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Insolvenz der Deilmann-Reederei: Traumschiff mit Schlagseite

Vor sechs Jahren haben Hedda und Gisa Deilmann die Reederei ihres Vaters übernommen. Bislang hielten sie das Unternehmen auf Kurs. Jetzt wurde das Insolvenzverfahren über die Flusskreuzschiffe der Deilmann-Reederei eröffnet. Den beiden einzigen weiblichen Reederinnen bleibt nur noch die "MS Deutschland".

Von Swantje Dake

An den Schiffsanlegern von Rhein, Seine und Elbe wird es im kommenden Jahr ruhiger werden. Bislang schaufelten neun Flusskreuzschiffe der Deilmann Reederei zuverlässig Touristen zu den Schlössern, Burgen und Cafés an den Ufern. Jetzt wurde jedoch ein Insolvenzverfahren über die Flussschifffahrtssparte eröffnet. Ende des Jahres legt die Reederei die Schiffe still. Ob sie einen Käufer finden, ist ungewiss. 2010 fährt die Reederei aus dem schleswig-holsteinischen Neustadt nur noch mit einem Schiff, der "MS Deutschland". Doch kann eine Reederei mit nur einem Schiff überleben?

Schlussverkauf auf dem Fluss

Die Besitzgesellschaft des Flaggschiffes "MS Deutschland" ist nicht von der Insolvenz betroffen. Der Geschäftsbetrieb geht weiter. Aber schon in den nächsten Tagen wird mit den rund 250 betroffenen Mitarbeitern der Flusssparte über ihre Zukunft gesprochen, ein Sanierungskonzept soll ausgearbeitet werden. Unterdessen hat der Ausverkauf der Flussschiffkreuzfahrten begonnen. Viele Reisen gibt es zum halben Preis. Und wer eine Kreuzfahrt mit der "Deutschland" bucht, bekommt eine Flussfahrt fast geschenkt.

Die Reederinnen Gisa und Hedda Deilmann bemühen sich nach Kräften, das Ruder herumzureißen. Sie haben vor sechs Jahren das Unternehmen nach dem überraschenden Tod ihres Vaters geerbt. Die 41-jährigen Zwillinge treten nur im Doppelpack auf, lassen sich nur gemeinsam zitieren, zeigen sich stets elegant gekleidet und üppig geschminkt. Hedda Deilmann hat Reiseverkehrskauffrau gelernt, stieg früh in den Vertrieb der Reederei ein. Gisa lernte im "Vier Jahreszeiten" in Hamburg, arbeitete weltweit in Fünf-Sterne-Häusern, lebte lange in Irland. Die Patriarchenrolle ihres Vaters wollten sie nie ausfüllen, sondern moderner, teamorientierter arbeiten. Verschwiegen geben sie sich dennoch. 100 Millionen Euro Umsatz macht das Unternehmen, 1400 Mitarbeiter gehören dazu, über Gewinn und Verlust wurde nie geredet. Auch jetzt sahen sie sich nicht in der Lage, trotz mehrfacher Anfrage von stern.de, die aktuelle Situation zu kommentieren.

In den vergangenen Monaten verließen Führungskräfte das Haus. Ein neuer Vertriebsdirektor soll die Wendung bringen. Carsten Seelmeyer ist seit Mai in Neustadt - und seitdem gibt es Rabatte für Urlauber, doppelte Prozente für Reisebüromitarbeiter, wenn sie eine Kreuzfahrt verkaufen, plus die Chance auf eine Nebenrolle beim nächsten Traumschiff-Dreh.

Die Schuldfrage für die Krise im Hause Deilmann ist bereits geklärt. Das Aus für die Flusskreuzfahrten geht laut Reederei auf das Konto der Wirtschaftskrise. Umsatzeinbrüche von mehr als 50 Prozent verzeichnete die Sparte, weil Buchungen aus den USA und Großbritannien ausgeblieben seien. Nach der Saison sollen die verbliebenen Flussschiffe verkauft werden.

Die deutscheste Reederei

Ab 2010 fährt nur noch das Traumschiff für die beiden Reederinnen. Ein Großteil des Image zieht die Reederei aus der Fernsehserie. Die Serie läuft seit 1981 im ZDF, seit 23 Jahre fahren Deilmann-Schiffe für die Serie, erst die "MS Berlin", seit 1999 die "Deutschland". Der jetzige Vertrag mit dem Fernsehsender läuft bis 2014.

