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Zeppelin-Flug: Der sanfte Riese

Vor mehr als 106 Jahren stieg er zum ersten Mal in den Himmel und hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren: der Zeppelin. stern.de-Autorin Dagmar Gehm ist in Friedrichshafen mit dem letzten deutschen Zeppelin in die Luft gegangen.

Von Dagmar Gehm

Schneeweiß glänzt er in der Sonne. Ein riesiger Flugkörper, der majestätisch seine Bahn am Himmel zieht und alle Prinzipien der Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint. Archaisch wie ein Buckelwal, der erst in seinem ureigenen Element zur eigentlichen Bestimmung findet und dort erstaunlich elegant und beweglich durch die Wellen surft.

Der Faszination konnte sich schon am 2. Juli 1900 niemand entziehen. Damals stieg der 128 Meter lange "LZ 1" als erster Zeppelin unter der Führung seines Erfinders, Ferdinand Graf von Zeppelin, von Friedrichshafen in den Himmel. Rund hundert Jahre später, am 18. September 1997, hatten sich zur Wiedergeburt der Legende, Zeppelin NT (Neue Technologie), rund 30.000 Zuschauer versammelt. Das weltweit größte Hightech-Luftschiff (Guinness-Buch der Rekorde) löst wieder starke Emotionen aus - generationsübergreifend. Bei Kriegsveteranen setzt es Erinnerungen an die originalen "Starrluftschiffe" wie die berühmte "Hindenburg" frei, bei Jungen weckt es die Sehnsucht, das nostalgische Feeling auf einem Flug selber zu erleben. "Wir zehren noch heute vom Mythos Zeppelin", bekennt Thomas Brandt, Geschäftsführer der Deutschen Zeppelin Reederei (DZR).

Lebenstraum Zeppelinfahrt

Auch die kleine Ansammlung von Passagieren, die heute erwartungsvoll den Anflug des "Zeppelin NT" beobachtet, hat aus den verschiedensten Gründen gebucht. Christel und Werner Herold aus Recklinghausen sind bereits auf einer Fahrt mit dem Heißluftballon auf den Geschmack an der entspannten Art des Reisens zur Luft gekommen. Ein Besuch des Zeppelinmuseums in Friedrichshafen hat sie vorher auf das neue Erlebnis eingestimmt. Das Museum beherbergt weltweit die größte Sammlung zur Geschichte und Technik der Luftschiffe, darunter auch die Rekonstruktion eines Teils des "LZ 129 Hindenburg".

Wie ein Großteil der Passagiere ist auch für Hedwig Herzog aus Schwäbisch-Gmünd der Flug ein Geburtstagsgeschenk: "Für mich geht ein Lebenstraum in Erfüllung", schwärmt die 75-jährige. "Als Kinder haben wir immer in die Luft geschaut, wenn ein Zeppelin über die Wiese flog. Nie hätte ich mir vorstellen können, einmal selber in so einer fliegenden Zigarre zu schweben".

Unerwartet schnell surrt der Zeppelin in die Höhe

Im weißen Zelt finden Check-In und Einweisung statt. Dann stellen wir uns zu zweit zum Einsteigen auf. Immer im Tausch mit zwei aussteigenden Passagieren, um das Grundgewicht zu halten. Beim Betanken wird das Luftschiff in der Gondel sogar mit Bleisäcken beschwert und die Nase des Zeppelin mit einem Mastwagen vertäut, denn die 2.800 qm große und nur 0,3 mm dicke Außenhülle bietet eine ideale Angriffsfläche für den Wind.

Ein Brummen, ein leichtes Zittern, dann heben wir ab. Erst der Bug, dann das Heck. Unerwartet schnell surrt der Zeppelin in die Höhe und steigt kerzen-gerade in den wolkenlosen Himmel. Wie ein Hubschrauber kann er senkrecht starten und punktgenau landen. 1911 beschrieb der spätere Nobelpreisträger Hermann Hesse unter dem Titel "Spazierfahrt in der Luft" seinen Erstflug mit dem LZ 10 "Schwaben": "...merkwürdigerweise war dabei gar kein neues, fremdes Gefühl, weder Erregung noch Bangen, sondern es war die einfachste und vergnüglichste Sache von der Welt, da einzusteigen. Plötzlich stieg das Schiff empor, und die Menschenmenge wurde klein und komisch… ."

