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Hindu-Fest: Heilige Haken durch die Haut

Zum hinduistischen Thaipusam-Fest lassen sich Männer in Singapur Stäbe ins Fleisch bohren und Haken durch die Haut stechen. Daran tragen sie prächtig geschmückte Gestelle aus Metall durch die Stadt. Als Zeichen der Dankbarkeit.

Von Heike Sonnberger

Viknesh Sathivail spuckt Blut. Erschöpft schwankt er gegen die Schulter seines Onkels. Der stopft dem Jungen eine Limone in den Mund und schmiert ihm heilige Asche auf die Wunden an Rücken, Bauch und Armen. Feine, weiße Asche aus Kuhdung und Kräutern. Zum Desinfizieren. Seine Mutter Santa lächelt erleichtert, ihre Augen strahlen. "Ich bin so stolz auf ihn", flüstert die Frau im aprikosenfarbenen Sari.

Viknesh ist Singapurianer und hat gerade den Pilgermarsch hinter sich, den Hindus dort jedes Jahr zum Thaipusam-Fest auf sich nehmen. Im Monat Thai des hinduistischen Kalenders, wenn der Stern Pusam am Himmel steht und Vollmond ist, tanzen sich die Männer am Tempel Sri Srinivasa Perumal in Singapur in Trance. Dann lassen sie sich Wangen und Zungen durchbohren, Häkchen in die Haut graben und Metallstangen in Rücken und Brust spießen. An den Stangen sind die sogenannten "Kavadi" befestigt, riesige Gestelle aus Metall, die mit Federn, Blumen und Götterbildern geschmückt sind.

Auf Vikneshs Kavadi wippen Straußenfedern und Blumen, auf der Spitze thront eine Figur des Elefantengotts Ganesha. An den nackten Armen des 22-Jährigen baumeln Ornamente an winzigen Haken. "Man muss wissen, wo man einsticht, dann blutet es nicht", sagt der 31-jährige Siva, der seit zehn Jahren zu Thaipusam Männern Speere ins Fleisch sticht. Die Wunden bluten tatsächlich kaum, zurück bleiben keine Narben, heißt es.

Ein Stab, durch Zunge und Wangen gebohrt

Viknesh kann nicht sprechen. Ein Fächer aus silbernen Blütenblättern ist an einem Stab durch Zunge und Wangen gebohrt. Stumm, barfuß und fast nackt steht er morgens um sieben im Hinterhof des Tempels und wartet darauf, dass es losgeht. Er ist mit seiner Familie den ganzen Weg aus ihrer Wahlheimat Brisbane angereist, um Thaipusam zu feiern. Einen Monat hat er vorher gefastet - nichts als Reis, Gemüse und Gebete. Es ist sein erstes Mal. Seine Mutter hält sich vor Sorge und Aufregung die Hand vor den Mund. Doch Viknesh, der schaffe das schon. "Er ist so entschlossen."

Der Sohn tut es für seinen Vater. Dem wurde vor einem Jahr ein Gehirntumor herausoperiert. Wenn du ihn gesund machst, versprach Viknesh damals Murugan, dem Gott der Wünsche, werde ich den Kavadi tragen. Thaipusam ist ein Fest der Danksagung. Aus Dankbarkeit für erfüllte Wünsche lassen sich jedes Jahr tausende Männer in Singapur und Malaysia die Haut durchstechen. In Indien ist das inzwischen verboten.

Endlich darf Viknesh losmarschieren. Seine Familie reiht sich in den Zug aus Menschen ein, der sich bis zum Abend drei Kilometer durch die Stadt zum Tempel Sri Thandayuthapani wälzt. Bedächtig, leicht schwankend steigt der angehende Elektriker über die Steinschwelle des Perumal-Tempels, kniet in seinem gigantischen Korsett aus Stäben nieder und schreitet in die aufgehende Tropensonne hinaus.

Zug der Qualen durch die Stadt

Zwei Stunden wird er durch die Stadt laufen, vorbei an Menschentrauben, die sich an das Gitter der Absperrung drücken, an Polizisten in gelben Westen und hupenden, stinkenden Autos. Vorbei an Ständen, die Süßigkeiten austeilen, die Viknesh nicht essen kann.

