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Cape Ann im US-Nordosten: Neuenglands unbekannte Waterkant

Auf der Halbinsel bei Boston zelebrieren Einheimische das Leben mit Hummer, Rum und Seemannsgarn. Ein Streifzug durch das Land der flammenden Lokalpatrioten und flirtenden Geschichtenerzähler.

Von Meike Winnemuth

Okay, Schätzchen, ich sage Ihnen jetzt mal, wie Sie Ihre Geschichte anfangen müssen", sagt Lenny. "Nämlich so: 1606 kartografierte Samuel de Champlain Cape Ann, 14 Jahre, bevor die ,Mayflower' landete. Pilgerväter? Pah! Wir waren schon auf der Landkarte, als …" – "Lenny, halt die Klappe", sagt Linn, "nicht schon wieder diese alte Story." Lenny Linquato hält die Klappe, zumindest vorläufig, und geht in die Küche, um eine neue Ladung Bing Bang Shrimp zu holen.

Keine halbe Stunde auf Cape Ann, genauer in Gloucester, noch genauer in der Fischbude "Gloucester House" am Hafen, und man ist mittendrin im Land der flammenden Lokalpatrioten und flirtenden Geschichtenerzähler. Wie so oft in Neuengland geht es hier sofort um Abstammung und Tradition, den Goldstandard aller vergleichsweise jungen Staaten. Kaum ist Lenny verschwunden, flicht Linn beiläufig ein, dass sie übrigens auch schon 13. Generation sei, uralter Yankee-Adel, quasi knapp nach Samuel de Champlain vom Boot gekippt. Und tischt selbst ein paar Geschichten auf: die vom Seemann Howard Blackburn zum Beispiel, der 1883 im Wintersturm auf hoher See von seinem Schiff getrennt wurde und fünf Tage lang ohne Wasser und Schlaf in einem Kahn zur neufundländischen Küste ruderte.

Er wusste, dass seine Hände gefrieren würden, also beließ er sie gleich in gekrümmter Haltung, um die Riemen greifen zu können. Er erreichte das Ufer, wo alle Finger und die meisten Zehen amputiert werden mussten. Was Howard natürlich, den ollen Cape-Ann-Kämpen, nicht im geringsten stoppen konnte: Er segelte um Kap Hoorn und später ganz allein nach England und Portugal, der erste Einhand-ohne-Finger-Atlantiküberquerer der Welt. "Ach, und dann die Geschichte von …" Danke, schon verstanden: Die Leute von Cape Ann lieben ihre Helden und ihre Geschichten und haben von beidem reichlich auf Lager.

Gloucester, der Heimathafen der "Andrea Gail"

Dass Cape Ann bislang relativ unbekannt ist, liegt daran, dass Neuengland-Besucher, von Süden kommend, meist entweder die Biege Richtung Cape Cod machen, der größeren, bekannteren Halbinsel, oder gleich weiter in Richtung Maine brausen, ins Land der Hummer und des Indian Summer, zwei ausgesprochene Spitzenleistungen der hiesigen Natur. Beide finden sich natürlich auch auf Cape Ann, das 60 Kilometer nordöstlich von Boston in den Atlantik ragt, aber bislang hat man die Gegend eher rechts liegen gelassen. Was schade und schön zugleich ist, denn alles, was den Charme der Ostküste ausmacht - Fischerstädtchen mit verwitterten Holzhäusern, Alleen, durch die ein salziger Wind geht, verschlafene General Stores mit Gummistiefeln und Trockenfleisch -, gibt es hier natürlich auch, inklusive knorriger Bewohner, aber ohne jeglichen Bustourismus und All-you-can-eat-Buffets.

Ein wenig hat sich das geändert, seit Gloucester, der älteste Fischereihafen der USA, zum Schauplatz einer weiteren berühmten Geschichte wurde: "Der Sturm" von Sebastian Junger, eine minutiöse Rekonstruktion des Jahrhundertorkans von 1991, der ein Schwertfischschiff aus Gloucester, die "Andrea Gail", mit Mann und Maus versenkte. Im Jahr 1999 verfilmte Wolfgang Petersen das Buch mit George Clooney und Mark Wahlberg in den Hauptrollen, ein paar Jahre später kam Sandra Bullock für einen weiteren Filmdreh hierher, und seitdem ist Gloucester, 400 Jahre nach Samuel de Champlain, zum ersten Mal so richtig auf der Landkarte - wenngleich gottlob meilenweit entfernt von jeglicher Souvenirshop-Niedlichkeit und künstlicher Patina, mit denen Städte auf Cape Cod und Martha's Vineyard in den letzten Jahrzehnten überzuckert wurden.

