HOME

Bulgarien: Wo Ljubo und Ivo die Kurven kratzen

Schnee-Schickeria sucht man hier vergebens, doch "Ski und Rodel gut" heißt es auch in den Bergen von Bulgarien. Wintersportler haben ihren Spaß - und das besonders günstig.

Da kann man Ski fahren?" Ungläubiges Stirnrunzeln. Als Badeziel ist Bulgarien ja bekannt, aber für den Winterurlaub? Solche Zweifel haben Fritz aus Travemünde und Margrit aus Sülfeld längst hinter sich. Sie checken gerade bei Air Via für die Route Hamburg-Leipzig-Sofia ein und rechnen kurz vor, warum sie sich so entschieden haben: "Für die Kosten von einer Woche Österreich kannst du dir zwei Wochen Bulgarien leisten."Und seit das Rila- wie auch das Piringebirge nicht mehr nur als Skifahrer-Geheimtipp von Kleinveranstaltern angeboten werden, sondern sogar vom Reiseriesen Tui, sind die bulgarischen Skigebiete nur noch zweieinhalb Flugstunden von Hamburg entfernt. Borovets, die älteste Wintersportregion des Landes, liegt 90 Busminuten südlich von Sofia. Der Musala und der Jastrebets, die Hausberge der Metropole, wurden in den 80er Jahren im Stil französischer Retortenskiorte bebaut. Inzwischen sind die zwei gewaltigen Hotelklötze Rila und Samokov, eine Mischung aus Bahnhof, Shopping-Mall und Bettenburg mit direktem Liftanschluss, sichtlich in die Jahre gekommen, dafür ist das verzweigte Pistennetz bestens gepflegt. Von der Gipfelhöhe bis hinunter zum Skiort ziehen sich mehr als 40 markierte Abfahrtskilometer. Flutlicht erhellt die unteren Pisten sogar bis 22 Uhr.

Bulgaren gelten als Preußen des Balkans. Entsprechend zügig funktionieren der Ski- und Schuhverleih im Hotelkeller ("Gewicht?" Zack. "Passt!") und das Einteilen in die Kursgruppen. Die Skilehrer-Crew, in rot-schwarzen Anzügen aufmarschiert, stellt sich vor: Ljubo, Ivo, Krassimir, Snezhana. Ihr drolliges Deutsch stammt größtenteils aus McDonald'sBetrieben in Nürnberg, Karlsruhe oder Frankfurt, wo mancher im Sommer drei Monate für "gutes Geld" jobbt."Ski und Beine passen?", fragt Ljubo, als seine achtköpfige Gruppe auf dem Berg aus den Vierersesseln des Lifts gerutscht ist und jeder erst mal an seinen Schuhschnallen fummelt. "Dann machen wir ab in meine Spur", kauderwelscht er und kurvt gemächlich los. Er macht seinen Schülern die richtige Grundhaltung vor. "Guck mal", sagt Ljubo, der wie der junge Mario Adorf aussieht, "Gewicht auf beide Ski, Luft zwischen die Knie, Popo nach oben, und rum." Die Gruppe rutscht ihm auf einem sanften Buckel des Musala, dem mit 2925 Metern höchsten Berg des Landes, mühsam hinterher. Die Beine schlangenförmig, die Arme ebenfalls verdreht. Ljubo sagt erneut das mit dem "Popo nach oben" und fragt besorgt, ob auch alle verstanden haben, "weil mein Deutsch ist nicht Muttisprechen". Verstanden schon, bloß die praktische Umsetzung macht Probleme. Als Margrit, Fritz und Florian zum dritten Mal hintereinander in den Schnee plumpsen, konstatiert der Bulgare: "Heute is' ganz nix" und schwingt ab zur Pause ins "Renaissance".

