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Flugreisen: Bye-bye Papierticket

Seit den Anfangstagen der Fliegerei gibt es Flugscheine aus Papier. Jetzt ist Schluss damit. Ab dem 1. Juni wird weltweit nur noch mit elektronischen Tickets gereist.

Von Andreas Spaeth

Flug KQ 641 von der Insel Lamu vor der Küste Kenias nach Nairobi erfordert besondere Vorbereitungen. Das Terminal auf der kleinen Nachbarinsel Manda besteht nur aus einer strohgedeckten Hütte. Strom für Computer oder Landebahnbeleuchtung gibt es hier nicht: Die fünf wöchentlichen Flüge in die kenianische Hauptstadt finden bei hellem Tageslicht statt. Der 1. Juni 2008 hätte eine echte Herausforderung für die Anbindung der Insel an den Luftverkehr sein können. Denn ab jenem Stichtag gibt es im weltweiten Flugverkehr bis auf wenige Ausnahmen keine Flugscheine mehr aus Papier, sondern nur noch elektronische Tickets.

Ein kleiner Flughafen ohne Strom und Computer ist auf den ersten Blick kein Platz für elektronische Tickets. Doch auch hier fand sich eine Lösung. Seit 2004 hat die IATA, die Organisation aller Liniengesellschaften, die Abschaffung der gedruckten Flugscheinhefte vorangetrieben, um damit der Branche Kosteneinsparungen von insgesamt drei Milliarden US-Dollar im Jahr zu ermöglichen. Eigentlich sollte schon Ende 2007 Schluss mit physischen Tickets sein, doch Probleme bei der Umstellung in Russland, den GUS-Staaten und in Afrika führten zu einer Verschiebung auf Ende Mai 2008.

Die IATA führt seither die kenianische Insel Lamu als Paradebeispiel für die Umstellung auch in Gegenden der Welt an, denen eigentlich die entsprechende Infrastruktur fehlt. "Wir können damit den Mythos zerstören dass E-Tickets nur auf vollautomatisierten Flughäfen funktionieren", sagt IATA-Projektleiter Brian Wilson. Das Verfahren in Lamu ist höchst pragmatisch: Im Büro von Kenya Airways auf der Hauptinsel wird die Passagierliste mit allen Buchungen kurz vor dem Flug ausgedruckt, dann nimmt ein Airline-Mitarbeiter sie per Boot mit zum Flugplatz und hakt dort per Hand die eincheckenden Passagiere ab, die sich mit ihrem Ausweis identifizieren. Ähnlich funktioniert das Verfahren auf einigen kleineren griechischen Inseln, die ebenfalls nicht online am Buchungscomputer der Inlandsgesellschaft Olympic hängen.

Begehrt wie Bargeld

Die Herstellung, Verteilung, Verwaltung und Nachbearbeitung von Flugscheinen und Flugcoupons aus Papier ist über die Jahre zu einem extrem teuren Apparat herangewachsen. Zehn Dollar kostete ein Ticket und die damit verbundenen Vorgänge einer Fluggesellschaft, während ein elektronischer Flugschein gerade mal mit einem Dollar zu Buche schlägt. 2004 waren weltweit nur 18 Prozent aller getätigten Buchungen E-Tickets. Aber schon Ende März 2008 betrug ihr Anteil bereits 94 Prozent. Am 1. Juni sollen es 100 Prozent sein. Dafür wurden vor vier Jahren noch 336 Millionen Flugscheinhefte ausgestellt, die neben den Flugcoupons auch noch vier Seiten Kleingedrucktes zu Haftung und Beförderungsbedingungen enthielten.

Mit steigenden Passagierzahlen wuchs auch die Menge der nötigen Formulare: 2000 waren es noch 285 Millionen Papiertickets gewesen, von denen jedes ähnlich kompliziert hergestellt und fälschungssicher wie ein Geldschein war. Jedes Ticket wies eine dreizehnstellige Seriennummer auf, jeder Flugcoupon noch mal eine eigenständige 14. Ziffer. Auch die Verteilung an 53.000 Agenten musste ebenso unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden wie die Lagerung der Formulare in den Reisebüros. Allein das kostete damals 20 Millionen Dollar, nur für das Jahr 2000.

Vertrag zum Anfassen

Bereits seit den zwanziger Jahren gab es Vorläufer der späteren Flugtickets. Der Grund war damals wie heute die Notwendigkeit eines schriftlichen Beförderungsvertrags, nichts anderes ist ein Flugschein. Vor allem aus Haftungs- und Abrechnungsgründen war das Dokument unerlässlich - und dabei ein vollkommener Anachronismus. Ein Stück Papier musste aufwändig hergestellt und verarbeitet werden, damit es der Passagier am Flughafen gegen ein anderes Stück Papier, die Bordkarte, eintauschen konnte, während das abgegebene Papier wiederum höchst kompliziert weiter verarbeitet wurde.

Hunderte von Lufthansa-Mitarbeitern waren in der Abteilung Verkehrsabrechnung in Norderstedt bei Hamburg mit der Bearbeitung und Mikroverfilmung abgeflogener Flugcoupons beschäftigt, während Swissair dies bereits seit 1990 im indischen Bombay erledigen ließ und damit viel Geld sparte, obwohl dafür tonnenweise Papier ins heutige Mumbai geflogen wurde. Die entscheidende Rolle aber spielte die IATA. Als zentrale Verrechnungsinstanz sorgte sie dafür, dass bei Passagieren, die auf einer Reise mehrere Fluggesellschaften nutzten, jede Airline den ihr zustehenden Anteil am Flugpreis erhielt.

Einfacher, schneller, komfortabler mit Etix

Die neuen elektronischen Tickets, auch E-Tickets oder kurz Etix genannt, bieten Passagieren viele Vorteile. Nach anfänglicher Skepsis haben die meisten Fluggäste heute kein mulmiges Gefühl mehr, wenn sie nur mit ihrem Ausweis und einem Ausdruck ihrer Buchung am Check-in-Schalter erscheinen. Vor allem können elektronische Buchungen nicht verloren gehen oder gestohlen und missbraucht werden, wie es bei Papiertickets häufig vorkam. Als Pioniere der E-Tickets gelten die amerikanischen Billigflieger Southwest Airlines und ValuJet, die bereits seit 1993 ohne Papierdokumente arbeiteten, während der größte europäische Billigflieger Ryanair noch bis in die zweite Hälfte der neunziger Jahre ausschließlich mit Papier arbeitete. Die Lufthansa hat bereits seit Ende 2007 vollständig auf elektronische Flugscheine umgestellt.

Aber auch künftig wird es parallel noch Papiertickets geben. "Jede Airline kann, wenn sie will, eigene Tickets drucken und nutzen, aber sie kann damit nicht mit anderen Gesellschaften kooperieren oder abrechnen", erklärt IATA-Sprecher Steve Lott. Einige außereuropäische Regionallinien haben bereits erklärt, dass ihnen die Umstellung auf E-Tickets zu teuer sei und sie daher künftig auf sich allein gestellt weiter mit Papier arbeiten werden. Unterdessen geht die Lufthansa bereits einen Schritt weiter - seit Ende April gibt es die elektronische Bordkarte, die direkt als 2-D-Barcode auf das Handy gesendet und am Gate von einem Scanner eingelesen wird. Dann kann die gesamte Flugreise ohne Dokumente aus Papier stattfinden.

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