HOME

Formentera: Die Party ist noch nicht vorbei...

In den Siebzigern ging auf Formentera die Post so richtig ab. Voll alternativ - die Typen ebenso wie die Treffs. Der Autor, schon damals dabei, war jetzt wieder auf der Insel und fand noch viel vom alten Charme.

Die Sonne sinkt, es kitscht beträchtlich, und Scholl-Latour zieht seine Kreise. Kaum hat man den letzten Schluck San Miguel versenkt, nimmt er einem die Flasche weg und schlurft damit zum Leergutkasten vor dem Pirata-Bus. Wechselt dauernd die Aschenbecher, selbst wenn sie kaum beraucht sind. Scholl-Latour ist der Spitzname, den deutsche Gäste dem Faktotum verpasst haben, weil der Typ irgendwie an den TV-Haudegen erinnert. Dabei ist er ein ganz gewöhnlicher Rentner, der sich ein paar Euro dazuverdient. Und der Pirata-Bus ist kein Bus, sondern eine Strandbude, über der eine zerfledderte Totenkopfflagge knattert. Wie schrieb ein Fan im Internet? "Formentera ist ein Fall für sich und größtenteils flach" (www.reiserat.de). Das ist größtenteils wahr.

Der Migjorn-Strand, zum Beispiel, sieht ein bisschen wie Sylt aus, mit seinen abgezäunten Dünen und Laufwegen aus Bohlen. Und der Pirata-Bus auf seiner Mitte erinnert entfernt an Herbert Secklers Dünenlokal Sansibar in Rantum auf der Nordseeinsel, wie es früher war. Die Gäste nicht mehr ganz jung. Männer in schnittigen Khaki-Shorts, die Bootsschuhe ohne Strümpfe, wie es sich gehört. Schüttere Haare, die im Wind Stellen freigeben, welche demnächst gänzlich kahl sein werden. Frauen mit Nachwuchs, der offenbar auf den letzten Drücker entstanden ist. Inselexpertengespräche. Wer sich am Pirata-Bus trifft, jedenfalls in den In-Monaten Mai und Oktober, war schon öfter hier. Manch einer schon seit Jahrzehnten. So ein Formentera-Aficionado kennt die Insel und ihre Storys rauf und runter. Etwa die von dem deutschen Sexfotografen mit einem Faible für sehr, sehr junge Dinger. Einheimische ließ er nicht aus, weshalb plötzlich seine Bude in Flammen stand. Möbel, Geräte, Sexfotos, alles hin. Jetzt lebt er im Exil auf Ibiza und traut sich nur mal auf einen Abstecher zurück. Oder die Nummer mit Dirk, den ein quer durch die Kneipe labernder Handymann ("Geile Insel hier, tolle Weiber!") derart erboste, dass er dessen Telefon in einem günstigen Moment ins Bierglas plumpsen ließ. Dann das Drama mit der Geschäftsfrau, die einen smarten, leider mittellosen Beau kennen lernte. Der wollte mit ihr das große Rad auf Tonga drehen. Sie holte einen Sack Geld aus Germanien, er fuhr noch rasch zum Zahnarzt nach Mallorca - sagte er. Nicht mal angezeigt habe sie ihn, heißt es.

