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Dresden ohne Welterbe-Titel: Die abgestrafte Stadt

Die Unesco hat Dresden den Kulturerbe-Titel entzogen. Nun wird die Moralkeule geschwungen. Eine Schande für Sachsen, eine Schmach für Deutschland. Die Nation der Dichter und Denker ist das weltweit erste Land mit einer Kulturstätte, die von der Unesco-Liste gestrichen wird. Da hilft kein Wattenmeer, auch wenn das nun Welterbe wird.

Ein Kommentar von Till Bartels

Was alle befürchtet haben, ist eingetreten. Schon im Mai appellierten Günter Grass, Martin Walser, Wim Wenders und weitere Künstler an die Kanzlerin, dass "der Ruf unseres Landes als Kulturnation" auf dem Spiel stehe. Doch der provokante Bau der Waldschlößchenbrücke im Elbtal hat Berlin kaum interessiert. Dresden wird nun abgestraft und erhält keinen Cent von den 150 Millionen, die der Bund für die Förderung der Welterbestätten bereitgestellt hat. Macht aber nichts. Denn die Summe, die das Land für den Brückenbau spendiert, damit ab 2011 der Verkehr rollen kann, beträgt 96 Millionen.

Die Aufregung über den Entzug ist deshalb so groß, weil nach Dresden nicht nur jahrelang Millionen von Euro aus dem Solidaritätszuschlag geflossen sind, sondern auch aus dem Ausland private Spendengelder zum Wiederaufbau der Frauenkirche. Mit der Sympathie ist es nun vorbei, Dresden-Bashing ist angesagt.

Dresdens hausgemachte Probleme

Erst Anfang Juni hatte US-Präsident Barack Obama Dresden besucht und im Taschenbergpalais genächtigt. Zur Freude der Tourismusverantwortlichen, die sich mehr internationale Aufmerksamkeit versprachen. Dresden hat das Problem, dass Touristen aus Übersee bei ihrem Deutschlandtrip das "Elbflorenz" eher links lassen. Berlin und München sind einfach attraktiver.

Und der Dresden-Tourismus hat ein weiteres Problem. Der Zwinger, das Grüne Gewölbe und die Raddampfer-Romantik auf der Elbe ziehen kein jugendliches Publikum an, sondern Busreisende im Rentenalter. Dresden fehlt ein gesunder Gästemix. Aber das könnte sich nun ändern.

Denn der "kulturelle Super-GAU", von dem die Medien sprechen, bringt die Stadt nicht nur ein weiteres Mal in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit, sondern kann auch als PR-Maßnahme interpretiert werden: Kommt nach Dresden und schaut auf diese Stadt. Hat sie den Entzug des Welterbestatus wirklich verdient?

Wer bei einem Dresdenbesuch mit offenen Augen am Elbufer entlangläuft, kann sich über manche optische Störung der Silhouette nur wundern. Die Stadt wurde nicht nur durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört, sondern auch beim Wiederaufbau zur DDR-Zeit ruiniert. Kaum einer spricht über die Plattenbau-Riegel in Elbnähe, den frechen Neubau der würfelförmigen Synagoge im Jahre 2002. Für die einen sind die Sichtachsen an der Elbe schon lange gestört, andere sehen darin ein Signal: Dresden ist kein nostalgisches Rothenburg ob der Tauber, sondern eine von Zerstörung und Wiederaufbau geprägten Stadt, in der alte, rekonstruierte und moderne Bauten aufeinanderprallen. Die Waldschlößchenbrücke verkörpert das 21. Jahrhundert - und die Bedürfnisse der Bürger. Ihnen ist der tägliche Weg zur Arbeit ohne Stau wichtiger als in einer Welterbe-Stadt zu leben.

Durch die Titel-Aberkennung wurde die Unesco-Liste für einen Tag um ein Welterbe reduziert. Mit der Entscheidung, das norddeutsche Wattenmeer in den Kreis der Welterbestätten aufzunehmen, wird ein symbolischer Ausgleich geschaffen. Nur ist der Unesco-Titel nicht einfach elbabwärts gerutscht. Denn der Vorschlag wurde nur von den Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen eingereicht. Das Land Hamburg hatte sich zurückgezogen. Eine weitere Elbvertiefung für noch größere Containerschiffe wäre mit dem Titel nicht mehr möglich.

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