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Reiseziel Apulien: Italiens schönes Ende

Herrliche Strände, Olivenhaine, beste Küche und Kultur satt - wie konnte es passieren, dass wir Apulien so lange nicht beachtet haben? Fahren Sie einfach hin, in den Süden Italiens.

Von Daniela Horvath

Das Licht am Morgen ist so hell, dass man sich beim Verlassen seines Zimmers für Sekunden hilflos wie ein Maulwurf fühlt. Doch kaum hat sich das Auge angepasst, öffnet sich dieser Blick: ein Meer aus grün-silbernen Olivenbaumkronen, das sich vom bergigen Rückgrat Südapuliens bis hinunter in die Meeresebene erstreckt. Dort verschmilzt es mit dem satten Blau der Adria. Aus den Olivenwogen blitzen hier und da schneeweiße, turmbewehrte Gutshöfe auf.

Einer davon gehört Caterina und Leonardo Petrella, die zwischen Fasano und Ostuni ihre Gäste in diesem hinreißenden Panorama empfangen. Den Hof seiner Familie haben Petrella und seine Frau in den vergangenen Jahren zu einem Agriturismo umgebaut, mit wunderbarer Hausmacherküche, mit Gemüsefeldern - und tiefgrünem Olivenöl aus eigenem Anbau. Das stammt von 500 Jahre alten Bäumen, mit Stämmen wie von Mutter Natur gemeißelt.

Die Olivenbäume sind ein Wahrzeichen Apuliens, genau wie die spitzhütigen Trulli und das mystische Castel del Monte. Lange waren Urlauber an diesem Wunderland achtlos vorbeigerauscht. Allenfalls gönnten sie ihm einen Zwischenstopp bei der Anfahrt zu den Griechenland-Fähren in den Häfen von Bari und Brindisi. Doch seit die Flughäfen der beiden Städte von Billig-Airlines angeflogen werden, hat sich viel geändert. "Zu uns kommen jetzt Gäste aus der ganzen Welt, aus Europa auch schon für ein längeres Wochenende", sagt Leonardo. Er schätzt die internationalen Besucher sehr. "Ohne sie wäre hier sicher vieles verfallen."

Schönheit und Chancen Apuliens

Apulien gehörte lange zu den klassischen Armutsregionen des italienischen Südens. Die Emigration ganzer Generationen blutete das an Natur- und Kulturschätzen reich gesegnete Land aus, in dem Illyrer und Griechen, Römer und Byzantiner, Araber und Normannen, Staufer und Bourbonen in den Gesichtern seiner Menschen wie seiner Städte Spuren hinterlassen haben. Doch mit den Urlaubsfliegern kommen nicht nur zahlende Gäste, sie befördern auch eine Rückbesinnung der Einwohner auf die Schönheit und Chancen ihrer Heimat: dem Land, das eine der köstlichsten Küchen, einen der saubersten Küstenstriche (auf 800 Kilometer Länge!) und eine der vielfältigsten Architekturlandschaften Italiens sein Eigen nennt.

"Wir sind froh, dass uns der Massentourismus gerade erst entdeckt hat", sagt Lillino Silibello. Der rundliche Wirt führt ein Restaurant in Ceglie Messapica. "So hatten wir Apulier genügend Zeit, aus den Fehlern anderer Ferienregionen zu lernen." Silibello ist ein Verrückter mit feinem Gaumen und Sendungsbewusstsein. Für einen besonderen Käse steht er schon mal um sechs Uhr früh beim Schäfer auf der Matte. Was er von seinen Beutezügen aus der Umgebung anschleppt, vollenden Mamma und Schwester zu Meisterwerken der apulischen Küche: Polenta mit würzigen Cardoncelli-Pilzen, Pasta mit frischem Rapsblüten-Sugo oder das zartgrüne Saubohnenpüree mit gebackenen Süßzwiebeln.

Spätestens zum Dessert - lauwarmes Mandelgebäck mit Weichselkirschen-Füllung - setzt sich Silibello mit an den Tisch. Er will von seiner Philosophie des "Kilometer Null" erzählen, der sich immer mehr seiner Kollegen anschließen. Sie wollen Produkte der lokalen Bauern, Schäfer und Winzer anbieten: die fast vergessene Tomatensorte "fiaschetto" etwa. Oder die traditionellen Rebsorten Apuliens wie den schwarzen Negroamaro, den weichen Susumaniello oder den eleganten Primitivo di Manduria.

Leidenschaft und Glück

Einer von Silibellos Lieblingswinzern ist Luca Attanasio. Er lebt in Manduria, der Wein-Hauptstadt im Süden der Region, und ist so etwas wie ein sanfter Rebell. Gerade mal 10.000 Flaschen seines Primitivo füllt der 32-Jährige im Jahr ab, mit Hingabe, Stolz und selbst gedruckten Etiketten. Mit verständnislosem Kopfschütteln haben seine Kollegen reagiert, als er beschloss, den Traubenmost nicht mehr in der Kooperative verpanschen zu lassen, sondern in eigener Regie auszubauen. Selbst sein Vater war skeptisch. Heute stehen beide Schulter an Schulter zwischen den Weinreben und schneiden die Trauben ab. "Erst ihr Fremden habt uns bewusst gemacht, dass unsere campagna nicht nur Mühsal und Frust bedeutet, sondern auch Leidenschaft und Glück", sagt Attanasio.

Dabei können neben Land und Meer auch Apuliens Städte verzaubern. Beim Gang durch die Ruinen der antiken Hafenstadt Egnazia zum Beispiel begleitet einen der Duft wilden Oreganos. Die Stadt war einst von Apuliens Ureinwohnern, den Messapiern, gegründet worden und wurde von den Römern zur Blüte gebracht. Im Städtchen Polignano a Mare, dessen hell gekalkte Häuschen sich am äußersten Rand einer Felsschlucht in den Himmel recken, starrt man mit tropfendem gelato und angehaltenem Atem über 20 Meter tief ins Meer. Und in den Gassen von Ostuni, der "Weißen Stadt" mit ihren maurischen Wurzeln, meint man gar die Rufe des Muezzins zu hören.

Der Höhepunkt jedes Streifzugs durch den Stiefelabsatz aber ist Lecce, Kapitale des apulischen Barocks. Die Paläste entlang der Via Palmieri tragen wie die Kirchen und der Dom überschwängliche Schnörkeldekorationen an ihren Fenstern und Fassaden. Der pure Kitsch, doch der nüchterne Kalkstein verleiht ihnen mediterrane Eleganz. Am schönsten ist Lecces Altstadt im frühen Abendlicht, wenn die Häuserwände unter dunkelviolettem Himmel rosarot zu glühen beginnen. Auf der zentralen Piazza Sant'Oronzo klingt Musik von Tamburinen und Geigen herüber. Zu den immer schneller werdenden Rhythmen tanzen junge Leute die Pizzica, ein uraltes Ritual, mit dem sich die Bäuerinnen einst von Schlangenbissen und anderen Übeln befreien wollten. Von einer römischen Säule blickt der heilige Oronzo auf das Bild prallen Lebens zu seinen Füßen. Er ist Lecces Schutzpatron - geliebt und verehrt für die vielen Mirakel im Wunderland zwischen den Meeren.

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