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Bali: Wie ein Vulkanausbruch für diesen Ort zur Chance wurde

Pemuteran liegt im eher untouristischen Nordwesten Balis und wurde für viele Überlebende des letzten Ausbruchs des Gunung Agung zum Schicksalsort. Welche Chance sich am Ende daraus ergeben hat, verblüfft nicht nur die Bewohner.

Von Julia Großmann

Ein Kleintransporter auf Bali fährt mit Schülern auf der Ladefläche auf den Vulkan Gunung Agung zu, der Rauch und Asche speiht

Der Ausbruch des Vulkans Gunung Agung stellte für viele Menschen auf Bali eine Gefahr da. Für den Ort Pemuteran ist der Ausbruch eine Chance

Lastwagen donnern an uns vorbei, Staub wirbelt uns ins Gesicht und legt sich dann in einer feinen Schicht über die Honigmelonen und Papayas, die ein etwas träge dreinschauender Mann zum Verkauf anbietet. Nach Erholung sieht der Ort Pemuteran an der Durchfahrtsstraße nach Java im Nordwesten Balis nun nicht wirklich aus.

Während die touristischen Destinationen der indonesischen Ferieninsel wie Kuta, Seminyak oder Ubud eher im Südosten zu finden sind, verlieren sich lediglich ein paar Dutzend Touristen pro Woche hierher. Eine weit geschwungene Bucht, Hotels, Tauchschulen, Restaurants und kleine Geschäfte - alles vorhanden und doch wirkt der Ort nicht wie ein solcher. Es fehlt ein Kern, der die Ansammlung an Häusern zu einer Ortschaft vereint. Warum das so ist, erklärt uns Putu, der Erstgeborene unserer Homestay-Familie. "Pemuteran ist ein Ort der Flucht und der Evakuierung." Bis 1964 gab es hier lediglich ein paar Hütten, in denen Fischer wohnten, weder eine große Straße noch Hotels oder Geschäfte. "Dass wir nun hier wohnen, hat einen Grund - Gunung ," sagt Putu etwas andächtig.

Pemuteran heißt "hingehen und umdrehen"

Gunung Agung, die höchste Erhebung und der heiligste Berg der Insel ist ein aktiver Vulkan. Zuletzt brach er 1964 aus, zwang damals 130.000 Menschen in die Flucht und kostete 1200 Menschen das Leben. Ganze Dörfer und Ackerflächen sind seitdem von einer dicken Lavaschicht überzogen. Solche, die überlebt haben, wurden umgesiedelt, zum Beispiel in den Nordwesten der Insel, weit weg von dem Asche speienden Agung, dafür in eine der ärmsten Regionen Balis, an einen Fleck namens Pemuteran, der entsprechend schnell wachsen musste. Der Ortsname bedeutet übersetzt so viel wie "hingehen und wieder umdrehen". Das Umdrehen konnte sich lange Zeit kaum jemand leisten und so sei aus der einstigen Schicksalsgemeinschaft über die Jahrzehnte eine Dorfgemeinschaft gewachsen, sagt Putu, der selbst hier geboren ist und den letzten Ausbruch des Agung noch nicht miterlebt hat.


Dass die meisten der rund 2500 Einwohner inzwischen gar nicht mehr umdrehen wollen und positiv in die Zukunft schauen, haben sie vor allem einem Menschen zu verdanken, dem Australier . Er kam Ende der 1990er-Jahre in das damals bitterarme 800-Seelendorf und verstand den Wert der Bucht, als er das erste Mal abtauchte. Vor ihm erstreckt sich ein Korallenriff, das so weit reichte, wie es der Blick durch seine Taucherbrille zuließ. Doch auch die Schäden waren deutlich sichtbar. "Die Fischer nutzen für die Jagd damals Dynamit und Cyanid," erklärt Chris Brown, der uns mit zerrissenem T-Shirt und sonnengegerbter Haut am Eingang seiner Tauchschule empfängt. Er machte den Fischern schnell klar, dass es ohne das Riff auch bald keine Fische mehr geben würde und arbeitete dann daran, die zerstörten Teile des Riffs wieder aufzuforsten.