Luftschiff sicherer als sein Ruf

Auch wir fühlen uns wie auf einem veritablen Luft-Schiff - das wie ein Ozeandampfer sanft auf den Wellen gleitet. Auf unsichtbaren Luftwellen eben. "Für mich ist der Zeppelin das schönste Fluggerät, das man sich als Pilot nur vorstellen kann", sagt Dominique Manière. So sicher fliegt der Zeppelin, dass ein Co-Pilot überflüssig sei, erklärt der französische Flugkapitän. Unglücke wie 1908, als der LZ 4 durch einen Sturm am Boden verbrannte, oder der Brand der LZ 129 "Hindenburg" im Jahre 1937, der die Zeppelin-Luftschiffahrt mit Passagieren für viele Jahrzehnte beendete, sind mit unbrennbarem Helium als Traggas ausgeschlossen. Außerdem ist das Luftschiff mit drei Triebwerken ausgestattet. "Selbst mit einem einzigen Triebwerk würden wir noch sicher landen", behauptet der Kapitän. Wir werden von Flugbegleiterin Patrizia Raimo betreut, die uns Orte und Landschaft erklärt und auf einen ganz besonderen Service aufmerksam macht: "Für Passagiere, die ihren Fotoapparat vergessen haben, halten wir Einwegkameras bereit".

Die über zehn Meter lange Kabine der Gondel mit zwölf Passagierplätzen ist geräumiger als von außen erwartet. Niemanden hält es lange auf den blauen Ledersitzen. Wir dürfen herumlaufen - nach rechts, nach links, zur kleinen Sitzbank vor dem großen Panoramafenster ganz hinten. Die Fenster an den zwei Türen sind sogar zu öffnen. Die "Ahs" und "Ohs" der Passagiere, das Surren von Videokameras und das Klicken von Fotoapparaten sind die einzigen Geräusche. Ansonsten hört man nur ein sanftes Rauschen. Nichts erreicht uns hier oben wirklich, alles läuft wie ein Stummfilm unter uns ab.

Mit 400 PS kreist der Zeppelin NT am Himmel

Drei Propeller mit einem Schwenkwinkel bis zu 120 Grad und ein Querfan sorgen für höchste Manövrierfähigkeit. Getrieben von drei Motoren mit je 200 PS sei selbst bei Sturmböen der Zeppelin kein Spielball der Elemente, versichert der Pilot. "Nur wenn der Wind zu heftig bläst, ab 20 Knoten - etwa 37 km/h - und bei Nebel, Gewitter und starkem Regen wird der Flug abgesagt.

Auf 200 Meter Höhe pendelt sich der "Zeppelin NT" jetzt ein, optimal, um den Überblick auf Landschaften, Orte und die weißen Schiffe der Bodenseeflotte zu behalten. Eigentlich könnte er eine maximale Flughöhe von 2.800 Metern erreichen, aber bei einem Panoramaflug hätte niemand etwas davon. Wie Hermann Hesse beobachten auch wir jetzt den "eilig dahinjagenden Schatten des Luftschiffs" auf dem Wasser. Doch der Eindruck täuscht - bei einer maximalen Geschwindigkeit von 125 km/h ist das 75 Meter lange und 19,5 Meter breite Luftschiff lahmer als jeder Durchschnitts-Pkw. Ein Lob der Langsamkeit! Denn so geben der See und sein Ufer ihre Geheimnisse mit jedem Meter Luftraum, den der Zeppelin für uns erobert, ganz genüsslich preis.

