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Ernst-Thälmann-Insel: Die Karibikinsel des Arbeiterführers

Als Fidel Castro 1972 die DDR besuchte, überbrachte er als Gastgeschenk eine Kubakarte mit der frisch eingezeichneten Ernst-Thälmann-Insel. Hier eine Ortsbegehung der menschenleeren Karibikinsel.

Von Kai Müller

Der Beton-Thälmann am Boden: 1932 kandidierte er gegen Hitler und Hindenburg für das Amt des Reichspräsidenten

Der Beton-Thälmann am Boden: 1932 kandidierte er gegen Hitler und Hindenburg für das Amt des Reichspräsidenten

Drei Stunden dauert die Autofahrt von Havanna zur berühmten Schweinebucht an der Südküste Kubas, wo US-Präsident John F. Kennedy 1961 mit seiner Invasion scheiterte. Hier liegt inmitten eines Naturschutzgebietes der Ort Playa Larga, der Ausgangpunkt für die Exkursion zur Cayo Ernesto Thaelmann.

In dieser heutigen Hochburg der Ornithologen gibt es mehrere kommerzielle Bootsvermietungen. Aber einen Kapitän zu finden, der bereit ist, die unmittelbare Schnorchelzone in Richtung offenes Meer zu verlassen, scheint nahezu unmöglich. Wir brauchen eine Genehmigung der zuständigen Behörde, bekommen wir immer wieder zu hören. Unser Ziel sei militärisches Sperrgebiet, denn in der Nähe befinden sich mehrere Inseln, die in Regierungsbesitz sind.

Es folgen endlose Debatten und das Feilschen um den Fahrpreis. Erst nach der Vereinbarung einer Bootsmiete in Höhe eines durchschnittlichen kubanischen Dreimonatsgehaltes lösen sich die Bedenken in Luft auf. Die Reise mit Kapitän Drago in einem ausgedienten Fischerbötchen kann beginnen.

Vom Sockel gehauen

Mit einer Nussschale, die von einem Außenborder angetrieben wird, tuckern wir bei Sonnenschein durch das flache Wasser an Pelikanen und Flamingos vorbei. Nach zwei Stunden erreichen wir das schmale und unbewohnte Eiland von 15 Kilometern Länge. Die Insel besteht aus traumhaften Sandstränden, die komplett unbebaut sind. Niemand weit und breit, nur Mangrovenbewuchs. Neben Strandgut und angeschwemmten Müll ist die Betonbüste Ernst Thälmanns die einzige Spur, die Menschen hinterlassen haben. Doch das Denkmal des KPD-Führers steckt schräg im Sand.

Mit kubanischem Präsidentenerlass 3673/72 erhielten Insel und Strand ihre neuen Namen. Bei einem Berlin-Besuch 1972 hatte Fidel Castro dem SED-Chef Erich Honecker die Insel "Cayo Blanco del Sur" der DDR geschenkt und eine Karte mit dem neuen Namen "Cayo Ernesto Thaelmann" überreicht. Als Geste der Freundschaft wurde der Südstrand "Playa DDR" getauft. Doch als völkerrechtlich relevante Übertragung, Schenkung oder Überlassung hat die symbolische Umbenennung keine juristische Relevanz.

Noch im Sommer 1972 wurde die Betonbüste zur Ehren des KPD-Chefs aufgestellt. Doch das Denkmal wurde auf Sand gebaut. Vor Ort erfahren wir den wahren Grund, warum Insel und Statue nicht zugänglich sind: Sie fiel 1998 dem Wirbelsturm "Mitch" zum Opfer. Das Denkmal kippte um. Thälmann liegt seitdem am Strand. Keiner kümmert sich um ihn.

Doch die karibische Idylle trügt. Heftiger Wind kommt plötzlich auf. Ein Hagelsturm und Regen setzen ein. Kapitän Dragos Gesicht bekommt eine beängstigende Farbe - und die Parole "patria o muèrte" eine neue Bedeutung für ihn. Schnell wuchten wir das Boot zurück ins Meer, und ich begreife den Ernst der Lage. Wir haben weder Telefon, Funkgerät noch Kontakt zu anderen Booten. Auf dem Rückweg müssen wir jede Welle im rechten Winkel schneiden, um überhaupt noch durch das aufgepeitschte Meer vorwärts zu kommen. In der Mitte unseres betagten Bootes erkenne ich einen horizontalen Riss, der mit jedem Wasseraufschlag einen Zentimeter größer zu werden scheint.

Plötzlich macht es Peng

Das Boot stellte sich senkrecht, wirft uns heraus, schmiert zur Seite ab und liegt umgedreht auf dem Wasser. Kilometerweit von Zivilisation entfernt versuchen wir schwimmend den Kahn wieder umzudrehen. Irgendwann gelingt es uns, und wir klettern wieder an Bord. Wir bergen den Motor, trocknen ihn und beginnen mit der Reanimation des Antriebs. Unter Gluckern springt der alte Außenborder wieder an.

Jetzt verteilen wir uns auf Bug und Heck, um nicht erneut zu kentern und geben Gas. Nach einer gefühlten Ewigkeit und objektiven drei Stunden sind wir wieder am Festland. Wir ziehen in die nächste Bodega und bestellen "Cuba Libre" für alle.

Kuba: Thälmann unter karibischer Sonne
Die Cayo Ernesto Thaelmann liegt auf dem 81. Längen- und 23. Breitengrad in der Karibik vor der Südküste Kubas - im wolkenfreien Teil der Insel in der linken Bildhälfte

Die Cayo Ernesto Thaelmann liegt auf dem 81. Längen- und 23. Breitengrad in der Karibik vor der Südküste Kubas - im wolkenfreien Teil der Insel in der linken Bildhälfte


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