Das ist eine Hütte zwischen den beiden Gipfeln Musala und Jastrebets. Musik von Abba, Pink Floyd oder ACDC dröhnt drinnen wie draußen über die Bänke. Wie in Österreich. Nur die Preise sind bulgarisch: Ein Becher Tee kostet 1,5 Leva (1 Euro = 2 Leva), der Cappuccino zwei, ein großes Zagorka-Bier vier, eine Gulaschsuppe fünf und ein gewaltiger Hirtensalat acht Leva. Wenn das Wetter danach ist, enthüllen sich Sonnenhungrige ungeniert und strecken sich auf den Holzbänken aus, um ein wenig braun zu werden. Die Liftsessel zuckeln halb leer bergauf. Wenig los.Das passende Milieu für die goldbehängte Schnee-Society, die ihre Nerze und Zwergpudel Gassi führen will, ist der wilde Osten nicht. Dafür fehlt es an Flaniermeilen, Glitzerläden und Küsschen-Flair. Weihnachten allerdings brummt der Skizirkus wie in Garmisch oder St. Anton. Dann flüchten Ortskenner quer durch die Latschenkiefern zur abgelegenen, verwitterten Musala-Hütte, Jahrgang 1964, wo Hüttenwirt Saschev auf seinem Kohleofen gewaltige Blechtöpfe mit Linsensuppe wärmt. Im Gastraum rund ums Ofenrohr hängen neben nackten Glühbirnen, Muttergottesbildern und Wappen die Visitenkarten der Bergwanderer, die im Sommer von hier aus den Gipfel angehen.

Auch der Krefelder Malermeister Helmut Notter, der seit 30 Jahren nach Borovets kommt, war schon droben. "Eine tolle Landschaft, im Winter und Sommer", schwärmt der agile 73-jährige Stammgast, der sich wundert, dass deutsche Skipauschalurlauber sein Lieblingsziel erst jetzt entdecken. "Schließlich liegt Borovets doch nicht am Ende der Welt." 1981 und 1984 wurden auf den felsigen Berghängen sogar Weltcups ausgetragen. Der erfolgreichste Skistar Bulgariens, Peter Popangelov, betreibt inzwischen ein Hotel mit Skischule hier. Seine Europa- und Weltcup-Medaillen fuhr der bescheidene 45-jährige Slalommeister in der Ära von Stenmark, Wörndl, Girardelli, Wasmeier und Zurbriggen ein.Auch für Langläufer hat Borovets einen Star vorzuweisen, den einstigen Juniorenmeister und WM-Biathlonteilnehmer Blago. Der 59-Jährige mit dem breiten Kopf, dem silbergrauen Haarkranz und einem Augenbrauendickicht à la Waigel betreibt seit 27 Jahren die Gaststätte Mariza. Hier köchelt inmitten eines Souvenir-Sammelsuriums aus Bierkrügen, Fotos, Stoffblumen, Zinnkrügen und Reklametafeln auf einem antiken Ofen meist einer seiner gefragten Eintöpfe. Blago veranstaltet Ein- und Mehrtages-Langlauftouren mit vielen Pausen für einen Honigschnaps oder eine Käsebrotzeit in urigen Schäferhütten. Jeden Tag nimmt er eine andere Loipe."Borovets schläft an keinem Abend früh ein", behauptet ein greller Werbeprospekt von Balkantourist. Stimmt. Beim Après-Bummel auf dem Hauptpfad zwischen den Hotelbauten Rila und Samokov preisen Dutzende von Händlern in windigen Holzshops noch bis spätabends gefälschte Nike-Turnschuhe, Dior-Brillen, Rolex-Uhren, Trachtenpuppen, CDs, Schnaps, gestrickte Socken und Ski-Auslaufmodelle an. Ab 22 Uhr fangen die bulligen Türsteher der Bars und Discos Kunden ein. Etablissements wie Titanic, White Magic, Place Pigalle, der Playboy-Club und die Erotic-Bar locken mit Love-Cocktails, Peepshows und XXXL-Schweine koteletts. Schnaps kostet 2,99 Leva, Bier zwei, Tia Maria vier, die Flasche Champagner 14 Leva. Während der Happy Hour von 22 bis 23 und 1 bis 1.30 Uhr gibt es sogar zwei Drinks zum Preis von einem. Dann schlägt die Stunde für die schluckfreudigen Engländer, die auch gern die preiswerten "Balkan Holidays" buchen.Die Deutschen spielen hier, aus historischer Sicht, eine besondere Rolle. Schließlich haben sie das Land einst mit einem König beglückt. 1908 ernannte sich Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha zum Zar von Bulgarien. 1946 jagte man ihn zwar aus dem Land. Aber Simeon II., ein Enkel jenes "Sakskoburggotski", wie die Bulgaren den fremden Adel nennen, durfte 2001 aus dem spanischen Exil heimkehren. Seitdem fungiert der König ohne Krone als Premierminister für die regierende Partei. Das Amt lässt Simeon II. - einem 67-jährigen Herrn mit Halbglatze - genügend Zeit, regelmäßig seine Residenz in Borovets zu besuchen. Ist er mal länger nicht im Haus, führt die Hausdame Svetlana gegen ein paar Leva Touristen durch das schlossähnliche, mit Jagdtrophäen voll gestopfte Gebäude. Sie zeigt die Messingbetten, Porzellanwaschkrüge und Nachttöpfe der königlichen Familie, die edel gedeckte Dinnertafel, "an der seine Majestät noch empfängt", und die Pantoffeln des Möchtegern-Königs vor dem Fernseher am Kamin.

