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Montevideo in Uruguay: Synonym für südamerikanische Sehnsucht

Ihren Namen singt man eher, als dass man ihn sagt. Filme und Schlager haben sich der Melodie bedient, Bilder von Tango, Hafen und Liebe beschworen. Aber wie ist die Hauptstadt Uruguays wirklich?

Hola Arana", ruft der Straßenkehrer in orangefarbener Kluft, und der kleinen Mann mit dem großen Herzen winkt über die Straße zurück. "Schön, dich zu sehen, Arana", rufen die jungen Frauen an der Ecke, und der kleine Mann bleibt für ein paar Minuten bei ihnen stehen. Dann nehmen ihn vier Bauarbeiter in die Mitte und machen ein Gruppenbild mit Gentleman.

"Ich bin glücklich, wenn ich durch die Altstadt gehe", sagt Mariano Arana, der 77-jährige Architekt und Ex-Bürgermeister von Montevideo. Hier wurde er geboren, und nie hat er Uruguays Hauptstadt verlassen. Deren Bewohner lieben ihn, den gepflegten Herrn mit dem grauen Schnurrbart und der goldenen Brille im feingeschnittenen Gesicht, denn er steckt sie an mit seinem Glück. Und so kommt Arana kaum voran auf dem Weg über kippliges Pflaster, durch Schlaglöcher, über die neuen hellen Steinplatten der Fußgängerzone. Ihm ist das ganz recht. Nur keine Eile. Nur nicht aufwachen aus diesem Traum.

Schon lange, bevor der Name Montevideo als exotischer Lockruf in Songs und Schlagern auftauchte, weckte er bei europäischen Auswanderern Hoffnungen und Sehnsüchte, wie Río, wie Kalifornien: Montevideo, das Tor zu einem besseren Leben. Vor allem Spanier und Italiener kamen seit Mitte des 19.Jahrhuinderts ins Land. "Wir stammen von den Schiffen ab", sagt Mariano Arana, Nachkomme spanischer Einwanderer. In der scheinbar endlosen, tellerflachen oder leicht gewellten Pampa pflanzten Neusiedler Palmen und Eukalyptusbäume, die ihren Rindern und Schaffen Schatten spendeten. Viele Viehzüchter wurden mit Fleisch und Wolle reich.

In Montevideo ließen Kaufleute Paläste und Stadtvillen bauen, ein protziges Theater, legten Parks an. Die reichen Bürger wateten am feinen Sandstrand des Río de la Plata und lästerten über die porteños, die Einwohner von Buenos Aires am Westufer, wo der Strand steinig war. Die Mittelschicht wohnte in schmucken, mit Stuck und Ornamenten verzierten Reihenhäusern hinter hohen, schmalen Fenstern. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Uruguay zum fortschrittlichsten land Südamerika, mit Acht-Stunden-Tag (1915), Frauenwahlrecht (1932), Bildung für alle und kostenloser Gesundheitsversorgung.

Goldene Zeiten, geronnen zu Stein

Mariano Arana stapft an den alten Gebäuden vorbei, durch die klare Luft, die vom meeresbreiten Río de la Plata heraufweht. "Schau, dieses Haus hier", sagt er, der studierte Architekt, "reinste Art déco, wie wundervoll." Daneben leuchtet ein Kolonialbau gelb in der Sonne. Doch wenige Schritte weiter verzieht Arana das Gesicht. "Dieser Betonklotz hier, und dahinten die Baulücke - schrecklich. Na ja, wir sind in dieser Stadt eben noch nicht ganz da, wo wir hinwollen."

Gestern und Heute, Aufstieg und Fall, sie liegen dicht beieinander in Montevideo. Auf die goldenen Zeiten in der ersten Jahrhunderthälfte folgten graue. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die Rindfleischpreise, und billige Kunstfaser ersetzte die Wolle. Seither hat Uruguay immer wieder mit einer schwächelnden Wirtschaft zu kämpfen. Mit nur 3,5 Millionen Einwohnern und gerade mal halb so groß wie Deutschland ist es ein Zwerg zwischen seinen mächtigen Nachbarn Brasilien und Argentinien. Und weil Uruguays Boden nur wenige Schätze birgt, stützt sich die Wirtschaft zwangsläufig auf den Export landwirtschaftlicher Produkte und den Tourismus – beides recht krisenanfällig.

Dafür aber hat Uruguay Montevideo. Mit knapp 1,5 Millionen Menschen eine übersichtliche Metropole, zudem eine grüne: 800.000 Bäume stehen in Parks und an Straßen. Sie liegt am Wasser, das bringt im Sommer erfrischende Kühle. Und noch immer sind trotz etlicher Neubauten Zeugnisse ihrer einstigen Pracht überall gegenwärtig. Viele davon in traurigem Zustand - der Renovierungsetat der Stadt ist viel zu klein -, aber immerhin sind die nicht ersetzt worden durch Bürokästen aus Beton.

Dass dies so bleiben wird, sieht Mariano Arana mit jeder geretteten alten Fassade bekräftigt. Er verschnauft auf einer Bank im Palmenschatten auf der Plaza Zabala. Vorn schimmert der Río de la Plata an Häusern rings um den Platz restaurieren Bauarbeiter Stuckornamente. "Wundervoll", sagt Mariano Arana. "Genau darum geht es. Wir werden wieder nach oben kommen, aber dabei muss der Charakter der Stadt erhalten bleiben, das Dörfliche - Montevideo ist eine Großstadt, in der man sich grüßt. Wir wollen nicht London sein oder Buenos Aires. Wir müssen unsere Geschichte respektieren."

Christian Swottek

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