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"heute wichtig" Spiel mit dem Leben: Das Warten auf den Therapieplatz

Ein Mann schlägt die Hände vor den Augen zusammen
Zwar sind Depressionen nicht mehr das gesellschaftliche Tabuthema. Doch laut einer Studie warten 40 Prozent der Patienten oft monatelang auf einen Therapieplatz (Symbolbild)
© Dominic Lipinski / empics / Picture Alliance
Er hatte manchmal das Gefühl, er könnte Bäume ausreißen. An anderen Tagen aber war er froh, wenn er es überhaupt schaffte, aus dem Bett zu kommen. Jan Adrian ist 29 Jahre alt, lebt in München und spricht in der 313. Folge von "heute-wichtig" über das Stigma, das mit psychischen Erkrankungen immer noch verbunden ist.

Für andere war Jan Adrian früher oft der Clown, der lustige Typ, der lauter war, hyperaktiv. Vor einem Jahr aber kommt die Diagnose: ADHS im Erwachsenenalter. Etwas, das, wie er sagt, selten diagnostiziert wird, denn "es gibt noch immer diese Vermutung, dass sich ADHS irgendwie verwächst", sagt er. Ein Wunschgedanke, der meistens nicht eintritt, denn ADHS bleibt oft ein Leben lang bestehen.  

Für einen offenen Umgang: "Heute ist es keine Schwäche mehr, in Therapie zu gehen"

Bei dieser Diagnose allein bleibt es nicht. Jan Adrian litt schon früher an einer posttraumatischen Belastungsstörung, 2021 kämpfte er mit einer schweren Depression. Jetzt will er sich einsetzen für die Enttabuisierung und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. "Es ist ein guter gesellschaftlicher Wechsel, glaube ich, dass Menschen offen darüber reden", sagt Jan Adrian im Gespräch mit "heute wichtig"-Host Michel Abdollahi. Denn seit er offener mit dem Thema umgeht, macht er die Erfahrung, dass auch andere offener über ihre Erkrankungen sprechen. "Heute ist es keine Schwäche mehr, in Therapie zu gehen."   

Michel Abdollahi
© TVNOW / Andreas Friese

Podcast "heute wichtig"

Klar, meinungsstark, auf die 12: "heute wichtig" ist nicht nur ein Nachrichten-Podcast. Wir setzen Themen und stoßen Debatten an – mit Haltung und auch mal unbequem. Dafür sprechen Host Michel Abdollahi und sein Team aus stern- und RTL-Reporter:innen mit den spannendsten Menschen aus Politik, Gesellschaft und Unterhaltung. Sie lassen alle Stimmen zu Wort kommen, die leisen und die lauten. Wer "heute wichtig" hört, startet informiert in den Tag und kann fundiert mitreden.

Monatelange Wartezeiten für Therapieplätze: "Ein riesengroßes Problem"

Bei Adrian hat der Umzug in eine neue Stadt, ein neuer Job, mitten in der Coronakrise und seine Diagnose zu seinem "Absturz" geführt, wie er es nennt. Über eine psychiatrische Notfallsprechstunde hat Adrian das Glück, zügig an einen Therapieplatz in einem Ausbildungsinstitut zu kommen. Parallel aber stand er auf mehreren Wartelisten. Erst nach einem Jahr kam gerade mal ein Anruf. Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer warten 40 Prozent der Patienten oft monatelang auf einen Therapieplatz. "Das ist eine Katastrophe", sagt Adrian. Denn es gebe genug Psychotherapeut:innen, die einen Platz haben, die aber nicht für Krankenkassen akkreditiert sind. Vieles laufe dann im Privaten ab – "ein riesengroßes Problem".  

Dabei ist Adrian der Überzeugung, dass Therapie immer etwas bringt, dass es immer gut ist, mit Menschen zu sprechen, die nicht involviert sind, die noch einmal deutlich anders auf die eigene Situation blicken und professionellen Rat geben. Er glaubt: "Es ist niemals eine Schwäche, sich Hilfe zu suchen. Es ist niemals ein Fehler, sich Hilfe zu suchen."

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yks

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