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Zweiter Weltkrieg: Mit der Bordkamera im Krieg

Alliierte Piloten fotografierten ab 1940 Angriffsziele zu Lande und zur See. Auch präzise Bilder von Vernichtungslagern und KZ-Häftlingen entstanden dabei. Hätten Briten und Amerikaner das Morden früher stoppen können?

Das deutsche Schlachtschiff "Bismarck", versteckt in einem norwegischen Fjord, die alliierten Landungsboote am Strand der Normandie, eine Rauchsäule über Auschwitz-Birkenau: Britische Luftaufklärer haben es gesehen, fotografiert, dokumentiert. Am vergangenen Wochenende stellten Wissenschaftler der Universität Keele fünf Millionen Luftbilder der Royal Air Force ins Internet. Sie waren der Hochschule 1962 übergeben worden und wurden dort in den vergangenen 20 Jahren gesichtet und geordnet. Fotos von überraschender Schärfe und brisantem Detailreichtum.

Alliierte Flugzeuge der Typen Spitfire und Mosquito flogen zwischen 1940 und 1945 über 60 000 Aufklärungseinsätze. Um die Maschinen leichter zu machen, hatten Techniker die Waffen ausgebaut. Zusätzliche Tanks erweiterten die Reichweite bis auf über 2500 Kilometer, die Außenhaut der Flugzeuge war extra poliert, um die Reibung zu reduzieren und die Geschwindigkeit auf über 600 km/h zu erhöhen. "Die Spitfires hatten keine Cockpitheizung", erinnert sich der britische Geschwaderführer Peter Fay, "es war eiskalt."

Kameras im Cockpit

Zwei Kameras, jede 55 Kilogramm schwer, waren hinter den Piloten eingebaut und nahmen aus verschiedenen Winkeln einen jeweils knapp fünf Kilometer breiten Streifen auf. Übereinander gelegt ergaben die Aufnahmen beider Kameras ein dreidimensionales Bild.

Schon im Ersten Weltkrieg hatten sich Planungen der Stäbe auf die Luftaufklärung gestützt - 30 Jahre später waren die Generäle weitgehend von ihr abhängig. Im Gegensatz zu anderen Auflärungsmethoden wie etwa Spionage hatte die Luftaufklärung viele Vorteile: Sie war schnell und exakt. Militärhistoriker halten sie für kriegsentscheidender als den Fund der Verschlüsselungsmaschine "Enigma" 1941.

Die Aufklärer der Alliierten überflogen vor den Angriffen deutsche Stellungen, um Ziele ausfindig zu machen - etwa vor der Landung in der Normandie. Der britische Geschwaderführer Fay erinnert sich noch genau an seine Flüge vor dem D-Day: "Um die Deutschen über die Landepunkte im Unklaren zu lassen, machten wir Millionen von Aufnahmen von der gesamten französischen Küste.

Manche aus 35 000 Fuß, manche aus niedriger Höhe." Die britischen Aufklärer lieferten aber auch genaue Bilder deutscher Städte. Bei späteren Einsätzen dokumentierten sie anschließend die Zerstörungen.

Die Bilder werfen alte Fragen neu auf. Hätten die Fotos des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau Leben retten können, wenn sie sofort veröffentlicht worden wären? Warum wurden nicht wenigstens die Gleise ins Lager bombardiert?

Fotos zeigen Details des Lagers

Auf einem der Luftbilder sind Häftlinge zu erkennen, die sich zum Appell aufstellen. Das auf der vorherigen Seite abgebildete Foto zeigt die Rauchsäule neben einem der vier Krematorien. Dort wurden damals Kinder, Frauen und alle Männer vergast, die den SS-Ärzten an der Rampe zur Sklavenarbeit zu schwach erschienen. Angesichts der drohenden Niederlage wurde das Mordwerk beschleunigt. Noch Monate nach der Aufnahme arbeiteten die Öfen. Das Lager wurde im Januar 1945 von den Wachmannschaften aufgegeben. Die Sowjetarmee stand schon vor dem nahen Krakau.

"Zum Zeitpunkt der Aufnahme wussten die Briten nicht genau, was am Boden passierte", sagt der Historiker Götz Aly. Ganz Deutschland sei damals von Lagern überzogen gewesen. Die Funktion eines einzelnen Lagers in Polen zu erkennen, sei schwierig gewesen. "Die Bildauswerter der Air Force konnten die Bedeutung einer Rauchsäule, die uns heute klar ist, nicht erkennen". Seit 1942 lagen in London zwar Informationen über die Vernichtung vor, vor allem Meldungen aus dem polnischen Widerstand, auch Augenzeugenberichte und abgehörte Funksprüche. Der deutsche Dienst der BBC berichtete wiederholt, aber zurückhaltend über die Vernichtungslager - auch weil der britische Informationsminister Brendan Bracken befürchtete, man könnte die Berichte als "Propagandalügen von Goebbelsschen Dimensionen" abtun.

Tatsache ist zwar: Das Vernichtungslager war in der Reichweite alliierter Bombergeschwader. Der italienische Häftling Primo Levi ("Ist das ein Mensch?") berichtet von wiederholten Bombenangriffen auf das neun Kilometer vom Lager Auschwitz-Birkenau entfernte Buna-Werk der IG-Farben. Jedoch konnten die Flugzeuge wegen des Spritverbrauchs auf der weiten Strecke nach Oberschlesien keine große Bombenlast tragen. Deshalb waren die Buna-Werke von den Deutschen auch dort gebaut worden.

"Zielgenauigkeit nicht hoch genug"

Auch Horst Boog, Luftkriegsexperte und ehemaliger leitender wissenschaftlicher Direktor am militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam, meint, dass die Briten die Bilder erst in den fünfziger Jahren richtig auswerten konnten. Die Skizzen und Berichte entflohener Flüchtlinge seien oft widersprüchlich gewesen - auch zu den Luftaufnahmen. Außerdem: "Die Zielgenauigkeit der Bomben war nicht hoch genug, um nur einzelne Gebäude, etwa das Krematorium, zu treffen."

Marc Goergen/Kuno Kruse / print