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"Deutschland für Entdecker": Erlebnisbahn Ratzeburg: Urlaub auf dem Bahnhof

Im Naturpark Lauenburgische Seen hängen Züge in den Bäumen. Aus stillgelegten Bahnhöfen schuf ein passionierter Bastler die Erlebnisbahn Ratzeburg mit 13,5 Gleiskilometern und bewohnbaren Waggons.

Von Christine Lendt

Eigentlich müsste die Landschaft am Fenster vorbeifliegen. Es müsste rattern, rumpeln und rütteln, und ein Schaffner müsste brüllen "Die Fahrkarten bitte!". Stattdessen zwitschern Vögel in die Stille, unverändert fällt der Blick auf grüne Birken und Buchen. Die Morgensonne scheint durch das Blattwerk. Aus dem Waggon gegenüber duftet es nach Kaffee.

Die Züge auf diesen Gleisen haben sich vom Transportmittel zum Reiseziel gewandelt. In Pastellfarben leuchten Holzwaggons vor ländlicher Natur. Wer sie betritt, wähnt sich in fernen Ländern. Bunte Steine funkeln, Vorhänge glitzern, ein Buddha lächelt milde von der Badtür. Das ist die Gleisbauersuite Indien, eine Ferienwohnung mit Küche, WC und Dusche. Exotisch sieht es auch in den Nachbarabteilen aus, wahlweise geht die Reise nach Afrika, Japan, Hawaii oder an den Amazonas. Zwischen alldem erinnern alte Holzbänke und Waggonfenster an den Zug von damals, den Gleisbauarbeiter auf Montage nutzten.

Endlich Nachtruhe im Schlafwagen

Hundert Meter döst ein ehemaliger Mitropa-Schlafwagen vor sich hin und bietet Nachtruhe. Endlich, mag manch einer denken, der je versucht hat, in einem fahrenden Zug zu schlafen. Geblieben ist jedoch die Enge. Jeweils drei Feriengäste können in einem der zehn Abteile übernachten. Viele Gäste schätzen die Eisenbahn-Nostalgie. "Aber höchstens für zwei Tage", rät der Anbieter schon bei der Buchung, "dann wünscht man sich doch wieder eine komfortablere Schlafstätte".

Die ungewöhnlichen Unterkünfte befinden sich auf dem stillgelegten Bahnhof Smilau, dem Herzstück der Erlebnisbahn Ratzeburg. Hier dreht sich alles um außergewöhnliche Fahrzeuge, Verpflegung gibt es im gläsernen Speisewagen und in kunstvoll gestalteten S-Bahnwaggons; in einer alten Straßenbahn sind optische Täuschungen ausgestellt. "Das hier ist meine Berufung und Lebenseinstellung", sagt Geschäftsführer Oliver Victor, der in einem Güterwaggon Wohnsitz und Büro hat. Der 43-Jährige möchte seinen Gästen "schöne Naturerlebnisse und soziale Kontakte durch sportliche Herausforderungen" verschaffen.

Wie das gemeint ist, erkennt jeder, der das Gelände betritt. Verrückte Fahrräder in allen Größen und Varianten verteilen sich zwischen den Picknickplätzen. Victors wohl schrägste Erfindung ist das Konferenzfahrrad: Sechs Menschen treten, im Kreis einander zugewandt, auf ein- und demselben Gefährt in die Pedale. Einige Gruppen bewältigen so eine Disziplin des "Lauenburgischen Fünfkampfs", der über den Ratzeburger See führt. Schon auf dem Weg dorthin zeigt sich, dass der Name Programm ist.

Per Draisine nach Ratzeburg

Wie riesige Einkaufskörbe auf Rädern sehen die handbetriebenen Verkehrsmittel aus, die normalerweise Gleisarbeiter nutzen. 16 Kleindraisinen stehen auf der Nordseite des Bahnhofs Smilau zum Einsteigen bereit. Sonnenbehütete Besuchergruppen scharen sich um Tourbegleiterin Uta und lauschen der Einweisung: "Kurz vor Ratzeburg bitte langsam fahren, aber auf keinen Fall bremsen. Sie könnten sonst entgleisen. Da machen die Schienen einen Knick". Auch über das Verhalten an den Bahnübergängen wird informiert, denn die gilt es zuvor abzusichern. Die Draisinenstrecke ist Teil des regionalen Verkehrsnetzes. Warnwesten und Signalflaggen in Knallorange werden verteilt, dann heißt es: Hebeln, bis die Muckis schwellen.

