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Bergen: Singing in the rain

Was haben Regen und die Zukunft der norwegischen Popmusik gemeinsam? Beide sind in Bergen beheimatet, der zweitgrößten Stadt des Landes.

Die Erklärung klingt ganz einfach: Da es in Bergen an durchschnittlich 235 Tagen im Jahr regnet, vier Mal mehr als in Berlin, verbringen die Leute ihre Abende am liebsten in kuschelig-warmen Clubs. Das ist wohl der Hauptgrund, warum sich die 225.000 Einwohner-Stadt einer exzellenten Szene rühmen kann. Die Altstadt wimmelt von kleinen Clubs, Bars und Kneipen, in denen nicht selten Live-Musik gespielt wird. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich Bergen zu einer Pop-Metropole mit internationaler Ausstrahlung entwickelt und wird in einem Atemzug mit Manchester, Seattle und Berlin genannt.

Miniatur-Wunderland

Bergen ist die zweitgrößte Stadt Norwegens. Der Stadtkern, inmitten von Wohn- und Industriegebieten, sieht aus wie die Miniaturlandschaft einer Märklin-Eisenbahn und erinnert an Jim Knopfs und Lukas' Lummerland: gepflegt gealterte Holzhäuser, blitzsaubere Straßen und Vorgärten, enge, verwinkelte Gassen und ein malerischer Marktplatz, umrahmt von Bergen auf der einen und der Nordsee auf der anderen Seite. Dass ich erst mit ziemlicher Verspätung und schon im Dunkeln die Stadt erreiche, ist halb so schlimm. Schließlich stehen nicht das Bryggen Museum, das Zeuge von Bergens Vergangenheit als Handelsstützpunkt der Hanse ist, oder der Fischmarkt auf meinem Besichtigungsprogramm, sondern das Nachtleben. Und da kann man auf den Spuren mancher Pop-Ikone wandeln: Keine geringeren als A-ha haben von der kleinen Stadt am Meer ihren Siegeszug durch die Welt gestartet. Junge norwegische Bands wie das Elektronik-Duo Röyksopp oder Kings of Convenience stehen mittlerweile nicht mehr nur in Norwegen ganz oben in den Charts. Die Poor Rich Ones, Kaizers Orchestra, Ai Phoenix, Ralph Myers, Sister Sonny und St. Thomas haben sich auch in Deutschland einen Namen gemacht. Jüngstes Beispiel für den Erfolg von Popmusik "made in Bergen": Kurt Nilsen, der Gewinner des "Superstar weltweit".

Sein Lieblingsclub ist die "Garage", verriet er jüngst in einem Interview. Von außen ein rustikaler Pub, der Türgriff ein norwegischer Grammy, zählt er zu den ältesten Clubs Norwegens. Oben Kneipe, unten Rock'n'Roll-Keller. Im "Apollon" um die Ecke kann man den letzten überlebenden Rock'n'Roll-Hippie Bergens kennenlernen, Ladenbesitzer Einar. An der Wand zeigt er stolz auf ein Regal mit der Aufschrift "Lokale Helter" (Lokalhelden), in dem selbstgebrannte CDs mit der Musik einheimischer Newcomer-Bands stehen. Ohne Plattenfirma verkaufen sie auf diese Weise in Bergen ihre Musik auch in den Läden. Selbst Kurt Nilsen hat so angefangen.

Von Vorspiel und Nachspiel

An diesem Dienstagabend ist nicht viel los in der Szene. Nur ein paar Gestalten haben sich durch den Regen an die Bars geschlagen. Am Wochenende brummt das Nachtleben und folgt dabei seinen eigenen Gesetzen. Da besonders Alkohol in den Kneipen sehr teuer ist - ungefähr sieben Euro - treffen sich junge Leute meist zuerst privat mit ihren Freunden und trinken sich mehr oder weniger ausgiebig in Stimmung. Diese Tradition trägt den deutschen Namen "Vorspiel". Anschließend wird in den Clubs abgetanzt. Und wenn gegen 3 Uhr im Nachtleben die Lichter ausgehen - Bergen hat auch am Wochenende eine Sperrstunde - folgt das entsprechende "Nachspiel". Es wird gemeinsam gekocht und gegessen, oft einfach auf der Straße, und die ganz Hartgesottenen trinken weiter.Für mich ist der Streifzug durchs Nachtleben Bergens weit vor 3 Uhr beendet. Am anderen Tag wird der Wecker schon früh klingeln. Und ausnahmsweise scheint an diesem Morgen die Sonne.

Jens Maier

Wissenscommunity