Von oben gibt die Landschaft ihre Schönheit preis

Wir haben die Westroute gewählt: Friedrichshafen - Hagnau - Meersburg, Insel Mainau, Konstanzer Bucht. Edith und Bernd Rigling weisen aufgeregt nach unten, weil wir gerade über ihr Haus in Konstanz fliegen. Hedwig Herzog ist überrascht, dass in Zeitlupe selbst die kunstvollen Zeichnungen in den Rabatten auf der Blumeninsel Mainau klare Konturen annehmen. Gestochen scharf sind auch die Pfahlbauten von Unteruhldingen zu erkennen, und etwas weiter weg glitzern die Gewächshäuser der Insel Reichenau. Deutlich schält sich nun die barocke Klosterkirche Birnau aus dem leichten Dunst. Die spektakuläre Kulisse wird in der Ferne von der grandiosen Bergwelt des Allgäus, Vorarlberger und Schweizer Alpen getoppt.

"Eigentlich mag ich einen Wolkentag lieber", gibt der Flugkapitän zu. "Das ist einfach etwas spannender. Doch immer muss die Sicht bei mindestens drei Kilometern liegen." Heute liegt die Fernsicht bei zwanzig Kilometern. Und es gibt nur glückliche Passagiere an Bord. "Beschwerden hat es bei mir noch nie gegeben", meint Patrizia.

Geduldig beantwortet auch der Kapitän jede Frage: "Nein", ein Zeppelin fährt nicht, sondern er fliegt, weil er - im Gegensatz zu einem Heißluftballon - mit ca. 300 kg statischem Gewicht schwerer ist als Luft." Mit seinem Starrluftschiff LZ1 legte Graf Ferdinand von Zeppelin den Grundstein für die erste Luftschiffahrtgesellschaft der Welt. Lange vor dem ersten Passagierflugzeug haben gigantische Luftschiffe die Kontinente miteinander verbunden. Doch 1940 endet die glorreiche Ära der silbernen Zigarren. Knapp 60 Jahre später feiert Friedrichshafen die Renaissance der Zeppeline. Die DZR setzt die Tradition der komfortablen Art des Reisens fort. "Drei Zeppeline hat die Zeppelin Luftschifftechnik (ZLT) in Friedrichshafen inzwischen schon gebaut", erklärt Thomas Brandt. "Einer wurde nach Japan verkauft, ein zweiter nach Südafrika verleast." Dort soll er die Oberfläche nach Diamantenfelder abscannen.

Ein Elefant weltweiter Aufmerksamkeit"

Der einzige Zeppelin, der jetzt noch in Deutschland fliegt, wird auch als Werbeträger und bei Veranstaltungen wie dem Weltjugendtag mit Papstbesuch 2005 oder der bevorstehenden Fußball-WM zur Luftbeobachtung eingesetzt. "Das Interesse an dem Luftschiff ist riesengroß - der Zeppelin ist ein Elefant weltweiter Aufmerksamkeit", freut sich Thomas Brandt. "Wegen der starken Nachfrage bauen wir jetzt einen vierten, 2008 soll er fertig gestellt sein." Nach der Landung wird im weißen Zelt ein Glas Sekt serviert. "Wir wollen unsere Gäste während des Fluges vom eigentlichen Erlebnis nicht ablenken, erklärt die Flugbegleiterin. Ohnehin sind die Passagiere noch vom Abenteuer zur Luft ganz berauscht. Dann bekommt jeder eine Urkunde und ein Bordbuch der DZR überreicht.

Die 75-jährige Hedwig Herzog wünscht sich schon jetzt zu ihrem 80sten Geburtstag den nächsten Flug. Und Christel und Werner Herold, die vor dem Start - wie manch anderer auch - noch über den hohen Preis murrten, finden inzwischen, dass er sich durchaus gelohnt hat. Denn wenn man mal rechnet, kostet ja ein Flug mit der Lufthansa für eine Stunde auch nicht weniger. Und da darf man noch nicht einmal die Fenster öffnen.

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