Einige Mütter schauen noch ein wenig besorgt, die Väter eher erwartungsfroh, die Kinder sowieso. Kurz darauf quietschen alle vor Vergnügen. Mit gefühlten 20 Stundenkilometern geht es durch schattige Baumbestände und Heckenrosenbüsche, versteckte Dörfchen lugen aus wildem Grün, und die Autofahrer halten brav vorm geschwenkten Signal. Rund um Ratzeburg kennt man das schon.

Der Bahnhof Smilau ist die mittlere Station der Erlebnisbahn. Richtung Norden fahren die Kleindraisinen mit vier Personen bis ins 4,5 Kilometer entfernte Ratzeburg, wo Tourteilnehmer auf Drachenboote oder Wasserfahrräder umsteigen können. Auf der anderen Seite des Bahnhofs starten Großdraisinen mit mindestens acht Personen Richtung Süden. Diese Strecke misst neun Gleiskilometer und endet im ländlichen Nirgendwo, oder vielmehr: am Jugendbahnhof Hollenbek. Dort hat Victor aus einer ehemaligen Rübenverladestation einen kleinen Abenteuerpark gemacht, inklusive passender Unterkünfte.

Ein Waggon hängt im Baum

Ein Zug steht Schulklassen und Jugendgruppen zur Verfügung, mit Bord-Disco, Küche und Betreuerabteil. Gegenüber hängt ein Waggon in drei Teilen im Baum, aber das ist Absicht: Das "Baumhaushotel in einem explodierten Zug" haben Holzkünstler aus einem Munitionswaggon gestaltet, der im Zweiten Weltkrieg beschossen und Jahrzehnte später auf dem Gelände gefunden worden ist.

Das Innenleben ist vergleichsweise komfortabel, jedes Abteil hat ein eigenes Bad. Auf der Frühstücksplattform sitzen zwei befreundete Ehepaare, die Männer tragen gestreifte Hemden und könnten gerade aus dem Büro kommen. "Mein Mann liebt Eisenbahnen", erklärt eine Frau aus Mühlhausen. Ihren Nachwuchs haben sie zu Freunden nach Hamburg geschickt, um die Ruhe im Baumhaus zu genießen.

Vom Lokschuppen zum Erlebnisbahnhof

Bis in die 60er Jahre pendelten Bewohner der umliegenden Dörfer auf der Strecke Ratzeburg-Smilau-Hollenbek, bis 1993 rollten noch Waggons mit Zuckerrüben über die Gleise. Am 24. Dezember 1994 wurde der Bahnbetrieb ganz eingestellt. Dann kam Oliver Victor, "einer, der aus allem, was er sieht, etwas machen muss". So beschreiben ihn seine Mitarbeiter. Ursprünglich wollte der gebürtige Lauenburger Konzerte in einem Ratzeburger Lokschuppen organisieren. Doch der lag, schwer zugänglich, an einem Bahngleis. Um die Logistik zu ermöglichen, stellte Victor seine erste Draisine dazu. "Die Leute wollten nur noch mit dem Ding fahren", erinnert sich der Geschäftsführer. Wenige Jahre später ließ er Draisinen in Serie bauen, kaufte beide Bahnhöfe samt der 13,5 Kilometer Gleise, besaß einen Schuppen auf Rädern, eine alte Straßenbahn und seine ersten 26 Güterwaggons.

Heute wird Victor von bis zu 50 Mitarbeitern unterstützt, darunter einige passionierte Bastler und Erfinder. 2008 kamen 48.000 Gäste, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Und manch einer, der dort aus dem Fenster schaut, diesem klassischen Eisenbahnwaggonfenster, sieht dann doch die Landschaft vorbeifliegen und wähnt sich auf großer Fahrt. Vielleicht nach Indien, vielleicht nach Berlin, oder einfach zurück in die Kindheit.

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