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Dubai: Die Wüste bebt

Große Pläne, große Projekte, große Bauten: Der Aufstieg von Dubai war märchenhaft. Und wurde auf Pump finanziert. Nun reißt die Finanzkrise das kleine Emirat mit - die Zeit des billigen Geldes ist vorbei.

Von Claus Hecking, Dubai

Diese Stille. Sie irritiert, passt nicht zu Dubai, diesem lauten, überfüllten Betonmoloch. Verstummt ist das Gehämmer, Gebagger, Geschrei der Arbeiter. Erstarrt stehen Kräne und Bagger in Kilometern Einöde. Gelangweilt betrachtet ein Wachmann den Dreck unter seinen Fingernägeln.

Ein einziges Fahrzeug hat in der vergangenen halben Stunde den Checkpoint zur Palm Deira passiert, dem gigantischsten Bauprojekt, das Dubais Gigantomanen je in Angriff genommen haben. Als "achtes Weltwunder" haben sie die neue Palme angepriesen. 12,5 Kilometer sollte die künstliche Insel ins Meer ragen, achtmal so groß wie die berühmte erste Palme werden, einer Million Menschen Lebensraum bieten. Sie sollte der Welt zeigen, wozu Dubai fähig ist. Sollte.

An diesem Nachmittag hört man den Wind über die verlassene Baustelle hinterm Zaun streichen. Im Staub liegt ein zertrampeltes Banner des Bauherrn Nakheel. Dem staatlichen Immobilienkonzern geht es nicht gut. So schlecht, dass er die Arbeiten an Palm Deira zurückfahren muss. "Der Umfang unserer Projekte", zitiert der Branchendienst New Civil Engineer einen Firmensprecher, "ändert sich jetzt mit den Marktbedingungen." Und die trüben sich gerade dramatisch ein. Nakheel-Gläubiger, die ihre Anleihen gegen Ausfall absichern wollten, mussten dafür zuletzt bis zu 20 Prozent der Kreditsumme hinblättern.

Die Zweifel wachsen

An der Zahlungsfähigkeit von Dubais einstigem Paradeunternehmen. Und am Erfolgsmodell Dubai selbst. Die Finanzkrise setzt ihr zu, der einstigen Wüstenoase, die sich in drei Jahrzehnten in eine Weltmetropole verwandelt hat. Plötzlich stehen Mammutvorhaben wie die neue Palme serienweise auf der Kippe, der Immobilienmarkt vor dem Einbruch. Dubai bangt um seinen Ruf als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten.

"Wir beobachten den Rückzug der Kredite sowohl von internationalen wie auch lokalen Banken", sagt Zahed Chowdhury, Chefstratege der Deutschen Bank für den Mittleren Osten. "In einer solchen Situation ist Dubai noch nie gewesen." Eckart Woertz sieht die Lage noch düsterer. "Dubai ist extrem schuldenfinanziert, die Wirtschaft hier hat einen heißen Reifen gefahren", sagt der Chefökonom des Gulf Research Center. "Massive Einschnitte" stünden bevor: "Die Zeit der Prestigeprojekte ist zu Ende, bei denen Geld scheinbar keine Rolle spielte."

Dabei haben diese Prestigeprojekte Dubai zu dem gemacht, was es heute ist: die Handelsdrehscheibe zwischen Europa, Asien und Afrika. Alles begann Mitte der 70er-Jahre, als die Herrscherfamilie Al Maktum erkannte, dass ihr Öl schnell zur Neige gehen würde - und einen tollkühnen Plan entwickelte: Ihr kleines Dubai sollte Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrszentrum der arabischen Welt werden. Was haben die arabischen Nachbarstaaten gelacht, als dieses abgelegene Wüstenkaff einen scheinbar heillos überdimensionierten Hafen baute, eine internationale Fluglinie eröffnete, ein 320 Meter hohes Luxushotel ins Nirgendwo setzte. Heute ist der Jebel Ali dem Andrang der Containerschiffe nicht mehr gewachsen, Emirates Airlines eine der profitabelsten Fluggesellschaften der Erde, das Burj Al Arab fast permanent ausgebucht.