Der Rücken des Mannes vor ihm ist über und über mit Limonen behängt, die sich an Haken in die Haut krallen. Frauen mit silbernen Milchkrügen auf den Köpfen drängeln sich vorbei. Milch von der heiligen Kuh ist die wichtigste Opfergabe an Murugan. Auch an Vikneshs Kavadi sind zwei Töpfchen festgebunden. Wenn er niederkniet, tropft Milch auf seine verschwitzten Schultern und Beine.

Gruppen von Musikern ziehen von Pilger zu Pilger, schlagen auf Trommeln und rufen inbrünstig Namen von Göttern. Rhythmisches Geplärre, das den Schmerz und die Müdigkeit betäuben soll. Die Luft vibriert vom Lärm. Es riecht nach saurem Schweiß und Räucherstäbchen.

Der Tross kommt zu einem kleinen Tempel auf dem Weg. Viknesh beginnt mit hüpfenden Schritten auf der Stelle zu tanzen, die Quasten und Federn über seinem Kopf wippen wild auf und ab. Sein Onkel zerschlägt eine Kokosnuss auf dem Boden - ihr makellos weißes Innere eine weitere Gabe an Murugan. Frauen gießen Viknesh gelbes Jasminwasser über die Füße. Es reinigt ihn und kühlt den heißen Asphalt. Thaipusam ist ein Fest der Dankbarkeit, aber auch ein Reinigungsritual für die Pilger.

Sein Onkel redet Viknesh gut zu und sammelt die Speere auf, die sich beim Tanzen aus dem Korsett lösen. Seine Oma hebt die Quasten und Schrauben auf, die auf dem Weg herunterfallen. Seine Tante trägt einen Teller mit heiliger Asche. Seine Mutter klammert sich an den Arm des Vaters, der manchmal die Hand seines Sohns ergreift.

Vater Sathivail hat vor zwanzig Jahren selbst einen Kavadi getragen. Er hat gefühlt, wie schwer er ist. Zwischen 3o und 80 Kilo. Doch für die Götter erträgt er alles. Die Familie ist auch nach zwanzig Jahren in Australien noch tief religiös. Für eines der prächtigen Gestelle haben sie mehrere tausend Euro gezahlt. Oft teilen sich Familien einen Kavadi, benutzen aber ihre eigenen Stäbe, um sich nicht gegenseitig etwa mit Aids anzustecken.

Vikneshs Brust bebt vor Erschöpfung, als die Familie am Thandayuthapani-Tempel ankommt. Sein Onkel beugt seinen Kopf zurück und flößt ihm ein paar Tropfen Wasser ein. Schüttet ihm Wasser über das Haar. Der Punkt Farbe auf Vikneshs Stirn ist längst in einem roten Rinnsal seine Nase hinabgelaufen.

Kampf gegen die Erschöpfung

Jetzt beginnt der schwerste Teil. Eine ganze Stunde wird er warten müssen, bis er an der Reihe ist, im Tempel vor den Priestern zu tanzen. "Laufen kann man stundenlang, aber wenn man stehen bleibt, spürt man plötzlich das Gewicht. Es ist das Gleiche, wenn man einen Milchkrug trägt", sagt Familienfreundin Padmini.

Vor Viknesh verdreht ein Pilger die Augen und schwankt zur Seite. Freunde klopfen ihm auf die Schultern, Musiker eilen herbei und rufen ihm beschwörend Götternamen ins Ohr. Der Mann beginnt, auf der Stelle zu tanzen. Gegen die aufkommende Erschöpfung.

Am Eingang des Tempels steigt gerade ein Thaipusam-Veteran auf seine Nagelschuhe. Die trägt er nicht den ganzen Weg, sondern nur in den beiden Tempeln. Sonst würde er alle anderen aufhalten.

Ein Gefühl, als könne er fliegen

Viknesh schreitet die Stufen zum Tempel hinauf und kniet hinter der Schwelle nieder, diesmal kommt er kaum wieder hoch. Er tanzt in einem letzten Kraftakt vor den Priestern in der schummrigen Tempelhalle, dreht und dreht sich wild im Kreis. Seine Familie opfert einen Teil der Milch dem Gott Murugan. Den Rest trinken sie selbst.

Vor dem Tempel lösen Onkel und Freunde den Kavadi von Vikneshs Schultern. "Jetzt fühlt er sich, als könne er fliegen", sagt sein Vater. Doch Viknesh fliegt nicht. Er sinkt erschöpft in die Arme seines Onkels. In einer Woche geht es zurück nach Australien.

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