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Höhlen in Usbekistan Abstieg in den Mount Everest der Tiefe

Dark Star
Mark Synnott, Autor dieser Reportage, erklimmt eine Felswand im usbekischen Baisuntau-Gebirge. Im Innern dieses Kalksteinmassivs schlummert die Dark Star, eine ver­schlungene Höhlenwelt, deren Aus­dehnung noch niemand genau kennt.
© Robbie Shone
In Usbekistan wagen sich Höhlenforscher tief in ein unterirdisches Labyrinth. Es könnte so weit ins Erdinnere führen wie keine andere Höhle der Welt. Ein wahrhaft atemraubendes Abenteuer.
Von Mark Synnott

Larissa Posdnjakowa spricht mit starkem russischem Akzent. Ihre Worte erreichen mich aus einer scheinbar unendlichen schwarzen Leere. In einem Höhlensystem anderthalb Kilometer tief in der Erde will ich mich auf keinen Fall verlaufen. Wir sind in der Dark Star, einer Unterwelt aus Fels und Eis. Und Larissa führt mich immer tiefer hinein.

Skyslide

Im Licht unserer Stirnlampen erkennen wir einen der unterirdischen Seen, von denen es in der Dark Star viele gibt. Larissa klinkt sich mit ihrem Klettergurt an einem Seil ein. Es hängt an einem Felshaken über uns und führt über den See, ins Dunkel. Eine Art Seilbahn, mit der die Höhlenforscher das eisige Wasser überqueren. Larissa macht einen Schritt ins Leere. Dann verschwindet sie aus meinem Blickfeld.

Erst 1984 wurde Höhlensystem entdeckt

In diese prekäre Lage bin ich geraten, weil ich mich einer Expedition in das gewaltige Kalksteinhöhlensystem des entlegenen Baisuntau-Gebirges in Usbekistan angeschlossen habe. 1984 entdeckten Russen einen Eingang zur Höhle, doch Briten begannen 1990 als Erste mit der Erkundung.

Larissa soll mich, zwei Kilometer weit in den Berg zum Gothic Lager führen, einer Kammer, deren Wände wie Spitzbögen einer gotischen Kirche geformt sind. Dort werde ich zwei Nächte verbringen

Dark Star
Eiskristalle funkeln an der Decke und den Wänden der Vollmondhalle. Mit 250 Metern ist sie die längste bisher bekannte Kammer in der Dark Star.
© Robbie Shone

Bis hierher habe ich alle Bewährungsproben mit Können und Humor bestanden. Aber jetzt ist mir nicht mehr zum Lachen zumute. Im Schein meiner Stirnlampe erkenne ich zwei Gänge, die aus der Kammer hinausführen. "Larissa!", rufe ich. Meine Stimme hallt von den Wänden der winzigen Kammer wider. Keine Reaktion.

Der Gang führt mich zu einem glänzenden Felsvorsprung aus Tropfstein, Larissa sitzt darauf. Wir gehen weiter und erreichen eine Stelle, an der drei Gänge zusammentreffen. Zwei bunte, hell erleuchtete Zelte stehen auf einem großen Haufen aus Felsbrocken. Es ist das Gothic-Lager. Der Lichtschein einer Stirnlampe hüpft in unsere Richtung, und wir hören Schenja Zurichins dröhnende Stimme: "Willkommen in der Gotischen Kammer!" Schenja ist der Teamveteran.

Die Zeit wird knapp in der Tiefe

Meine Erste Nacht tief im Bauch der Erde verbringe ich in einem kleinen Zelt mit zwei anderen Höhlenforschern. Als drei Israelis aus dem Team eintreffen, wache ich auf von dem Lärm, den sie machen. Der junge Geologe Boaz Langford glaubt, dass sie die undurchlässige Felsschicht unter dem Kalkstein erreicht haben. Er möchte gleich wieder aufbrechen. "Wir wollen die Roten Seen erkunden. Komm doch mit!"

Dark Star
In dem Höhlensystem herrschen Temperaturen zwischen minus einem und plus drei Grad. Schon kleine Schwankungen haben eine große Wirkung auf die Umgebung: Je weiter die Forscher hinabsteigen, desto weniger Eis liegt auf dem Fels.
© Robbie Shone

Schnell gibt er ein paar Anweisungen und zieht los. Eine halbe Stunde später bin ich wieder allein im Dunkeln und stehe erneut an einer Weggabelung. Ich sehe zwei Seile. Eins läuft durch eine breite Spalte im Boden senkrecht nach unten, das andere führt nach oben, überquert einen Abgrund und verschwindet in etwa sechs Meter Höhe in einem Loch. Ich kann nicht erkennen, ob es eine Grube ist oder ein See. Ich wähle die Spalte im Boden und seile mich an den Wänden aus orangefarbenen, einander überlappenden Tropfsteinen zur nächsten Kreuzung aus drei Gängen hinab.

Ich nehme das kleinste Übel, eine Röhre. Ich wate durch das Wasser, das in dem Schacht steht. Plötzlich höre ich das Geräusch von Höhlenanzügen, die über Fels schaben. Die Israelis! Sie haben eine kleine Öffnung entdeckt, die noch weiter in die unbekannten Tiefen der Dark Star führt. Die Zeit wird knapp für unsere Gruppe.

Die Begeisterung der Männer ist ansteckend

Das Team hat die Höhle verlassen aber Schenja besteht auf einen letzten Versuch, einen großen Wasserfall zu ersteigen und vielleicht eine neue Passage zu entdecken. Drei Tage später kehrt er ins Basislager zurück. Begeistert berichtet er, dass er einen Wasserfall bezwungen hat. Nachdem er sich stundenlang durch einen schmalen, verschlungenen Gang gequält hatte, kam er zu einer 23 Zentimeter schmalen Spalte. Schenja quetschte seinen Kopf in die Spalte. Nach einer halben Stunde, in der er sich Zentimeter um Zentimeter vorwärtsmühte, erreichte er schließlich eine breite Passage.

Dark Star
Mark Synnott steht auf glitschigem Fels. Er weiß, dass ein Sturz ins eiskalte Wasser fatal wäre. Er könnte ertrinken oder müsste, bei einer ernsthaften Verletzung, die Expedition abbrechen.
© Robbie Shone

War das der Gang, den er seit über 20 Jahren gesucht hatte? Der die Dark Star zum Mount Everest der Tiefe krönen würde, zur tiefsten aller Höhlen? Schenja will unbedingt herausfinden, wohin die Passage führt. Vorerst aber sind die Vorräte aufgebraucht, die Expedition endet hier. Die Begeisterung der Männer ist ansteckend. Höhlenerkundungen sollten so enden: mit der Entdeckung eines geheimnisvollen Ganges, der sich ins Unbekannte schlängelt – und mit der Aussicht auf ein neues Abenteuer, das tief im Erdinnern wartet. 

Gekürzte Fassung aus dem Englischen von Sabine Schmidt, erschienen in "National Geographic", Ausgabe 03/ 2017


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