Lesen Sie auf Seite 2: Pomp auf Pump

Und die Nachbarn? Sie spotten nicht mehr, sie kamen, staunten, kauften sich ein beim Emporkömmling: Wohnungen, Villen, künstliche Inseln. Ihnen auf dem Fuß folgten vermögende Briten, Iraner, Russen, Deutsche, Chinesen. Dubai sein war alles.

Einen Haken hat das arabische Wunder allerdings: Es ist zum Großteil auf Pump finanziert. "Demystifying Dubai Inc." betitelt die Ratingagentur Moody's ihre neueste Dubai-Studie, die im Emirat für Aufregung sorgt. Ihr zufolge beläuft sich allein die Verschuldung der Regierung ohne private Kreditaufnahme auf mindestens 47 Millarden US-Dollar - mehr als das BIP von 2006. Und der Schuldenberg wird weiterwachsen, mindestens fünf Jahre lang. "Die angehäuften Verbindlichkeiten nehmen schneller zu, als die Investitionen Erträge erbringen können", sagt Philipp Lotter, Autor der Analyse.

Dubai muss sparen

Dubai benötigt dringend frisches Kapital: allein 2009 16 Milliarden US-Dollar schätzt JP Morgan. "Es muss jetzt darum gehen, die Projektfinanzierungspipeline intakt zu halten", sagt Nasser Al-Shaali, Chef des Dubai International Financial Centre (DIFC). Das wird schwer in dieser Krise, in der die Banken wie auch die Anleger auf den internationalen Anleihemärkten riskante Investments scheuen. "Die Tage des einfachen, billigen Geldes sind vorbei", warnt Khaled al Kamda, Chef der Dubai Islamic Bank. Und die eigenen Mittel reichen längst nicht mehr, um Dubais Kapitalhunger zu stillen. Die Ölvorkommen sind ausgebeutet, pro Tag fördert man nicht einmal mehr 100.000 Barrel (je 159 Liter). Das Bruderemirat Abu Dhabi holt fast 30-mal so viel aus dem Boden.

Dubai muss wohl oder übel sparen. "Die Regierung wird versuchen, die strategischen Projekte wie die Metro, den neuen Flughafen oder die Hafenerweiterung fortzuführen", prophezeit Deutsche-Bank-Stratege Chowdhury. "Alles andere wird noch einmal überprüft." Nichtstrategische Projekte würden nun verkleinert oder verspätet gestartet. Wenn überhaupt.

Hat sich Dubai verzockt?

Dubailand bekommt die Krise schon zu spüren. "The Fun is Building!" verkünden überlebensgroße Plakate vor dem Gelände, auf dem einmal der größte Vergnügungspark der Erde stehen soll. Mehr als 30 Mrd. $ wollen Investoren hier verbauen, sie planten eine 1,7 Kilometer lange Kopie der Chinesischen Mauer, ein künstliches Venedig, eine Skihalle, durch deren durchsichtige Kuppel man im Kunstschnee die arabische Wüste bewundern kann. Doch das Herzstück wird erst mal nicht in den Sand gesetzt: Der Bau des monströsen Asia-Asia Hotels mit 6500 Zimmern werde sich wegen der Krise um mindestens zwölf Monate verzögern, heißt es aus den Reihen des Betreibers Bawadi. "Viele Projekte, bei denen der Grundstein noch nicht gelegt wurde, werden für immer in der Schublade verschwinden", erwartet Ökonom Woertz.

Hat sich Dubai verzockt? Noch ist das große Desaster ausgeblieben. Noch ist der überhitzte Immobilienmarkt nicht zusammengebrochen. Aber er dreht sich gerade. Jahrelang gingen die Preise nur nach oben - so steil, dass sich selbst gut bezahlte Expatriates aus dem Westen kaum noch eine Wohnung leisten konnten. Nun tauchen plötzlich in den Zeitungen Inserate auf, die Apartments und Häuser in Toplagen mit Rabatten von 10 oder 20 Prozent feilbieten. Trotzdem rufen kaum noch Interessenten bei den Immobilienbüros an.

