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Sintra: Im Reich der Könige

Wenn bei uns die Tage grauer werden, verlängert ein Ausflug nach Portugal die Sommerzeit. Die Stadt Sintra, von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben, bezaubert mit Schlössern und Parks, deren Erbauer entweder genial oder wahnsinnig gewesen sein müssen.

Emanuel Eckardt

Nichts wie weg. Wenn bei uns zum Herbst atlantische Tiefausläufer übers Land pfeifen, zieht, wer kann, mit den Schwalben nach Süden und bremst das trübe Wetter aus. Die Träumer landen in Sintra, Portugals Tropenwald an der Atlantikküste, einem Evergreen romantischer Weltflucht. Man muss nur den richtigen Moment erwischen, den idealen Anlass, zum Beispiel den würdigen Rahmen für eine große Liebe oder eine kleine Flucht in südliche Breiten. Sintra, das beschauliche Städtchen im Grünen, hat eigentlich nur ein Problem: seine Fans. An sonnigen Wochenenden sind es ziemlich viele, die meisten suchen einen Parkplatz.

Lange bevor das Automobil erfunden wurde, wohnten hier die Götter. Cynthia, die Göttin des Mondes, war hier zu Hause. "Mons Lunae", Berg des Mondes, nannten die Römer den Gebirgszug im Westen ihrer Provinz Lusitanien. Später bauten die Mauren eine Burg auf dem höchsten Felsen. Vom Castelo dos Mouros hatten sie alles im Blick, das herrliche Al Oshbuna, die muslimische Stadt, die heute Lissabon heißt, und den Atlantik im Westen. Den Mauren folgten fromme Ordensbrüder, und als in Portugal das Goldene Zeitalter anbrach, erwählten seine Könige den göttlichen Lunapark als Sommerfrische und königlichen Klimagipfel. Eine weise Entscheidung, wegen des Seewindes, der an heißen Tagen Kühlung zufächelt.

Sintra, seit 1995 Unesco-Welterbe, Kleinstadt mit historischem Kern im Nordwesten Lissabons, liegt zu Füßen eines überschaubaren Gebirges von 534 Meter Höhe, zehn mal fünf Kilometer Naturpark in Europas mildem Westen, der bis zum Atlantik reicht und am Cabo da Roca, dem Westkap Europas, steil ins Meer abfällt. Der Meerwert von Sintra ist unübersehbar, die Strände liegen nur wenige Kilometer entfernt: Praia Grande, der große Strand, und Praia das Maças, der in der Sommersaison von Sintra aus mit der alten Zuckel-Tram zu erreichen ist, Romantik mit Oberleitung.

Sintra ist der Schmachtfetzen unter Europas Traumzielen. In Sintra fand der Poet Lord Byron sein "glorious Eden", bevor er im griechischen Freiheitskampf seine schöne Seele aushauchte; hier schuf der deutsche Architekt Baron von Eschwege im Auftrag des kunstsinnigen Ferdinand von Sachsen Coburg-Gotha (1816-1885), Gemahl der Königin Maria, eine Gralsburg als architektonisches Rührstück, in dem er alles zusammenfügte, was die Geschichte des Abendlandes an Baustilen hervorgebracht hatte. Und so entstand der Palácio da Pena, ein gebauter Zitatenschatz mit vielerlei Türmen und Mini-Kreuzgang, ein skurriler Mix aus Ritterburgromantik und Instant-Gotik mit herrlicher Aussicht, umgeben von einem wild wuchernden, tropischen Park. Fantasy live, der ideale Mythenmix aus Dschungelbuch und Artus-Sage, ideale Kulisse für Tarzan und Isolde.

"Das ist der glücklichste Tag meines Lebens", jubelte Richard Strauss, als es ihn hierher verschlug. "Ich bin nach Italien, Sizilien, Griechenland und Ägypten gereist, aber ich habe niemals irgendetwas gesehen, was Pena gleicht. Dies ist der wahre Garten Klingsors - und hier, oben darüber, ist die Burg des Heiligen Grals."

