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Südkorea Mehr als 150 Tote und viele Verletzte bei Massenpanik in Seoul – Staatstrauer angeordnet

Die Polizei hat am Morgen nach der Katastrophe den Ort des Unglücks in Seoul abgesperrt
Die Polizei hat am Morgen nach der Katastrophe den Ort des Unglücks in Seoul abgesperrt
© Chung Sung-Jun / Getty Images
In einem Ausgehviertel der südkoreanischen Hauptstadt Seoul münden Feiern in eine der größten Tragödien in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Zahl an Toten könnte möglicherweise noch weiter steigen. Auch Ausländer sind unter den Opfern.

Die Halloween-Feiern in einem beliebten Ausgehviertel der südkoreanischen Millionenmetropole Seoul sind in einer beispiellosen Katastrophe gemündet. Bei einem Massengedränge kamen Samstagnacht (Ortszeit) mindestens 151 vorwiegend junge Menschen ums Leben, wie die Feuerwehr mitteilte. Weitere 82 Besucher seien verletzt worden, mehr als ein Dutzend von ihnen schwer. Die Zahl der Todesopfer könne weiter steigen. Präsident Yoon Suk Yeol ordnete am Sonntagmorgen eine gründliche Untersuchung sowie eine Staatstrauer an.

Unter den Todesopfern der Massenpanik in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul sind nach Angaben der Feuerwehr auch 19 Ausländer. Die Zeitung "Korean Herald" berichtet unter Berufung auf Behörden, dass Opfer aus China, Russland, dem Iran, Usbekistan und Norwegen stammten. Das norwegische Außenministerium bestätigte am Sonntagmorgen, dass ein Norweger unter den Toten ist.

Das Auswärtige Amt (AA) in Berlin konnte in der Nacht zu Sonntag noch keine Auskunft dazu geben, ob auch Deutsche bei dem Unglück ums Leben kamen. Es sei zu früh, es zu sagen, sagte ein AA-Sprecher der AFP. Die Botschaft stehe in engem Kontakt zu den Behörden.

Menschen stauten sich in enger Gasse

Das Massenunglück ereignete sich Augenzeugenberichten zufolge, als es am Vorabend von Halloween in einer engen, leicht absteigenden Gasse in dem viel besuchten Viertel Itaewon zu einem extremen Gedränge kam. Für die Besucher wurde demnach das nicht einmal 100 Meter lange Gässchen, an dem sich zu beiden Seiten Bars und Restaurants reihen, zur Falle: Zahlreiche Besucher seien zu Boden gestürzt, während andere nachgerückt seien. Hinten hätten sich die Mengen gestaut.

Viele der Opfer seien erstickt, erdrückt oder niedergetrampelt worden. "Da es viele Menschen auf dem Hügel gab, drückten Menschen die anderen von oben", zitierte der öffentlich-rechtliche Sender KBS einen Zeugen. Sie alle seien wegen der Last gestürzt und dabei erdrückt worden. 

Hunderte Rettungskräfte waren im Einsatz
Hunderte Rettungskräfte waren im Einsatz
© JUNG YEON-JE / AFP

"Es gab so viele Menschen, die herumgeschubst wurden, und ich wurde in der Menge eingeklemmt und konnte zuerst auch nicht heraus", sagte der 30-jährige Jeon Ga-eul der Nachrichtenagentur AFP. Er habe das Gefühl gehabt, dass früher oder später ein Unfall passieren würde.

Rettungskräfte konnten nur schwer zu Opfern gelangen

Die genauen Umstände des Desasters sind noch unklar, die Polizei teilte mit, es werde auch überprüft, ob Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften vorlägen. Die ersten Berichte über das Unglück gingen den Berichten zufolge um etwa 22.15 Uhr Ortszeit bei Feuerwehr und Polizei ein. Zunächst hatte die Feuerwehr von Dutzenden Menschen mit Herzstillstand gesprochen. Nach Angaben der Feuerwehr waren mehr als 140 Rettungswagen vor Ort. Polizisten sperrten den Unglücksort in dem beliebten Ausgehviertel ab.

Augenzeugenberichten zufolge waren die Gassen rund um das Unglücksareal derart voll, dass sich die Rettungskräfte nur schwer ihren Weg durch die Menschenmassen bahnen und zu den Opfern vordringen konnten.

