VG-Wort Pixel

Sagen Sie mal, Herr Beckstein... Wie hat sich der Rücktritt angefühlt?

Posten weg, Auto weg, Sekretärin weg - Günther Beckstein, Ex-Ministerpräsident, hat hinter sich, was einige Politiker nach der Bundestagswahl noch vor sich haben. stern.de hat nachgefragt.

Wie haben Sie den Tag erlebt, an dem Sie zurücktreten mussten?
Am Morgen ist man noch der mächtigste Mann in Bayern, und am Abend ist man ohne jede Funktion. Man hat praktisch nichts mehr zu melden. Alles geht an einen anderen über. Die Sekretärin, mit der ich 15 Jahre zusammengearbeitet habe, war plötzlich die Sekretärin von meinem Nachfolger. Genauso mein Fahrer, die Personenschützer. Das ist ja auch alles richtig so in einer Demokratie. Aber das war kein einfacher Tag für mich, das ist klar.

Und dann sind Sie einfach nach Hause gefahren?
Die wichtigste Frage am Abend war: Wer bringt mich denn jetzt weg, wer fährt mich nach Hause? Ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt kein eigenes Auto und vielleicht kann man verstehen, dass ich an diesem Abend nicht in die U-Bahn oder S-Bahn steigen wollte. Es wurde dann aber ein Wagen mit Fahrer von der Staatskanzlei für mich organisiert. Da war ich sehr froh.

Wie waren die Monate danach?
Ich wusste immer, dass das Loslassen-Können in der Politik eine zentrale Frage ist. Aber es war dann doch ein extrem schmerzhafter Prozess. Gefühle habe ich mir nicht geleistet. Ich habe Akten sortiert, die lange liegengeblieben waren und mein Schlafdefizit aufgeholt. Inzwischen habe ich aber die Umstellung auf mein neues Leben gut bewältigt. Ich musste es erst lernen, freie Zeit zu haben.

Hätten Sie sich einen anderen Abgang gewünscht?
Die 43,4 Prozent, die ich bei der letzten Wahl in Bayern geholt habe, waren indiskutabel schlecht. Es war richtig, die Konsequenzen zu ziehen. Aber ich bin nicht durch einen Skandal aus dem Amt geschieden, darüber bin ich sehr froh.

Wie haben sich die Menschen Ihnen gegenüber verhalten, als Sie nicht mehr so mächtig waren?
Es gab einen Fall, wo ein Beamter, den ich um eine kleine Hilfe gebeten habe, gesagt hat: "Ich hab' jetzt keine Zeit für Sie, ich muss mich um wichtigere Dinge kümmern." Das war ein Mann, der hätte sich Tage zuvor noch vor mir verbeugt. Aber ansonsten kann ich wirklich nicht klagen. Die Boten im Landtag, die Referenten aus der Verwaltung, alle haben mich mit großem Respekt behandelt und sie tun es noch heute.

Als Politiker hat man ja einen Riesenapparat, der einem alles abnimmt - dann muss man alleine klar kommen. Wie weit ist denn Ihre Resozialisierung im Alltag fortgeschritten?
Ich bin ganz zufrieden. Ich schreibe meinen Reden jetzt selbst, ich habe gelernt, wie man im Internet Flüge raussucht und Hotels bucht. Die Briefmarken klebe ich selbst auf meine Briefe. Ich habe auch wieder ein eigenes Auto, mit dem ich umherfahre. Kurz nach meinem Rücktritt musste ich ja immer meine Tochter fragen: "Kann ich heute mal Dein Auto haben?" Das war ja auf die Dauer kein Zustand.

Arbeiten Sie noch?
Selbstverständlich! Ich habe ein Landtagsmandat, ich arbeite in einer Anwaltskanzlei. Als Ministerpräsident a.D. steht mir ein kleines Büro im Prinz-Carl-Palais in München zur Verfügung, mit einer Sekretärin und einem Beamten des höheren Dienstes, der kommt halbtags. Ich bin jetzt auch im Wahlkampf sehr aktiv, mindestens einmal am Tag unterwegs. Mir war von Anfang an klar, dass ich es nicht aushalte, von 200 auf Null zu gehen. Das hätte im Übrigen auch meine Frau nicht ausgehalten. Ich war ja fast nie zu Hause, meine Frau war mit den drei Kindern praktisch alleinerziehend. Jetzt bin ich sozusagen im Abklingbecken.

Wie erleben Sie die Politik von außen?
Mit einer gewissen Distanz. Früher konnte ich Menschen, die das nicht so wichtig fanden, nie so richtig verstehen. Wenn sich heute CSU und FDP streiten, denke ich selber oft: "Mein Gott, warum regen die sich so auf?"

Wie nutzen Sie Ihre neuen Freiheiten?
Mit meiner Frau bin ich viel auf Reisen. Wir waren in Florida, jetzt gerade auf Zypern und in Israel, wo ich auch einen Vortrag auf einer Anti-Terrorismus-Konferenz gehalten habe. Im Oktober wollen wir nach Tibet. Erst wollten wir einen 6000er besteigen, aber das ist zu teuer und aufwendig. Jetzt geht es ins Mount-Everest-Basislager. Ich will einfach noch mal nah dran sein an diesem tollen Berg. Das Reisen ist jetzt ganz anders. Früher war es doch so: Ankunft im Hotel und dann, noch bevor man unter die Dusche gegangen ist: Faxe lesen, im Büro anrufen: "Was gibt es Neues?" Das ist jetzt alles entspannter. In Florida habe ich in 14 Tagen nicht eine Zeitung gelesen!

Einer Ihrer engsten Weggefährten war Edmund Stoiber. Sie waren fast Freunde. Haben Sie noch Kontakt?
Natürlich. Wir unterhalten uns immer wieder mal. Wissen Sie, jedes Verhältnis hat Höhen und Tiefen. Wir waren lange Zeit unglaublich eng beieinander, und dann gab es auch Tiefen. Aber da ist nicht ein Hauch von Bitterkeit zurückgeblieben.

Tilman Gerwien ist Autor im Berliner stern-Büro. In seiner Reihe "Sagen Sie mal ..." spricht er mit Politikern über ein persönliches Thema - abseits der Politik.

Günther Beckstein, 65

... war 14 Jahre Innenminister von Bayern, bis er zusammen mit Erwin Huber 2007 den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber stürzte und selbst Regierungschef wurde. Schon nach einem Jahr war seine Amtszeit wieder zu Ende. Für die CSU war es ein Krisenjahr, das im Debakel der Landtagswahl 2008 gipfelte. Horst Seehofer beerbte ihn. Seitdem ist Beckstein "nur" noch einfacher Landtagsabgeordneter - sein Direktmandat in Nürnberg-Nord hat er 2008 trotz erheblicher Verluste wieder gewonnen.

Tilman Gerwien

Mehr zum Thema

Newsticker