Der langjährige Insel-Habitué hat haschgeschwängerte Höhlenpartys am Leuchtturm des Cap de Barbaria mitgefeiert und ungezählte Nächte in der legendären Fonda Pepe abgehangen, eine Art Les Deux Magots für Gammler. In den späten Sechzigern und den Siebzigern war es, da Formentera den Nimbus des HippieEilands erhielt, Treff für Dropouts und Drogenschlucker aus halb Europa und den Staaten. Als King Crimson den Song "Formentera Lady" schrieb und Chris Rea "On The Beach". Welchen der vielen schönen Sandstrände der hässliche Schmusebart im Auge hatte, ist ungeklärt. Wer am Pirata-Bus verkehrt (natürlich niemals im August, wenn die lärmenden Angeber aus Mailand heuschreckengleich einfallen), weiß auch, wie der Kiosk zu seinem Namen kam. Ursprünglich stand hier wirklich ein alter Bus, aus dem Getränke verkauft wurden. Aber nur im Sommer. Dann musste das Gastromobil verschwinden, weil es sonst ein Dauerstan drecht bekommen hätte, was die Behörden ablehnten. Irgendwann war der Bus durchgerostet, und Pascual, der Gründer der Goldgrube, baute an seiner Stelle eine Bretterbude auf. Die wird nun jeden Winter demontiert, wie das Gesetz es befiehlt.Rückblende. Der Autor dieses Berichts war in den Siebzigern öfter mit von der Partie. Formentera war zwar schon kein richtiger Geheimtipp mehr, lag aber doch Lichtjahre jenseits vom Mallorcarummel. Allein die Anreise! Erst mit dem Flieger nach Ibiza, Taxi zum Hafen, auf die alte gemütliche Fähre "Joven Dolores", Überfahrt eine Stunde oder so, je nach Seegang. Sodann über die Insel ins Quartier, mit den klapprigsten Vespas westlich von Neapel. Das Gepäck auf dem Rollerblech vor den Knien. Es gab nicht viele Taxis, und außerdem war Vespafahren Kult. Zum Initiationsritus gehörte, damit gelegentlich scheppernd zu erden, gewöhnlich nach durchzechten Fonda-Abenden. Beim Inselarzt traf man Bekannte aus Hamburg, Frankfurt oder Berlin. Immer humpelten Typen mit fiesroten Farbmalen auf Beinen und Armen über die Insel. Das war die Desinfektionstinktur, mit der sie der Doc bepinselt hatte.

Abends nach San Fernando in die Fonda Pepe, ein Muss. Die Tränke, einem Wartesaal nicht unähnlich, war manche Nacht dermaßen vollgepackt, dass die Drinks durch mehrere Reihen gereicht werden mussten. Hier war Nahkampf, Szene, hier wurde gebaggert, gesoffen, gedealt, geschnorrt. An der Kühltruhe hockten dubiose Figuren und zockten. Die Säule in der Lokalmitte war das schwarze Brett der Insel. Billige Finca auf La Mola gesucht ... Hi, Wölfi, bin mit Angie und Mona bei Fred in San Francisco ... Ticket Ibiza-Hamburg zu verkaufen ... Ja, manche verknallten sich ruckartig in die Insel, verscherbelten ihren Flugschein, blieben Monate. Zu den Trendsettern gehörte der Berliner Schriftsteller Jochen Ziem, Autor von "Die Klassefrau". Er hauste lange auf einer entlegenen Finca ohne Strom und Wasser, dafür mit Kakteenklo. Kakteen sind als Kläranlage immer noch sehr