Mit einem Blaublüter kann der 100 Autominuten entfernte, weiter südlich gelegene Skiort Bansko zwar nicht protzen, dafür hat er mehr landestypische Atmosphäre. Der Kurort am Fuße des Piringebirges wirkt urwüchsiger und ist geschichtsträchtiger. Die meterdicken Stadtmauern mit Schießscharten und die renovierten Altstadthäuser mit ihren Fluchtgängen erinnern an die Zeiten, als hier noch Karawanen und Krieger durchzogen. Die Relikte altertümlichen Lebens vereinen sich heute mit dem quirligen Treiben eines modernen Skiferienorts. Neben Skodas und Ladas kurven Eselskarren mit Mistladungen durch die engen Gassen. Hier ein riesiger hölzerner Waschbottich mit offenem Bachzufluss, an dem alte Leute ihre Teppiche waschen, dort Edel-Shops von Dior, Salomon und Head. Wenn die Urlauber nachmittags mit geschulterten Brettern zum Hotel laufen, gibt's eine Folkloreeinlage, die wie bestellt wirkt: Sie kommen an vielen Frauen in traditioneller Tracht vorbei, die ratschend und spinnend auf Stühlchen auf dem Bürgersteig sitzen.Ein paar Pendelbusminuten und 200 Höhenmeter entfernt ist die neue Seilbahn-Talstation mit gläserner Winterbar und Kinderspielplatz. Die moderne Kabinenbahn, in der vergangenen Wintersaison vom mehrfachen Olympiasieger und Weltmeister Alberto Tomba eingeweiht, bringt die Gäste bis knapp unter den kantigen Todorka-Gipfel (auf 2560 Meter). Technisch alles der letzte Schrei - mitten im Pirin-Nationalpark. Ob Beschneiungsanlagen oder elektronisch lesbare Skipässe, alles da. Dagegen wirkt manches teure Alpendorf fast hinterwäldlerisch.So wie die Wirte mittags vor ihren Hütten Hähnchen auf Holzkohle, Lammspieße und Würste grillen, riecht es auch abends drunten in Branskos Altstadt nach dem Rauch der Kohlefeuerung und den örtlichen Spezialitäten aus den Tavernen. Moussaka, gebratener Hammel, gegrilltes Geflügel, würzige Hackfleischröllchen und Honigdessert stehen auf den Speisekarten. "Für 20 Leva kannst du dich zu zweit satt essen und trinken. Echtes Kaminfeuer und eine Live-Sängerin inklusive", schwärmt ein Pärchen aus Frankfurt, das gerade aus dem beliebten Momini Dvori kommt, dem Jungfrauenhof. Die zwei könnten jetzt noch zur Pretty-People-Party gehen. Da ist beim Eintritt von drei Leva der erste Wodka mit drin. Aber "die Beine sind kaputt vom vielen Abfahren", stöhnen sie und verabschieden sich mit einem "léka noscht" - gute Nacht.

Brigitte Zander / print

Wissenscommunity