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Saxonia Balloon Fiesta: Mehr als heiße Luft

In diesen Tagen erobern Flaschen, Eistüten, Autos und Kataloge den Himmel über Leipzig. Mehr als 100 Heißluftballons und Zehntausende Zuschauer werden zum Spektakel um das älteste aller Fluggeräte erwartet.

Von Nils Schmidt

Ein kleiner Junge liegt auf dem Rücken im Gras und blickt in den Sommerhimmel. Das Blau scheint unendlich. In der Ferne steigt Rauch auf. Es ist 1960, irgendwo östlich vom Harz und westlich der Elbe. Der Junge nickt ein und träumt vom Fliegen, langsam und gemächlich schwebt er durch das Luftmeer. Jahre vergehen. Mitte der 90er Jahre ist Peter Arndt Spediteur und kämpft sich tagtäglich durch die Staus der Republik. Als er am Himmel immer wieder Heißluftballons bei ihrer freien Fahrt beobachtet, ist es um ihn geschehen. Erst wird er Fan, dann Ballonfahrer. Er ist einer der vielen Heißluftfans und Aktiven, die vom 27. bis 31. Juli in Leipzig zum drittgrößten europäischen Ballon-Festival zusammenkommen.

111 Heißluftballons, 130.000 erwartete Besucher und ein Feuerwerk an Farben und Formen - bei der 11. Saxonia International Balloon Fiesta dreht sich alles um die Faszination, die vom ältesten Fluggerät der Menschheit ausgeht. Auf den Wiesen des Naherholungsgebiets "Am Silbersee" in Leipzig-Lößnig gehen Ballonisten aus Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik, den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, USA und der Schweiz an den Start. "Ich freue mich auf die internationale und entspannte Atmosphäre. Die verrückten Ballonformen und der direkte Draht zu den Besuchern, das ist hier das Besondere", sagt Peter Arndt, der als Profi-Ballonfahrer mit seinem Flaschenballon von Festival zu Festival reist.

Wie eine große Familie

Das Leipziger Treffen rund um die heiße Luft, die einer eben noch schlaffen Hülle Auftrieb in luftige Höhen verleiht, vereint die Familie der Ballon-Freaks mit Schaulustigen, die lieber am Boden bleiben. "Bei uns gibt es über 80 traditionelle Heißluftballone, sechs Sonderformen wie Flaschen oder Fuchsköpfe, drei Luftschiffe und zwölf Modellballone. Lokale Radiosender, Wettbewerbe und Attraktionen wie ein Höhenfeuerwerk runden die Balloon Fiesta ab", sagt Veranstalter Hans-Peter Wohlfahrt. Seit Mitte der 90er Jahre kamen Millionen von Besuchern nach Westsachsen, um einen Blick auf den bunten Ballonhimmel zu erhaschen. Über der ganzen Stadt ziehen die "Himmelsstürmer" jetzt wieder ihre Kreise.

Der Leipziger Luftraum steht während des Ballonfestes unter besonderer Überwachung durch Aufsichtsbehörden und Flugleitstellen, damit es nicht zu Zusammenstößen am Himmel kommt. Für Bewohner der an den Silbersee-Park grenzenden Hochhäuser sind die Heißluftgefährte zum Aus-Dem-Fenster-Greifen nah. "Es ist jedes Jahr dasselbe. Ein Volksfest um nichts außer heißer Luft", scherzt ein Anwohner während draußen die Heißluftgefährte an seinem Zehngeschosser vorbei ziehen.

Aus der Vogelperspektive

Der weitläufige Silbersee-Park liegt zwischen den urbanen Gebieten Lößnigs und der Braunkohlelandschaft des Leipziger Südraumes, die sich in einem Rekultivierungs- und Umgestaltungsprozess befindet. Normalerweise ist er Spaziergängern, Joggern und Drachenfliegern vorbehalten. Doch während der Saxonia Balloon Fiesta wimmelt es von Ballonteams, Schaustellern, Bratwurstbuden und Hobby-Fotografen. "Besucher können nach vorheriger Anmeldung auch mit in einen Korb steigen und für eine Stunde über Leipzig schweben", sagt Organisator Wohlfahrt. Ballonfahrer Arndt ergänzt: "Jeder Fahrgast wird ordentlich getauft und so in die Heißluftfamilie aufgenommen." Vor allem Familien mit Kindern ziehen jedoch das Lustwandeln durch den Park vor, in dem die Menschen zwischen den riesigen Bierkästen-, Würstchendosen-, Katalog- und Eistütenballons wie Lilliputaner wirken.

Das diesjährige Festival-Motto "Die Zeitreise der Ballone" illustriert eine Ausstellung zur Geschichte der Ballonfahrt seit 1754. In historischer Kulisse, ähnlich dem Jules-Verne-Klassiker "In 80 Tagen um die Welt", geben sich Paare bei Ballon-Hochzeiten das Ja-Wort. Am Samstag wird es auf der Startwiese am Silbersee einen Rekordversuch geben: Im freien Fall aus 4000 Meter Höhe werden sieben Fallschirmspringer eine Stern-Formation einnehmen.

Ballonglühen zur Dämmerung

Der Höhepunkt der Heißluft-Fiesta findet jedoch am Boden statt: Beim abendlichen Ballonglühen werden alle "Himmelstürmer" mit Seilen am Boden verankert, gleichzeitig angefacht und erleuchten die Nacht - tausende Hobbyfotografen warten mit ihren Stativen und Kameras nur auf diesen Moment. Das Rahmenprogramm beinhaltet Ballonwettbewerbe wie "Fuchsjagd" oder "Key Grab". "Dabei muss man seinen Ballon ganz flach über den Boden steuern, um einen dort platzierten Schlüssel greifen zu können. Fuchsjagd heißt die Verfolgung eines Ballons in der Luft", erklärt Peter Arndt die skurrilen Wettkämpfe.

"Ballonfahren ist das Schönste, was ich in meinem Leben je macht habe. Es ist pure Freiheit", so der Ballonfahrer aus dem Mansfelder Land. Dabei klingt er so euphorisch, als wäre er immer noch der kleine Junge der vom Luftmeer träumt, während er im nächsten Augenblick seinen 3500-PS-Gasbrenner einschaltet und glücklich winkend in den Leipziger Ballonhimmel aufsteigt.

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