So ein Schatz blüht im Zeitalter des Massentourismus nicht im Verborgenen. Busse belagern Portugals Neuschwanstein, Touristen aus aller Welt erobern das absurde Gemäuer und wollen vor allem eins: fotografieren. Weil das aber verboten ist, liefern die uniformierten Aufpasser einen heroischen Kampf gegen Blitz und Camcorder, Videos, Handys und Kameras. Aussichtslos. Kein Amateurfilmer lässt sich diesen Set entgehen. Minne, wohin der Blick auch schweift, das Burgfräulein aus Japan fotografiert den Samurai mit Rucksack, der Rambo aus Texas filmt seine American Beauty, Rentnerpaare spielen Verstecken, Teenies knutschen auf der Zinne.

Mitten im Ort, paradoxerweise am Platz der Republik, thront der Palácio Nacional, der Königspalast mit den doppelten Monsterschornsteinen über mächtigen Küchengewölben, ein Mahnmal der Lebensfreude. Manuel I. (1469 - 1521), genannt der Glückliche, dem Portugals Entdecker die halbe Welt zu Füßen legten, hatte es gern, wenn vier Hirsche zugleich gebraten wurden. Steinerne Schiffstaue rahmen zierliche Fenster und Portale. Die Wände sind gekachelt mit prächtigen Azulejos, Sommerfrische in Fliesland. Für die Portugiesen gehört der Palast zu den Nationalheiligtümern, ein Symbol vergangener Größe. Im lustvoll kultivierten Phantomschmerz trauern sie entschwundenen Welten nach, Goa, Timor und Mac‹o, Angola und Mosambik, vom Königreich Brasilien nicht zu reden.

Was blieb, sind die Bäume. Sintras wahrer Zauber ist eher rätselhaft und versponnen, zeigt sich im Märchenwald der Quinta da Regaleira, den romantische Schwarmgeister an der Schwelle zum 20. Jahrhundert als Naturschauspiel mit Wasserfällen und stillen Winkeln in Szene setzten. Statuen antiker Götter stehen Spalier vor dem neomanuelinischen Privatschloss, das erst seit wenigen Jahren öffentlich zugänglich ist, ein Spätwerk der Fantasten von Sintra. 1910, als der Bau vollendet war, stürzte die alte Welt ein. Manuel II., der letzte portugiesische König, floh auf seiner Segelyacht nach England. Sein Vater und sein Bruder waren zwei Jahre zuvor in Lissabon auf offener Straße erschossen worden. Krieg den Palästen. Portugal hatte seine erste Revolution, von Nelken keine Rede.

In der Quinta da Regaleira ist vom Umsturz nichts zu spüren. Als wäre es der Feenpalast in "Der Herr der Ringe", scheint das Schloss in einer anderen Zeit zu schweben. Die Außenwelt rauscht vorbei. Der merkwürdige Familiensitz gehört der Stadt Sintra; ein Schild am Eingang nennt viele Sponsoren. Die Gemeinde allein hätte nicht das Geld, so eine Verrücktheit zu unterhalten.

Ein paar Kurven weiter regiert beschauliche Stille. Wenn es in Sintra ein Paradies gibt, ist es der Garten von Monserrate. Ein subtropischer Park im Wildwuchs, Vegetation im Vollrausch, die Vereinten Nationen in Grün, ein Meeting der Pflanzenwelt mit 3000 Arten, ein Naturschauspiel, in dem botanische Weltstars wie der Tasmanische Eukalyptus und Sequoia maximus ihren Auftritt haben, die Araucarie aus Queensland und Asiens Ginkgobaum, mexikanische Zypressen, exotische Palmen und Baumfarne.

Engländer schufen diesen Urwald der verschlungenen Pfade und künstlichen Katarakte. 1794 begann der poetische Wildwuchs, als sich der Dichter William Beckford hier einmietete, 1856 kaufte Sir Francis Cook das Gelände und investierte ein Vermögen in diesen Zaubergarten, aus dem Lotus und Wasserlilie leuchten. Baumfarne fächeln im Wind, verschlungene Wege führen durch diese Märchenwelt, in deren Mitte ein orientalisch anmutender Palast thront. Er wurde in langen Jahren renoviert, steht aber noch leer und wartet offenbar auf seine Bestimmung.