Experten im Überleben

Die Einheimischen sehen das Interesse mit gemischten Gefühlen. Einerseits kam es zum richtigen Zeitpunkt: Die Hochseefischerei, einst Stolz und Einnahmequelle der Stadt, ist nach Jahren der Überfischung und Fangquoten rückläufig, da müssen die Netze halt woanders ausgeworfen werden. Aber Mensch, war das nett, als man noch ungestört im "Crow's Nest" seine Heuer versaufen konnte, ohne alle Naslang neben einem Clooney-Fan an der Theke sitzen zu müssen, der keinen Sterntrawler von einem Seitentrawler unterscheiden kann.

Andererseits sind die Leute hier Experten im Überleben. Die Cape Pond Ice Company, die mehr als 150 Jahre lang tonnenweise Eis zum Kühlen der gefangenen Fische in die Laderäume pumpte - Besitzer Scott war der Letzte, der die "Andrea Gail" vor ihrer verhängnisvollen Fahrt sah -, stellt heute eben Partyeiswürfel und Blöcke für Eisskulpturen her, die bis nach Los Angeles geliefert werden. Und Bob Ryan, früher mal Fischgroßhändler, hat 2006 ein paar deutsche Kupferkessel und Fermentationstanks angeschafft, sie nach stolzen Schonern im Hafen benannt und die Schnapsbrennerei "Ryan & Wood" gegründet, die wunderbare Rums und Whiskeys produziert. "Wir sind hier in Massachusetts die Ersten seit der Aufhebung der Prohibition, die eine Brennlizenz bekommen haben", sagt Bob grinsend und tätschelt ein Rumfass. "Noch ein Glas?" Unbedingt.

Wo Schriftsteller und Multimillionäre urlauben

Man darf aber nicht denken, dass Cape Ann nur eine Gegend der aufgekrempelten Ärmel ist. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts haben einige der reichsten Familien der Ostküste hier ihre Ferien verbracht. Warum, erschließt sich sofort, wenn man die hübsche Route 127 und 127 A einmal um das Kap herum abfährt: Steinige Küsten wechseln mit breiten Sandstränden, man fährt an pastellfarbenen und grauverwitterten Holzhäusern vorbei und an einer himmelblauen Holzkirche mit einer magentafarbenen Tür, erhascht bei Annisquam einen fast unwirklich perfekt arrangierten Blick hinunter auf einen kleinen Schärenhafen mit dümpelnden Segelbooten und wackligen Stegen.

Wenn man im postkartenhübschen Fischernest Rockport die Main Street hinunterschlendert, kommt man an kleinen Galerien vorbei und am rummeligen Toad Hall Book Store, dessen Einnahmen sämtlich für gute Zwecke gespendet werden, entdeckt im Fenster des Rockport General Store einen Zeitungsausschnitt von 1989, als Cher hier im Laden "Meerjungfrauen küssen besser" drehte, überlegt, ob man bei Tuck's Candies lieber Buttercrunch oder Chocolate Nut Bark kaufen sollte (beides) und ob man bei Roy Moore lieber Hummer oder Jakobsmuscheln ordern sollte (beides).

Es ist ein gänzlich unaufgeregtes Leben hier auf dem Kap, und die Leute, die es hierher gezogen hat - Maler wie Edward Hopper und Marsden Hartley, Schriftsteller wie T.S. Eliot und H.P. Lovecraft, Multimillionäre wie die Woolworths und die "Johnny Walker"-Walkers –, haben genau das gesucht: einen Ort, der seltsam heil und unbeeindruckt geblieben ist von der Welt da draußen und der sogar die Exzentrik der Künstler und Superreichen mit einem Achselzucken wegsteckt.

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