beliebt.Hinter der Fonda war eine Winzterrasse mit einer niedrigen Mauer. Philosophenmauer genannt. Vermutlich, weil darauf immer ein paar Typen hockten, die total stoned aus der Wäsche guckten, so, als dächten sie hart nach. Wir saßen daneben, tranken Freixenet (fräschenett gesprochen, wie wir lernten) und warfen die leeren Sektbuddeln auf das Nachbargrundstück. Wer diesen Brauch erfunden hat? Keine Ahnung. Wenn Archäologen eines Tages auf dem Grundstück graben sollten, werden sie auf eine meterdicke Glasschicht stoßen. Warum die Mauer so berühmt wurde, dass noch Jahrzehnte später Bustouristen sie sehen wollten, blieb uns ein Rätsel.Nachschau. Zum Glück hat Formentera keinen Flugplatz. Das wirkt wie ein Filter. Die ärgsten Dumpfbacken, Ballermänner, Goldkettchenträger und Discobräute bleiben auf Ibiza. Es ist ein Formenterafahrer-Sport, beim Einchecken in Deutschland Wetten abzuschließen: Die Typen sehen wir auf der Fähre wieder, jene nicht. La Savina, der Hafen. Kaum wiederzuerkennen. Katamarane, die in 25 Minuten nach Ibiza düsen, Marinas mit Mastbaumwäldern, importierte Palmen, Apartmentsiedlungen . Und die weltgrößte Ansammlung von Auto-, Motorroller- und Fahrradvermietungen. Wie die sich rechnen? Ein Mirakel. Nicht mal in der Hauptsaison, wenn die Eintagsfliegen aus Ibiza über die Insel schwärmen, ist die Nachfrage groß genug für die Vehikelmengen.Sicher, die Touristenburgen Sant Francesc (auf gut Spanisch San Francisco) und Es Pujols (von deutschen Residenten Buchholz genannt), sie sind ein gutes Stück gewachsen. Aber keineswegs monströs gewuchert, wie Benidorm, das nur eine Viertelflugstunde entfernt liegt, oder Ibiza-Stadt, deren Skyline man von den Nordstränden aus sieht. Höchstens dreistöckig ist gebaut worden, ausgenommen das Hotel Formentera Playa. Landmarken sind wie eh und je die Leuchttürme auf den Felsplateaus von La Mola und dem Berberkap, wo Formentera keine Spur mehr an Sylt erinnert. Die meisten Wege sind ungeteert, eine Tortur für Stoßdämpfer. Nirgendwo große, teure Autos, dafür jede Menge Fossile wie Käfer, R4, 2CV, oder das ultimative Formentera-Fun-Car Citroen Méhari. Die kleinrädrigen Roller dagegen sind das Gefährlichste, was man auf den Schlaglochpisten abseits der Hauptstrecken bewegen kann. Zum Glück gibt's überall Mountainbikes zu leihen.Cala Saona, eine Felsenbucht im Westen, wirkt noch richtig romantisch. Das Hotel davor schließt schon Mitte September, dann ist Platz am Strand. Spannend, die Steilküste entlang zu wandern, sich vorsichtig der Kante zu nähern. Unten tobt sich das Meer aus. Hier könnte ein Patricia-Highsmith-Thriller spielen. Ein Mann will seine Frau über die Felsen schubsen, "sie muss gestolpert sein, Herr Kommissar!" Sie ahnt das seit langem, springt selber, hat aber vorher Indizien gelegt, die ihn als Mörder belasten ... Ein Jammer, dass die Highsmith tot ist. Sie hätte ziemlich gut nach Formentera gepasst.

