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Rückkehr der Bären: Wie der Braunbär bei uns wieder heimisch wird

Die einen lieben, die anderen fürchten sie: die Bären. Ob sich die Raubtiere dauerhaft wieder bei uns in den Alpen ansiedeln, bestimmen vor allem wir.

Von Marlene Göring

Normalerweise greifen Braunbären den Menschen nicht an. Er gehört nicht in ihr Beuteschema. Außerdem sind sie scheu.

Normalerweise greifen Braunbären den Menschen nicht an. Er gehört nicht in ihr Beuteschema. Außerdem sind sie scheu.

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Der Winter bäumte sich ein letztes Mal auf an dem Tag, als die Ranger auf den Kadaver stießen. An der Zufahrt zum alten Militärweg, der sich hinter dem italienischen Dörfchen Malborghetto zur österreichischen Grenze bergauf windet, lag ein großer, toter Hirsch im Schnee. Das Blut troff noch aus der einzigen Wunde, die Wirbelsäule ragte aus dem Nacken. Etwas hatte dem Tier mit einem Schlag das Genick gebrochen. Die Ranger fanden auch blutgetränkte Spuren im Eis und folgten ihnen. Bis zu der Schlucht, an der es für Menschen nicht weiter geht.

Mitte April, fünf Wochen später, sind die Männer wieder da. Und diesmal kommen sie gut vorbereitet.

Man hört nur das Knirschen ihrer Schuhe auf dem Schotterweg, der jetzt schneefrei ist. Jeder abgeknickte Ast, jeder umgedrehte Stein, jeder Hauch von totem Tier verrät den Rangern, was hier in den vergangenen 24 Stunden passiert ist. An vielen Stellen ist der Rand der Straße weggebrochen, vom Berghang aus überfluten sie kleine Bäche. Dort, wo sich Schlammpfützen gebildet haben, finden die Männer die Spuren. Sie sind frisch, wohl von letzter Nacht: Teekannengroße Abdrücke führen einmal bergab und wieder zurück. Er war hier. Der Bär.

Der Bär, der es sich zwischen dem nordöstlichsten Zipfel Italiens und der österreichischen Egger Alm gemütlich gemacht hat, ist Teil einer bemerkenswerten Bewegung auf vier Tatzen: In Europa breiten sich die großen Raubtiere wieder aus. Nach dem Wolf ist das vor allem der Europäische Braunbär. In Russland gab es immer große Bestände, im restlichen Europa stieg die Zahl seit 2008 um ein paar Tausend Tiere auf heute bis zu 20000. Und die Bären kehren nun nach über hundert Jahren auch dorthin zurück, wo sie ganz oder fast ausgestorben waren. In der Schweiz, Spanien, Frankreich, Italien, Schweden und Slowenien – überall werden sie mehr.

Der Bär ist ein Opportunist

Sein Speisezettel ist vielfältig, und er fühlt sich am Berg genauso wohl wie im Flachland. Seit es wieder mehr Wälder gibt und er durch nationale und europäische Gesetze geschützt ist, findet er auch in der Kulturlandschaft unseres dicht besiedelten Kontinents wieder Platz. Hektar um Hektar erobert er sich seine alten Territorien zurück.

Das geschieht auf ausdrücklichen Wunsch Europas. Die Mitgliedstaaten der EU haben sich verpflichtet, wild lebenden Arten die Wiederansiedlung zu ermöglichen. Doch wo der Bär auftaucht, bewegt er die Menschen: Jäger und Viehbesitzer, Einheimische und Touristen, Politiker und NGOs, die Müllabfuhr und die Verkehrsbehörden. Stakeholder werden sie genannt, "interessierte Parteien". Sie verhandeln heute das Schicksal der Bären. Sollen sie wieder zu uns gehören, müssen alle mitmachen. Es klingt wie eine Integrationsgeschichte – nur, dass der Bär schon lange vor uns da war.

Forscher und Behörden bereiten ihm den Weg. Der Plan: Sie wollen die verstreuten Alpenbären mit der großen Population im Dinarischen Gebirge verbinden, die sich über den Balkan ausbreitet. In Slowenien ist die Zahl der Bären rasant gewachsen, von dort ziehen sie nach Norden. Und auch im italienischen Trentino gibt es seit einem Ansiedlungsprojekt wieder welche. Dazwischen liegen die alten Wanderrouten der Bären im Dreiländereck mit Österreich. Gelingt das Projekt, könnte hier ein Korridor entstehen. Mit ihm würde die Zahl der Tiere steigen; der genetische Austausch würde die Bestände gesund halten. Und das Tor in den Norden wäre geöffnet: Wenn der Bär nach Deutschland kommt, dann über die Alpen.

Das Dreiländereck ist der Flaschenhals

Sollen Bären wieder die Alpen bevölkern, müssen sie hier durch. An Paolo Molinaris Jagdhütte kommen schon immer Bären vorbei. Das trifft sich gut: Er ist als Wildbiologe beim LIFE Dinalp Bear Projekt zuständig für das Dreiländereck und koordiniert die Maßnahmen rund um Tarvis und in Kärnten. Letztes Jahr zählte Molinari fünf Bären – einer wurde überfahren, einer in Slowenien legal geschossen, ein weiterer an der österreichischen Grenze gewildert. "Unsere Mühe wird nichts bringen, bis wir unser homozentrisches Weltbild ändern", sagt er. "Das stammt noch aus dem Mittelalter." Der Mensch stört sich am Bär.

Selbst in dieser Gegend, die so weit und wild wirkt, gibt es kaum einen Flecken, auf den nicht irgendwer Anspruch erhebt. Statt Wildnis ein Wirrwarr unterschiedlicher Interessen: Biologen wollen die ökologische Vielfalt wahren, Jäger ihre Reviere nicht teilen. Almhirten fürchten um ihr Vieh, Förster um die etablierte Ordnung im Wald. Eine Sache hätten sie erreicht, sagt Molinari: "Wir haben den Politikern klargemacht: Einfach zu sagen ‚Wir wollen keine Großwildtiere bei uns' – das ist keine Option mehr."

Zumindest schaffen es heute mehr neue männliche Bären hierher, manche ziehen weiter nach Österreich und Norditalien. In der anderen Richtung haben Forscher zweimal Tiere ins Dreiländereck verfolgt, aus der Population in der Provinz Trient knapp 200 Kilometer westlich. Dort haben Behörden nachgeholfen: Bis 2002 wurden sechs junge Weibchen und drei Männchen ausgesetzt. Sie sind die Gründer einer Population, die heute um die 60 Tiere ausmacht. Aus biologischer Sicht ist das Projekt ein riesiger Erfolg. Und trotzdem könnte es noch scheitern: am Menschen.

Problembären sind Einzelfälle – aber jeder lässt die Stimmung weiter kippen. Eine Studie hat ergeben, dass der Alpenraum etwa 600 erwachsenen Bären und mindestens noch einmal so vielen Jungtieren Lebensraum bieten könnte. Wenn die Menschen nicht mitspielen, könnten die Bären auch wieder verschwinden. Der Bär hat bewiesen, dass er in der Kulturlandschaft des Menschen leben kann. Können wir es auch mit ihm?

Gekürzte Fassung: Die vollständigen Text finden Sie in "National Geographic", Heft 6/2018, ab sofort am Kiosk für 6 Euro.

Bär bekommt eine Geschichte vorgelesen


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