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Konkurs der MS "Deutschland": Der Niedergang vom Traum- zum Geisterschiff

Die MS "Deutschland" ist seit Monaten pleite. Nun muss der Luxusliner verschachert werden. 2012 wurde das Schiff noch auf 100 Mio. Dollar taxiert. Heute liegt der Wert bei 8 bis 13,7 Millionen Euro.

Die MS "Deutschland" dümpelt auf Reede und sucht einen neuen Eigner.

Die MS "Deutschland" dümpelt auf Reede und sucht einen neuen Eigner.

Beim "ZDF Traumschiff" schillert das Wasser lapislazuliblau, und die MS "Deutschland" strahlt so weiß wie eh und je. In der Tat glichen die Tage auf dem Luxusliner lange Zeit denen in der Sendung. Für bis zu 100.000 Euro pro Reise konnten Passagiere mit dem echten Traumschiff dem Alltag entfliehen. Einige der betuchten Gäste verbrachten jeden Winter an Bord. Nach 1000 Tagen auf See gab es dafür gern ein Messingschildchen mit eingraviertem Namen.

Alles vorbei. Zuletzt drehte die MS "Deutschland" ohne einen einzigen Passagier und bei wildem Wetter eine kurze Schleife zwischen der spanischen und der marokkanischen Küste. Als sich der Sturm gelegt hatte, ging sie ein paar Kilometer vor Gibraltar vor Anker. Das merkwürdige Manöver war Ausdruck akuter Geldnot. Denn bei hohem Seegang muss das Kreuzfahrtschiff entweder in den Schutz eines Hafens oder fahren. Und für Hafengebühren fehlen leider die Mittel.

60 Millionen Euro Schulden

Die MS "Deutschland" und ihre Reederei Deilmann aus Neustadt in Schleswig- Holstein sind pleite. Seit Monaten liegt das letzte Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge vor Gibraltar. 60 Millionen Euro Schulden und Betriebskosten von mindestens 12.000 Euro am Tag stehen Einnahmen entgegen von aktuell: null. Den über 200 Besatzungsmitgliedern, die in der Hotellerie des Fünf-Sterne-Dampfers arbeiteten, wurde zum Jahreswechsel gekündigt. Eine Rumpfmannschaft hält derzeit den Notbetrieb aufrecht und bewegt das 175 Meter lange Schiff so spritsparend wie möglich, wenn mal wieder ein Sturm aufzieht.

Nun soll das einstige Traumschiff rasch verschachert werden. Aber von den ursprünglich 68 Interessenten - darunter eine chinesische Investorengruppe, die aus dem Kreuzfahrtschiff ein schwimmendes Kasino machen wollte - blieben zuletzt noch zwei übrig. Mehrmals war ein Abschluss in der Vergangenheit daran gescheitert, dass bereits zugesagte Anzahlungen ausblieben. Es sind wohl viele Glücksritter unterwegs in diesem Geschäft. Doch diesmal soll es mit dem Verkauf endlich klappen - zumindest gibt sich die Insolvenzverwaltung optimistisch.

"Kurzwertgutachten W354/12"

Dabei hat die MS "Deutschland" einen jahrelangen Niedergang vom Traum- zum Geisterschiff hinter sich.

Schon 2009 befindet sich die Traditionsreederei in Schieflage. 2010 wird sie an den Finanzinvestor Aurelius verkauft, der dem Traumschiff eine goldene Zukunft als "Grandhotel auf See" und frisches Kapital verspricht. Tatsächlich steckt der Geldjongleur aus München jedoch kaum Eigenmittel in das Schiff, sondern gibt vor allem der Betreibergesellschaft Kredite - natürlich zu saftigen Zinsen.