Lesen Sie auf Seite 3: Fragwürdige Finanzkonstrukte

"Es ist, als würden die Käufer streiken", erzählt Halima. Seit zwei Jahren lebt die junge Maklerin aus Ägypten in Dubai. Sie hatte einmal einen Traum: Reich zu werden - reich genug, um selbst in Dubai ein Apartment zu kaufen und es an Expatriates zu vermieten. Heute glaubt sie nicht mehr an diese Stadt. Sie will zurück nach Hause; vor ein paar Tagen hat ihre Agentur sie entlassen. "Einen Immobilienmakler braucht hier niemand mehr", sagt Halima mit bemüht fester Stimme. "Das Geschäft ist tot."

Besonders gefährdet ist das Segment der Off Plan Properties: Immobilien, die noch nicht existieren, ja für deren Bau meist noch nicht eine Schaufel Sand bewegt wurde.

Entsprechend spekulativ sind die Finanzierungskonstrukte wie etwa das in Dubai beliebte Flipping. "Das funktionierte nach einer Art Kettenbriefprinzip", sagt Woertz. "Viele Leute haben nur eine Anzahlung von fünf oder zehn Prozent vor Baubeginn geleistet und dann ihren Anteil weiterverkauft." Solange man einen Abnehmer fand, rentierte sich das Modell. Jetzt aber bleiben die Anschlusskäufer aus. Anbieter von Off-Property-Geschäften bieten schon Gratisurlaub auf den Malediven als Dreingabe. "So mancher Anleger hat jetzt Anteile an einem Loch in der Erde", sagt Woertz. "Die Gefahr ist groß, dass in kurzer Zeit viele Leute zahlungsunfähig werden." Die britische Bank Lloyds TSB vergibt bereits keine Hypotheken mehr für Appartements.

"Die große Herausforderung ist nun, den Markt in der Balance zu halten", sagt DIFC-Chef Al-Shaali. Das gelingt nur, wenn die Anleger wieder Vertrauen in Dubai fassen. Die nationale Regierung hat dies erkannt. Kurz nach Ausbruch der Krise gaben die Vereinigten Arabischen Emirate als erster Golfstaat eine Staatsgarantie für alle Bankkonten. Später folgten Kapitalspritzen für die lokalen Banken in Höhe von mehr als 30 Milliarden Dollar.

Retter in der Not Abu Dhabi

Sollte es hart auf hart kommen, bleibt Dubai ein Retter in der Not: Abu Dhabi. Der achtgrößte Ölproduzent der Welt strotzt trotz des Preisrutsches vor Stärke, allein sein Staatsfonds ADIA soll 875 Milliarden Dollar besitzen. Die Herrscherfamilie Al Nahjan hat kein Interesse daran, Dubai bankrottgehen zu lassen und den Zusammenhalt der VAE zu gefährden. "Abu Dhabi ist der weiße Ritter im Hintergrund. Die werden Dubai notfalls raushauen", sagt Woertz. "Aber sie werden dabei eine gewisse Schadenfreude empfinden. Und Dubai wird sich künftig reinreden lassen müssen." Es wäre eine Demütigung für die stolzen Al Maktums.

Um ihnen diesen Gesichtsverlust zu ersparen, wird Abu Dhabi die Petromilliarden wohl in aller Stille rüberschieben. Sie muss weitergehen, die große bunte Dubai-Show, und auch Nakheel ist mit dabei. Der Krisenkonzern hat gerade einen neuen Knüller angekündigt: den ersten 1000 Meter hohen Wolkenkratzer der Menschheitsgeschichte.

Um die Finanzierung muss sich Nakheel vorerst nicht sorgen. Die Bauarbeiten sollen frühestens in drei Jahren beginnen.

FTD

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