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Fahrgastrechte in der Praxis: Bei Verspätung zahlt die Bahn - nicht immer

Schnee und Eis machen den Bahnreisenden zu schaffen. Teils stundenlange Verspätungen sind normal. Die neuen Erstattungsregeln bringen zumindest ein wenig finanziellen Trost. Doch nicht alle werden gleich behandelt - Hartnäckigkeit zahlt sich aus.

Von Till Bartels

Unter den Bahngeschädigten, die bei den derzeitigen Verspätungen, verpassten Anschlüssen und frostigen Temperaturen auf den Bahnsteigen warten, spricht es sich langsam herum: Seit dem 1. Juli letzten Jahres sind dank einer EU-Verordnung die neuen Fahrgastrechte in Kraft.

Die Regeln sind klar definiert: Fahrgäste, die eine Stunde später als geplant am Ziel ankommen, erhalten von der Bahn 25 Prozent des Fahrpreises zurück. Bei zwei Stunden Verspätung werden 50 Prozent des Tickets erstattet. Inhaber von Zeitkarten bekommen in der zweiten Klasse Pauschalbeträge von bis zu zehn Euro. "Seit dem Einsetzen des Winterwetters merken wir einen deutlichen Anstieg der Anträge im Servicecenter Fahrgastrechte", sagt ein Bahnsprecher auf Anfrage von stern.de.

Drei Redakteurinnen von stern.de wurden während der Weihnachtsferien ungewollt zu Testpersonen. Bei ihren Bahnreisen nach Süddeutschland hatten sie mit Zugausfällen, längerem Halt auf freier Strecke und Umwegen zu kämpfen. Bei der winterlichen Witterung vor Weihnachten und um den Silvestertag verlief lediglich die Hälfte der insgesamt zwölf Fahrten pünktlich. Einmal kam es zu einer Verspätung von einer knappen Stunde, die nicht erstattungspflichtig ist. Aber bei einer weiteren Fahrt betrug die Verspätung über eine Stunde und bei vier Zugreisen mehr als zwei Stunden – also bestand in fünf Fällen Anrecht auf 25 und 50 Prozent Erstattung des Fahrpreises. Alle drei Personen reichten nach der Rückkehr in Hamburg beim Reisecenter die entsprechenden Anträge, die sich auch online auf der Fahrgastrecht-Seite der Bahn ausfüllen lassen ein - mit unterschiedlichem Erfolg.

Gilt Winterwetter als Einwirkung Dritter?

"In Hamburg am Dammtor-Bahnhof wurde mir am Schalter und am Servicepoint gesagt, dass Schnee und Eisglätte Einwirkung Dritter seien und die Bahn daher in meinem Fall nichts erstatten würde", so die Erfahrung von Lea Wolz, der nur eine von zwei verspäteten Bahnfahrten erstattet wurde. In vier Fällen gab es die Hälfte des Fahrpreises anstandslos zurück. Nur in einem Fall steht eine Entscheidung der Bahn noch aus, was im Rahmen der vorgeschriebenen Bearbeitungszeit von vier Wochen liegt.

Generell behält sich die Bahn bei den Entschädigungsregelungen Ausnahmen vor: Keine Haftung übernimmt sie in Fällen, für die sie nichts kann, wie zum Beispiel Suiziden auf der Strecke oder Unwetter. Stuft die Bahn winterliche Verhältnisse bereits als ein Unwetter ein? Eine Lawine, die für mehrere Tage eine Bahnstrecke unpassierbar macht, fällt unter den Begriff höhere Gewalt. "Wenn es aber durch das Wetter technische Probleme gibt, wird im Regelfall erstattet", so der Bahnsprecher.

Konkret heißt das: Muss ein Fahrgast auf der in dieser Woche gestörten ICE-Verbindung von Köln nach Berlin längere Fahrzeiten in Kauf nehmen, hat er ab einer Stunde Anrecht auf eine Fahrpreiserstattung. Denn ein entgleister Güterzug gilt nicht als Einwirkung Dritter. Zweites Beispiel: Wird die Elektronik der ICE-Neigezüge durch Pulverschnee beeinträchtigt und fällt der reservierte Zug aus, wie es um die Weihnachtstage auf der Strecke zwischen Berlin und München der Fall war, kann man nicht nur einen Teil des Fahrpreises, sondern auch die Kosten der Reservierung für den ausgefallenen Zug zurückerhalten. Beim gestörten Bahnbetrieb durch eingefrorene Weichen scheiden sich die Geister, ob eine Erstattung möglich ist. Die schwammige Formulierung im Antrag lautet: Kein Anspruch besteht bei "außerhalb des Eisenbahnbetriebes liegende Umstände, die von der Eisenbahn nicht vermieden bzw. abgewendet werden konnten“. Im Zweifel alle Unterlagen zum Servicecenter nach Frankfurt schicken, das alle Einzelfälle prüft.

Tipps für die Erstattung

Karl-Peter Naumann vom Verbraucherverband Pro Bahn möchte die Bahn nicht für alles in die Pflicht nehmen. "Für vereiste Oberleitungen kann die Bahn nichts". Aber er fordert bei Störungen eine vernünftige Information, die häufig nicht stattfindet. Auch muss die Bahn auf Ausnahmesituationen im Winter besser vorbereitet sein und "genügend Fahrzeuge zur Reserve parat haben". Generell begrüßt er die neuen Fahrgastrechte. Nur bei Verspätungen von 59 Minuten stelle sich mancher Bahnmitarbeiter stur. Er weist darauf hin, dass eine Bestätigung der Verspätung nicht unbedingt erforderlich sei, denn die Daten mit den tatsächlichen Fahrzeiten seien gespeichert.

Sitzt man in einem vollen Zug, der sich verspätet hat, gehen dem Personal die Fahrgastrechte-Formulare schnell aus. Wer auf Nummer sicher gehen will, besorgt sich dieses Papier bereits vor der Bahnfahrt am Servicepoint des Abreisebahnhofs. Bei verpassten Anschlusszügen mit Weiterfahrt in der Provinz kann abends der letzte Zug bereits abgefahren sein. "Nehmen Sie ruhig das Wort Taxi in den Mund", so Naumann von Pro Bahn. Das kann Wunder beim Personal bewirken, und man erreicht ohne Hotelübernachtung noch das Ziel.

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