Ja, diese Insel ist identifizierbar, selbst nach einem Vierteljahrhundert. Die fotogenen Salinen sind stillgelegt, aber zum Naturschutzgebiet erklärt und unbebaut geblieben. Die Strände an der Landzunge im Norden immer noch ein Traum, sofern nicht zu viele Speedboote mit Schickis aus Ibiza davor ankern. Die Piscinas naturales bei der Punta Pedrera: weiterhin Geheimtipp für gute Schwimmer, die von den Felsen in gläserne Tiefen jumpen möchten. Und auf der Hochebene La Mola wohnen traditionell die, welche es nicht so dicke haben. Am Kirchlein von El Pilar geht noch richtige Folklore ab, wenn die Schutzpatrone in einer Prozession rausgetragen werden. Es gibt Zuckergebäck und süßen Hierbas-Kräuterschnaps. Sogar für die mit Bussen aus Buchholz angereisten Videoten. Wie gewohnt auch der sonntägliche Hippiemarkt des Örtchens. Die üblichen Künstlerdarsteller mit Stirnband, im Angebot Topflappen für fünf Euro - schaurig. Auf so einer Insel wimmelt es von Gestalten, die einen ordentlichen Beruf schwänzen. Schöppi, Kreatör bunter Folkloreskulpturen - auch die sonderbaren Betonflamingos in den Salinen stammen aus seinem Atelier -, gehört noch zu den Kunstgewerbemeistern. Ansonsten ganzheitlich Malende, erfolglos Dichtende, töpfernde Tanten, talentfreie Schmuckbastler. Einer von denen muss es sein, der an der Spitze der Trucadors-Halbinsel eine Art Indianerfriedhof aus Treibholz und Steinen angelegt hat, garniert mit kryptischen Versen über eine Göttin namens Astarte. Oder waren es Außerirdische?For men terror."Eine Gitarre auf Formentera hat mein Leben verändert." Ekkehard Hoffmann, 50, vormals Elektroingenieur, besuchte vor zehn Jahren einen Workshop bei Formentera Guitars in Sant Ferran, Europas einziger Gitarrenbauschule. Am Ende besaß er eine wunderschöne, selbst gefertigte E-Gitarre. Formentera hatte ihn gepackt. Ekki übernahm den Laden, den drei Freaks aus Hannover gegründet hatten. Bis heute werden dort Gitarren aus edlen Hölzern geformt. Die Kursteilnehmer sind nach drei Wochen um 1600 Euro ärmer und allerlei Erfahrungen reicher. Um die Ecke liegt nämlich die Fonda, schräg gegenüber die stark frequentierte, mit Tapas gut bestückte Bar Verdera. Zur nachts sehr angesagten Bar Garaffa ist es auch nicht weit. Sant Ferran, wo es mit dem Formentera-Tourismus begann, mag keine Schönheit sein. Für Insel-Lover ist sie the place to be. Die chaotischen Anfänge der Gitarrenbauschule hat Dieter "Atze" Gölsdorf aufgeschrieben, einer der Gründer. Ein hübscher Szenecomic ist daraus entstanden, auch eine Art alternativer Inselführer, dazu die Rückblende auf Formenteras abgedrehte Jahre. Wenn man heute mit dem Autor in der Fonda steht, unter all den stinknormal gewordenen Ex-Flippies, die hier jeden Frühling und Herbst aufkreuzen, um von alten Zeiten zu nostalgieren und hernach im gutbürgerlichen Fonda-Comedor zu speisen, überfällt einen Don Melancho der Schreckliche. Die Insel-Band "For men terror" längst aufgelöst, Open-Air-Partys in den Felsen verboten! Hier und da mahnen Schilder, alles Mögliche zu unterlassen, aus Rücksicht auf die schwer artengeschützte Möwe puffinus mauretanicus, Formenteras Antwort auf den Wachtelkönig. Andauernd Koks mit dem McDonald's-Strohhalm rüsseln, das ist auch längst over. "Die Wildheit von früher ist nie wieder aufgeflackert", sagt Gölsdorf wehmütig. "Es brachen Zeiten an, wo es wirtschaftlich nicht mehr so gut lief, da freakten weniger Typen aus." Auch das "gesetzlose, drittweltmäßige Flair der Insel" sei perdu, meint Nachfolger Ekki. Formentera ist vernünftiger geworden und ein bisschen langweiliger. Time to say Goodbye. Am Pirata-Bus spielen sie einen Titel immer so an, dass die letzen Takte exakt dann erklingen, wenn hinterm Berberkap die Sonne versackt. Eine Saison lang war das "Time To Say Goodbye". Es gab Applaus für gutes Timing und Tränen der Rührung. Heute ist der Feliciano-Abend. "Yesterday" und "Light My Fire" kommen auch nicht übel. Alle Stammgäste sind da, um den Stand der Dinge zu diskutieren. Beklagt werden das Italienerproblem, die hohen Preise und die vielen Zäune und Schilder. Droht die einstige Hippie-Insel zu spiekeroogisieren? Ach, Formentera-Liebhaber sind konservativer, als die Polizei erlaubt. Jede kleinste Neuerung ist ihnen ein Graus.Auch Dirk hängt selbstredend am Bus herum, ein muskelbepacktes, zotteliges Untier mit veritablem Brustpelz, das man vom Fleck weg für einen Piratenfilm heuern könnte. Der Düsseldorfer lebt seit 18 Jahren auf der Insel, kümmert sich um Ferienhäuser von Landsleuten. Potenzielle Einbrecher, die ihn gewahr werden, machen sich wahrscheinlich vor Schreck in die Hose. Dirk findet nicht, dass die Insel sich schrecklich verändert hat, "liegt aber vielleicht daran, dass ich selten runter komme". Das ist wie mit einer Geliebten, philosophieren wir. Du musst sie jeden Tag sehen, dann bleibt sie dir ganz lange schön. Pascual, noch einen Magno por favor!

Wolfgang Röhl und Cornelius Meffert (Fotos)

Wissenscommunity