Im Dezember 2012 gelingt Aurelius der Coup: die Umschuldung per Traumschiff-Anleihe. In einem dreiseitigen "Kurzwertgutachten W354/12" taxiert ein Hamburger Ingenieurbüro die MS "Deutschland" auf astronomische 100 Millionen Dollar, was damals rund 77 Millionen Euro entsprach. Die Summe macht Eindruck. 50 Millionen Euro investieren Anleger in das Zinspapier (Projektname "Victory"). Aurelius nutzt das Geld zum Begleichen alter Schulden des Schiffs. Für eine Modernisierung bleibt wieder nicht viel übrig.

Callista Private Equity übernimmt das Ruder

Dann, Anfang 2014, steigt Aurelius aus. Eine Firma namens Callista Private Equity übernimmt - es ist wieder ein Finanzinvestor ohne Erfahrung in der Schifffahrt. Callista steuert die MS "Deutschland" endgültig in die Pleite.

Dem Konkurs dürfte ein juristisches Nachspiel folgen. Nach stern-Informationen aus dem Gläubigerausschuss will der Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber 5,8 Millionen Euro von Exeigner Aurelius einklagen. Ehemalige Manager, die sich teilweise sechsstellige Boni genehmigten, sollen in Regress genommen werden. Auch der strafrechtliche Vorwurf der Insolvenzverschleppung steht im Raum. Die MS "Deutschland" sei über Jahre ein Selbstbedienungsladen gewesen, sagte Schmid-Sperber dem "Manager-Magazin".

Auf stern-Anfrage bestreitet Aurelius alle Zahlungsverpflichtungen: Für weitere Darlehensauszahlungen hätten die Voraussetzungen gefehlt. Callista wehrt sich gegen den Vorwurf der Insolvenzverschleppung und gibt an, das Unternehmen habe "zum Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung über einen hohen Kassenbestand verfügt". Auch überhöhte Boni und Managementbezüge habe es nicht gegeben.

Weltreise abgesagt

Hauptgläubiger sind die Anleihezeichner. Das Gros ihres Geldes dürfte verloren sein. Denn das Schiff als Sicherheit hat rapide an Wert verloren. Interne Gutachten, die der Insolvenzverwalter in Auftrag gab und die dem stern vorliegen, kommen im Fall des Notverkaufs noch auf 8 bis 13,7 Millionen Euro.

Im Preispoker um die MS "Deutschland" rächt sich nun auch, dass die Insolvenzverwaltung eine schon gut gebuchte Weltreise, die im Dezember in Lissabon beginnen sollte, kurzerhand stornieren ließ. Es stand wohl zu befürchten, dass dem Schiffsbetrieb ausgerechnet in fernen Gefilden das Geld ausgehen könnte und der Erholungsdampfer mitsamt der verwöhnten Klientel irgendwo in der Südsee gestrandet wäre.

So aber übernimmt ein Käufer nun ein Schiff ganz ohne Passagiere. Es wird wohl Monate dauern, ehe der Kahn wieder gebucht ist. Solange laufen weiter Kosten auf: Selbst wenn die MS "Deutschland" lediglich herumdümpelt, braucht sie 4000 Liter Sprit am Tag.

Das neue Traumschiff hat schon einen Namen

Zudem gibt es noch ein Problem mit der sogenannten "Klasse", dem Schiffs-TÜV. Eigentlich sollte die MS "Deutschland" schon Ende vergangenen Jahres im spanischen Cádiz renoviert und auf Seetauglichkeit überprüft werden. Doch das Geld langte nur für einen kurzen Check. Nun darf das Schiff zwar noch bis Juli weiterfahren. Wer die MS "Deutschland" kauft, muss bald aber gut sechs Millionen Euro in den TÜV investieren.

Nur für ZDF-Zuschauer geht das Kreuzfahrtvergnügen sicher weiter. 15 Jahre lang drehte der Sender auf der MS "Deutschland" seine Fernsehschmonzette. Die Crew belegte dabei regelmäßig bis zu 46 der 294 Kabinen - kostenlos, inklusive Restaurantverpflegung und Rabatt auf alkoholische Getränke. Nach der Pleite fand der Sender schnell einen neuen Wirt: Die Träumereien kommen künftig von der MS "Amadea".

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