Online-Videos, die in sozialen Medien kursierten, zeigten Dutzende Personen, die am Straßenrand liegend mit blauen Plastikplanen bedeckt waren. Andere Videos zeigten, wie Ersthelfer und Rettungskräfte bei mehreren Opfern Herzdruckmassagen anwendeten. Insgesamt hätten die Einsatzkräfte versucht, mehr als 50 Menschen wiederzubeleben, berichtete die nationale Nachrichtenagentur Yonhap. Demnach waren mehr als 140 Rettungsfahrzeuge im Einsatz. Das Gebiet wurde weitläufig abgesperrt. Die Leichname wurden in den Morgenstunden in eine Sporthalle transportiert, wo sie von Angehörigen identifiziert werden sollten.

Halloween-Feiern in Seoul erstmals ohne Corona-Beschränkungen

In einem Interview mit dem Lokalsender YTN beschrieb ein Arzt chaotische Szenen von der Tragödie. "Als ich zum ersten Mal Wiederbelebungsmaßnahmen versuchte, lagen zwei Opfer auf dem Bürgersteig. Aber kurz darauf explodierte die Anzahl und übertraf die Anzahl der Ersthelfer vor Ort."

Südkorea: Mehr als 150 Tote und viele Verletzte bei Massenpanik in Seoul – Staatstrauer angeordnet

Es sei schwer, die Geschehnisse in Worte zu fassen. "Die Gesichter so vieler Opfer waren blass. Ich konnte ihren Puls oder Atmung nicht fühlen und viele von ihnen hatten blutige Nasen. Als ich versuchte, sie wiederzubeleben, pumpte ich auch Blut aus ihrem Mund."

Das alljährliche Halloween-Fest ist eine der größten öffentlichen Feiern in der Hauptstadt. Dieses Jahr fanden die Veranstaltungen statt, nachdem die Corona-Maßnahmen weitgehend gelockert wurden. Zehntausende Menschen zog es laut den Berichten ins Itaewon-Viertel, viele von ihnen in Halloween-Kostümen verkleidet.

Präsident verspricht Untersuchung

"In Itaewon ist es jedes Jahr extrem voll, aber dieses Jahr war es einfach nur verrückt", schrieb eine Frau auf ihrem Instagram-Account. Den Berichten zufolge machten Gerüchte die Runde, dass ein prominenter YouTuber auf dem Weg zu einem Club in der betroffenen Straße oder dort schon angekommen sei. Das habe noch einmal sehr viele Menschen angezogen.

Präsident Yoon Suk-yeol versprach, den Vorfall "gründlich zu untersuchen" und sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiere. In einer im Fernsehen übertragenen Ansprache an die Nation sagte er am Sonntag: "Im Zentrum von Seoul ist eine Tragödie und Katastrophe geschehen, die nicht hätte passieren dürfen." Am Morgen besuchte Yoon Suk-yeol den Ort des Geschehens.

Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol (Mitte) besucht den Ort des Unglücks
Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol (Mitte) besucht den Ort des Unglücks
© Yonhap / AFP

Als Präsident, der für das Leben und die Sicherheit der Bürger verantwortlich sei, fühle er tiefe Trauer. Die Phase, bis der Vorfall unter Kontrolle sei, werde die Regierung zur nationalen Trauerperiode erklären.

Olaf Scholz reagiert auf Tragödie in Südkorea

Yoon leitete in der Nacht zum Sonntag eine Notfallsitzung. Zuvor ordnete er an, weiteres Notfallpersonal in das Areal zu entsenden und Krankenhausbetten vorzubereiten. Seouls Bürgermeister Oh Se Hoon sagte den Berichten zufolge während eines Besuchs in Europa sämtliche Termine ab und war auf dem Weg zurück in die Hauptstadt. Die Stadt richtete eine Leitung für Vermisstenmeldungen ein.

Auch im Ausland löste die Tragödie Entsetzen aus. Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte den Hinterbliebenen und Opfern sein Mitgefühl. "Die tragischen Ereignisse in Seoul erschüttern uns zutiefst", teilte der SPD-Politiker auf Twitter mit. "Unsere Gedanken sind bei den vielen Opfern und ihren Angehörigen. Das ist ein trauriger Tag für Südkorea. Deutschland steht an ihrer Seite."

Er und seine Frau Jill trauerten mit den Menschen in Südkorea, hieß es in einer Erklärung von US-Präsident Joe Biden. "Die Allianz zwischen unseren Ländern war niemals pulsierender und lebendiger - und die Beziehungen zwischen unseren Bürger so stark wie nie."

rw DPA AFP

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