Flughafen Tempelhof Absterben statt Abheben


Die Uhr zeigt ihren eigenen Tod an. Noch dreht sich der kantige Zeiger in der Empfangshalle von Berlin-Tempelhof. Aber die letzten Tage des Zentralflughafens sind gezählt. Ende Oktober macht Tempelhof dicht. Ein Rundgang um fünf vor zwölf.
Von Roland Brockmann

"Der Flughafen Berlin-Tempelhof stellt am 31.10.2008 um 0.00 Uhr seinen Flugbetrieb ein", teilte die oberste Luftfahrt- und Luftsicherheitsbehörde ganz offiziell mit. "Nach den gültigen Betriebsbeschränkungen für den Flughafen Berlin-Tempelhof findet Flugbetrieb bis 22.00 Uhr (Ortszeit) statt". Der letzte reguläre Flug innerhalb der Betriebszeit ist um 21.50 Uhr mit der Cirrus nach Mannheim geplant.

Gerade noch drängt der Zeiger die wenigen Passagiere zum Boarding von Flug SN 2587 nach Brüssel - eine der letzten Destinationen, die überhaupt noch von dem legendären Flughafen angesteuert werden. Brüssel, Mannheim, Friedrichshafen, Brüssel - es ist längst nicht mehr der Flair der weiten Welt, den die Anzeigetafel verkündet. Vielmehr scheint in die die heilige Halle bereits bitteres Siechtum eingezogen zu sein. Geschlossen sind die Restaurants, still stehen die Gepäckbänder; leer die Büros der meisten Fluggesellschaften. Gerade mal Cirrus und Brussels Airlines unterhalten in Tempelhof noch Niederlassungen.

Die Frau im Brussels-Office kann ihre Wehmut kaum zurückhalten: "Herbstlich" sei die Stimmung, und damit meint sie nicht die Jahreszeit. "Der reine Fatalismus", schiebt sie nach. Nicht zuletzt die Art und Weise des ohnehin bitteren Endes nervt sie: "Nicht mal eine Zeitung kann in der Halle noch kaufen. Und Getränke nur in einem Automaten." So hätte es hier ja nicht immer ausgesehen. "So etwas nennt man Fakten schaffen", kommentiert sie die Politik der Stilllegung.

Demnächst wird sie täglich nach Tegel (TXL) zur Arbeit fahren müssen. Und begeistert ist sie davon nicht. Der Flughafen TXL sei nicht nur weiter von ihrer Wohnung entfernt, er würde auch aus allen Nähten platzen. Schlechte Arbeitsbedingungen, bis irgendwann ohnehin der neue Flughafen "Berlin Brandenburg International (BBI)" in Schönefeld den gesamten Flugbetrieb übernimmt. Denn auch das Ende von Tegel ist längst beschlossen.

Die Mutter aller Flughäfen

Geöffnet im Tempelhof hat auch noch der Schalter von Air Service Berlin - eine kleine Chartergesellschaft, die Rundflüge mit der DC-3, dem Rosinenbomber, von der "Mutter aller Flughäfen" - so der Architekt Sir Norman Foster über THF - anbietet. Noch, denn der letzte Flug mit einer Douglas DC-3 ist für den 30. Oktober um 23 Uhr 55 geplant. Zum selben Zeitpunkt hat aber auch die Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung eine Startgenehmigung für ihre Ju 52. Welcher der beiden Flüge tatsächlich als letzter Flug von Tempelhof abheben wird, soll erst am 30. Oktober per Losverfahren ermittelt werden.

Klar ist aber: Beide Flüge sind längst ausverkauft, und Air Service Berlin zieht direkt um nach Schönefeld - Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Rosinenbomber, der während der Berlin-Blockade den "freien Stadtteil" mit Lebensmitteln, Kohle und Medikamenten versorgte, wird nun im Osten der Stadt, also beim ehemaligen Feind, landen und starten. Noch wirbt Air Service Berlin mit einem Drink in ihrer Offizierslounge von Tempelhof: "Hier saßen schon die Piloten der Luftbrücke auf den Fensterbänken!"

"Viele Mitarbeiter sind unglücklich", sagt Mikolaj Pawlak, ein gebürtiger Pole in nachgemachter Ami-Uniform am Schalter vom Rosinenbomber. "Tempelhof ist nun mal das Original." Hier spüre man die Geschichte.

Gerade mit seiner "zentralen Lage" hatte man sich damals gerühmt, als der Flughafen am 8. Oktober 1923 auf einem ehemaligen Exerzier- und Paradefeld der Kaiserlichen Garde eröffnet wurde. Die Abflughalle bestand noch aus Holzschuppen; eine Flugreise galt als Wagnis und Piloten als Abenteurer. Fluggäste mussten sich vor dem Boarding wiegen lassen. Nur 100 Starts und Landungen gibt es im Eröffnungsjahr. Doch die Zahlen steigen rasant, bis 1935 schafft Tempelhof es mit 38.000 Starts und Landungen an die Spitze der europäischen Flughäfen.

Zukunft beim Film

Im Dritten Reich wurde Tempelhof zum größten Gebäude Europas ausgebaut: 284.000 Quadratmeter Geschossfläche. Doch mit dem verlorenen Krieg geriet Tempelhof als Militärflughafen unter die Kontrolle der Amerikaner, der zivile Flugverkehr wurde zunächst eingestellt. Im April 1948 kam die Luftbrücke: Alle 90 Sekunden landete in Spitzenzeiten ein Rosinenbomber, um das eingeschlossene Berlin zu versorgen.

Nach der Berlin-Blockade wurde der zivile Flugverkehr begrenzt wieder aufgenommen, doch der Flughafen blieb bis 1990 Militärgelände. Den allgemeinen Luftverkehr hatte seit 1975 der neue Airport Otto Lilienthal in Tegel übernommen, der imposante Gebäude in Tempelhof wurde eher als Filmkulisse genutzt: Szenen berühmter Streifen wie Billy Wilders "Eine auswärtige Affäre", Wolfgang Staudtes "Die Herren mit der weißen Weste" oder "Die Bourne-Verschwörung" von Paul Greengrass wurden hier gedreht.

Und beim Film könnte auch die Zukunft des Flughafens liegen: Das Studio Babelsberg hat bereits Interesse angemeldet, zwei der Hangars exklusiv für Filmaufnahmen zu verwenden sowie in weiteren Gebäuden TV-Shows zu produzieren. Entschieden ist aber noch lange nichts. Selbst über die Feierlichkeiten zur Schließung streitet man noch. Ein Volksfest lehnt der Senat jedenfalls ab, stattdessen sollen 800 Gäste bei einer Gala am 30. Oktober den letzten Flugzeugen nachblicken. Die Flughafengesellschaft verkauft die Plätze mit der besten Sicht meistbietend.

Bis dahin gibt es tägliche Führungen, auch durch die verborgenen Teile vom Flughafen THF - zum Beispiel auf die einstmals von Architekt Ernst Sagebiel geplante Terrasse auf dem Dach. Sie sollte mit 60.000 Zuschauerplätzen die größte weltweit werden, wurde aber nie fertig.


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