Warten ist das Leitmotiv portugiesischer Melancholie, Warten auf bessere Zeiten, Warten auf Sebasti‹o, den verschollenen König, der das Königreich in einer einzigen Schlacht verspielte, vor über 400 Jahren, aber das kann nicht wahr sein. Ein Schiff wird kommen, und mit ihm kehrt die wahre Größe Portugals zurück.

Sintra schlummert im Gestern, ein beschauliches Nest ohne Megastores und Shoppingcenter. Sintra-Touristen sind Zeitreisende, wollen nicht kaufen, sondern träumen, baden in Nostalgie, schlummern wie Könige im barocken Palácio dos Seteais. Im "Palast der sieben Seufzer" seufzen schon mal die Betten. Der Prunkbau aus dem 18. Jahrhundert wirkt leicht verschnarcht, aber wer sich in Versailles wie zu Hause fühlt, gern in echten Antiquitäten wohnt, mit dem Buchsbaumlabyrinth vor dem Fenster und dahinter dem weiten Blick bis ans Meer, liegt hier richtig.

In der Nachbarschaft kuscheln sich Quintas in die Parklandschaft, exklusive Landhäuser mit Pool und Familienanschluss, die selten mehr als zehn Zimmer vermieten. In der "Quinta da Capela" holt Gastgeber Mark Zürcher schon mal seine Leute aus Brasilien, weil er deren Lachen so liebt. Als Haustiere hält er zwei Schwäne und einen Schwarm Kanarienvögel. In der "Quinta das Sequóias" wartet Candida Gonzáles, eine feine alte Dame und leidenschaftliche Kunstsammlerin, bis der letzte Gast aus dem Haus ist, ehe sie den Rasenmäher anwerfen lässt. Bei der Familie Braddell in der "Quinta de S‹o Thiago" hat schon Burt Lancaster gewohnt. "Ich saß hier in einem anderen Jahrhundert und entdeckte einen Frieden und eine Ruhe, die wie ein Zauber war", schrieb er ins Gästebuch und versprach, eines Tages zurückzukehren, um nachzusehen, "ob es Wirklichkeit war oder nur eine Illusion".

Weil der Luxus vor dem 21. Jahrhundert nicht haltmacht, hat die Deutsche Bank vor zwei Jahren das "Hotel Penha Longa" in Sintra gekauft. Unter dem Management von Ritz Carlton wird der alte Königspalast aus dem 14. Jahrhundert für Gipfeltreffen und Gesellschaften gebucht. Der weitläufige, eher amerikanisch anmutende Hotelkomplex bietet in 220 Hektar schwungvoller Landschaft Beauty, Spa und Golf.

Am Wochenende kommt die Weltflucht auf Touren, buckeln Biker in grellbuntem Outfit auf ihren Rennmaschinen durch die Berge, röhren Quads durch schattige Straßen und übertönen das Heulen der Kompressoren, das von der nahen Grand-Prix-Strecke in Estoril herüberweht. Das Wochenende gehört den Sportugiesen. Alles ist in Bewegung. Auch wer seine Familie im Auto spazieren fährt, treibt Motorsport, gibt Stoff, dass es im Wald widerhallt.

Mittags wird es ruhiger. Fürs Essen nehmen sie sich Zeit und tafeln in einfachen, authentischen Restaurants, in denen die Spezialitäten der Region aufgetischt werden. Essen ist Handarbeit, genüssliches Knacken und Hämmern, Schälen, Pulen und Drehen, Zuzeln und Schlürfen. Höhepunkt aller Fummelei: das Innere der meeresfrischen Percebes, der weichen Muscheln aus der Brandungszone, aus deren sperrig schwarzer Elefantenhaut sich eine rosa glitschige Winzigkeit herausdrehen lässt. Sie schmeckt nach Meer.

Draußen kann man es riechen. Am weiten Sandstrand der Praia do Guincho lagern Familien, viel junges Volk. Steter Westwind lässt es krachen; drei, vielleicht vier Meter hoch donnern die Wogen an sonnigen Herbsttagen, Surfer schießen durch die Gischt, Schaumtänzer, Virtuosen schwereloser Balance, Wellness in Höchstform. Die Sonne taucht die Szene in weißes Gold, über den Bergen von Sintra steht schon der Mond. Luna. Einer dieser absolut göttlichen Momente.

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