Ein weiterer Imagebaustein ist die Deutschtümelei an Bord. Die "Deutschland" ist das einzige Kreuzfahrtschiff, das unter deutscher Flagge fährt. "Der Name ist Symbol und eine Ehrung für unser geeintes Vaterland", sagte Altbundespräsident Richard von Weizsäcker bei der Taufe der "Deutschland" 1998. Im Stil der Grandhotels der zwanziger Jahre ist das Schiff eingerichtet: dunkles Holz, schwere Vorhänge, dicke Teppiche, buntes Tiffany-Glas, Büsten von Komponisten an jeder Ecke, Kunst von alten Meistern an den Wänden. Gold, Plüsch, Pomp. Ihr Pils trinken die 580 Passagiere in der Bar "Zum Alten Fritz", getanzt wird im Kaisersaal, statt allabendlichen Shows gibt es Soireen, Kammerkonzerte, Lesungen. Das ist Kreuzfahrt der ganz alten Schule. Entsprechend in die Jahre gekommen sind die Passagiere - 65 Jahre im Durchschnitt, auf keinem anderen Schiff ist es so hoch. Mehr als die Hälfte der Gäste fährt nicht zum ersten Mal mit der "Deutschland". Wer es mag, kommt also immer wieder. Die Themen-Kreuzfahrten, mit denen man ein jüngeres Publikum ansprechen will, sind für Pferdeliebhaber, Garten-Freunde, Golf-Spieler und Fußball-Fans ausgelegt. Letztere bewarb der neue Vertriebschef im Fußballmagazin "Kicker", Uwe Seeler, Berti Vogts und Rudi Assauer sind an Bord. Das kommt einer Meuterei schon sehr nahe.

Verblassender Sternenglanz

Auf jedem Deilmann-Produkt klebt das Fünf-Sterne-Superior-Label, auch auf den Flussschiffen glänzten fünf Sterne, weniger gibt es bei den Neustädtern nicht. Peter Deilmann gründete 1972 die Reederei, die mit Frachtschiffen begann, dann über Butterfahrten in die Kreuzschifffahrt einstieg, in den 80er Jahren kamen die Flussschiffe hinzu. Seit Deilmanns Tod 2003 führen die Zwillinge das Unternehmen. Ein Jahr später wurde der Großsegler "Lili Marleen" verkauft, das hatte der alte Deilmann noch geplant. Aber auch das zweite Hochseeschiff, die "Berlin" fuhr im gleichen Jahr nach 25 Jahren auf See eine Abschiedsrunde, sollte im folgenden Jahr ersetzt werden - durch ein weiteres Schiff im Stil der 20er Jahre, für 700 Passagiere und für den englischen und amerikanischen Markt. Die Pläne liegen seitdem in der Schublade, 2010 sollten sie umgesetzt sein, in diesem Jahr wurde der Neubau auf unbestimmte Zeit verschoben.

Dass Reedereien nur mit wenigen Schiffen ihr Auskommen haben, ist im Luxussegment üblich. Hapag-Lloyd beschränkt sich auf zwei kleinere Schiffe die "MS Europa" und die "MS Columbus" und die noch kleineren Expeditionsschiffe "Bremen" und "Hanseatic". Die Cunard-Reederei lässt derzeit nur die "Queen Mary 2" und die "Queen Victoria" fahren, ein drittes Schiff, die "Queen Elizabeth" ist allerdings im Bau. Beide Reedereien sind im Gegensatz zu ihrem norddeutschen Konkurrenten jedoch keine Einzelkämpfer: Hapag-Lloyd hat den Tourismuskonzern Tui im Rücken, die Cunard-Reederei gehört zum amerikanischen Kreuzfahrtgiganten Carnival, unter dessen Fittichen auch die Aida-Flotte fährt. Die Marke "Deutsche Kreuzfahrttradition" hat sich Peter Deilmann schützen lassen, ein Börsengang oder ein Verkauf waren seinerzeit undenkbar. Diese Bastion wackelt jetzt.

Weitere Insolvenz im Kreuzfahrtmarkt

Ohne einen internationalen Touristikkonzern scheinen es Reedereien dieser Tage schwer zu haben. Auch der Schiffsreisenanbieter Transocean Tours meldete in dieser Woche Insolvenz an. Neben den beiden Kreuzfahrtschiffen "Astor", Baujahr 1987, und "Marco Polo", Baujahr 1965, befährt die Reederei mit acht Schiffen Flüsse in Europa und Russland. Die Reisen sollen wie geplant stattfinden. Das Unternehmen selbst verkauft die Insolvenz als Sanierungsmaßnahme: Zusammen mit der Fondsgesellschaft Premicon, die Eigner der "Astor" ist, soll ein neuer Reiseveranstalter gegründet werden, der die "Astor" und die Flussschiffreisen verkauft. Anstatt von Schiffsverkäufen zu sprechen, denkt man in Bremen an den Ausbau der Flusssparte.

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