polen und aus der Sowjetunion. Sauckel wurde von Speer zunehmend unter Druck gesetzt, immer mehr Arbeitskräfte für die Rüstung zu mobilisieren. Sauckel wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode, Speer zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Auf Vorschlag Speers lieh die SS auf Weisung Hitlers ab September 1942 KZ-Häftlinge an die Industrie und zum Ausbau der Rüstung aus. Beispiele für die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Häftlinge eingesetzt wurden, waren der Arbeitskräfteverschleiß beim Bau der IG-Farben-Buna-Werke in Auschwitz oder dem Ausbau der Produktionsanlagen für Hitlers "Wunderwaffe" V2. Bei beiden Komplexen kamen zehntausende Menschen ums Leben.

Während das System des Terrors der SS oder das Schicksal der Juden längst im Focus wissenschaftlicher Untersuchungen stand, blieb das Unrecht an den Zwangsarbeitern Jahrzehnte hinter verschlossenen Türen der Archivschränke der Industrie verborgen. Erst mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes erklärten sich Bundesregierung und Wirtschaft bereit, je fünf Milliarden Mark in einen Fonds für die Überlebenden zu zahlen. "Wir erwarten, dass die Zahlungen an die ehemaligen Zwangsarbeiter bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sind", sagt der Vorstandschef der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", Hans Otto Bräutigam. Dann hätten mehr als 1,6 Millionen Menschen eine Entschädigung bekommen.

Grundlage des Wirtschaftswunders

Der Wissenschaftler Rolf-Dieter Müller bilanzierte den Einsatz der Zwangsarbeiter über ihre Bedeutung für die Kriegswirtschaft hinaus: "Es ist der deutschen Wirtschaft gelungen, ihren Produktionsapparat in einem Meer von Verwüstungen auf der Höhe des Friedensniveaus zu halten und nach der Niederlage in kürzester Zeit ein lang anhaltendes 'Wirtschaftswunder' zu inszenieren, das - anders als in den 30er Jahren - nicht von der Rüstung getragen wurde. Den Preis für diese gelungene Operation hatten nicht zuletzt Millionen von Zwangsarbeitern zu zahlen, die während des Krieges mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben die Grundlage für diesen Wiederaufstieg zu schaffen hatten."

Oliver Pietschmann/DPA / DPA