Vom Fluchtort zum Vorzeigedorf auf Bali

Entstanden ist das Biorock- , ein Projekt, das Pemuteran zu einem Vorzeigeort auf Bali machte und auch weltweit für Aufsehen sorgte. "Wir haben Gerüste aus Stahl im Meer versenkt und lassen Gleichstrom hindurchleiten. So entsteht eine chemische Reaktion, die das Meerwasser in seine Bestandteile auflöst. Das gelöste Salz bildet eine Kruste auf der Stahlkonstruktion und wird zum idealen Nährboden für Korallen," erklärt Brown, während er schon mal passende Schnorchel und Flossen für uns raussucht. Selbst Roger Beedon, Direktor am Great Barrier Reef Marine Park in Australien, sei schon da gewesen, um sich inspirieren zu lassen.

Ein kleines Hinweisschild am Strand weist uns den Weg zu dem mehrfach ausgezeichneten Projekt. Kaum unter Wasser, beginnt bereits der inzwischen gewachsene Korallengarten. Auf Türmen, Kuppeln und Kegeln aus Metallstangen wachsen die fragilen Lebewesen. Bunte Mandarinfische und Seepferdchen sind in direkter Nähe unterwegs. Rund 100 solcher besiedelten Konstruktionen sind in der Bucht von Pemuteran inzwischen zu finden. "Dieses Biorock-Riff ist das größte seiner Art weltweit," erklärt Chris, als wir hellauf begeistert wieder aus dem Wasser stapfen. "Mit dem Riff kommen nun auch die Touristen, meistens Taucher, aber auch Besucher wie ihr, die auf der Suche nach authentischen Dörfern abseits der Touristenpfade sind," sagt Chris, bevor er sich auf den Weg zu einem Termin macht. Fast alle Bewohner Pemuterans können inzwischen vom Tourismus leben, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung.

Ein Ort mit Potenzial

Am Abend begeben wir uns ein weiteres Mal auf Entdeckungstour. Wir wollen uns einen Überblick verschaffen und den Berg erklimmen, der sich wie ein schlafender Riese hinter Pemuteran erhebt. Der Honigmelonenverkäufer hebt zum Gruß den Arm, als wären wir bereits alte Bekannte.  Kaum ist die Durchfahrtsstraße verlassen, überwiegt das satte Grün des Hinterlandes. Borstige Schweine jagen vor uns über den Pfad, Hühner gackern, streunende Hunde begleiten uns eine Weile. Mit jedem Schritt hinauf wird klar, welches Potenzial dieser aus der Not heraus entstandene Ort eigentlich hat.

Putu lächelt stolz, als wir ihm von unserer Erkenntnis auf dem Berg erzählen. Auch wenn Pemuteran einst nicht mehr als eine Übergangslösung für Viele war, hat die Dorfgemeinschaft mit der Hilfe eines Australiers einen ganz eigenen Schlüssel gefunden, das Beste aus ihrem Schicksal zu machen und Pemuteran zu ihrem zu Hause.

Der Gunung Agung bricht aus 

Eine Woche später thront der Gipfel allen Übels vor uns. Der Vulkankegel des Gunung Agung. In den frühen Morgenstunden haben wir den gegenüberliegenden Mount Batur bestiegen, um den Sonnenaufgang über Bali zu genießen. Friedlich sieht er aus, der heilige Gunung Agung an diesem Morgen im April. Nichts deutet auf einen erneuten Ausbruch hin und wir hoffen, dass dies noch lange so bleiben wird. Denn wir kennen nun die Geschichte von Pemuteran und wissen, was die Lavaflut für die Bewohner der Dörfer am Fuße bedeuten würde, für ihre Ackerflächen und ihr zu Hause. Sie müssten es aufgeben, sich einen neuen Ort zum Leben suchen und könnten nur darauf hoffen, dass dieser neue Ort am Ende ein ähnliches Potenzial vorweist, wie Pemuteran.

Und nun, wenige Monate später spuckt Gunung Agung Asche und Lava. Alle Menschen im Umkreis von 12 Kilometern sind aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. Tausende Einheimische fürchten um ihr Hab und Gut. Auf Nachfrage schreibt Putu: "Uns geht es gut. Wir sind weit genug entfernt, aber das Glück werden nicht alle haben, wie damals."

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