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Eine Katastrophe und ihre Folgen: Leben und Sterben am Everest

Im April 2014 riss eine Lawine am höchsten Berg der Welt 16 Expeditionshelfer in den Tod. Nach dem Drama begehrten die Sherpas auf und legten die Geldmaschine Mount Everest lahm. Eine Rekonstruktion.

Von Chip Brown

Es war drei Uhr früh, und Nima Chhiring, ein 29 Jahre alter Sherpa, stapfte zur Arbeit. Unter ihm lag auf 5270 Metern das Basislager des Mount Everest. In der Dunkelheit über ihm flackerten die Stirnlampen von mehr als 200 Sherpas und anderen nepalesischen Helfern, die durch den Khumbu-Eisbruch stiegen.

Der Eisbruch ist eine Schlüsselstelle an der Südostroute des Everest und eine der gefährlichsten Passagen überhaupt für Bergsteiger im Himalaja. Viele von Nima Chhirings Kollegen waren an diesem 18. April noch früher als er in den Eisbruch gestiegen.

Nima Chhiring war seit einer Stunde unterwegs, als er das sogenannte Popcorn Field erreichte, auf dem sich die Eisbrocken häufen wie riesiges, verschüttetes Popcorn. Die Route ist steil, überall sind Leitern angebracht, um Spalten und Abbrüche zu überbrücken. Am Football Field, dem ebeneren Stück weiter oben, machen die Bergsteiger oft Rast. Gegen sechs Uhr gelangte er an eine zwölf Meter hohe Eiswand.

Kaum hatte er die Wand überwunden, eröffnete sich ihm ein Anblick, der ihn bestürzte: ein Stau. Am Ende des Plateaus musste man mit zwei verbundenen Leitern in eine Spalte hinabsteigen. Weil sich das Eis ständig bewegte, hatten sich die Verankerungen am unteren Ende gelockert. Nun drängten sich die Berghelfer am Einstieg.

Ein Ungetüm aus Eis

Ein Unheil kündigt sich in Nepal manchmal als hoher Pfeifton an, "kan runu" genannt oder weinendes Ohr. Nima Chhiring, der dreimal auf dem Gipfel des Everest gestanden hat, hatte sein Ohr schon einmal weinen gehört. Er wusste, dass er das nicht ignorieren durfte.

Die Nachricht von Nima Chhirings weinendem Ohr machte die Runde. Fünf andere Sherpas legten besorgt ihr Gepäck ab und machten sich an den Abstieg. Aber die meisten wollten sich nicht von einem weinenden Ohr von ihren Plänen abbringen lassen.

Das Lager II in 5975 Meter Höhe an der Ama Dablam, dem "Matterhorn Nepals", gleicht einem abenteuerlichen Vogelnest.

Das Lager II in 5975 Meter Höhe an der Ama Dablam, dem "Matterhorn Nepals", gleicht einem abenteuerlichen Vogelnest.

Das Amphitheater der Berge um das Basislager des Everest ist so weit, dass man Lawinen sieht, bevor man sie hört. Das Geräusch folgt wie Donner auf Blitz, ein ozeanisches Zischen von Sturzbächen aus Schnee und Eis und Felsen. Doch die Lawine am 18. April klang anders. Die, die überlebten, beschrieben es als ein tiefes "Tuuung".

Ein Block, 34 Meter hoch und Tausende Tonnen schwer, hatte sich von den steilen Gletschertürmen gelöst. Dieses Ungetüm aus Eis donnerte in die Tiefe, wo es zerbarst. Etwa zwei Dutzend Bergsteiger standen in der Schneise der Lawine, viele andere direkt an ihren Rändern.

Schnee voller Blut

Als Nima Chhiring das "Tuuung" hörte, war er am Football Field angelangt. Innerhalb von Sekunden war er mit Reif überzogen - einer von vielen Überlebenden, die später wie Geister aus Schnee und Eis aus dem Lawinenfeld auferstanden.

Vom Basislager aus begann Lakpa Rita mit Kollegen den zweistündigen Aufstieg zur Unglücksstelle. Als Lakpa Rita an der Unglücksstelle eintraf, war der Schnee voller Blut. Etwa 50 Sherpas gruben bereits verzweifelt mit Spaten und Eispickeln nach ihren Kameraden, andere saßen reglos da - vom Schock gelähmt und übermannt von ihrer Trauer.

Alle Toten waren Sherpas oder Angehörige anderer nepalesischer Ethnien. 28 Kinder hatten ihre Väter verloren. Elf der Toten waren an derselben Stelle umgekommen – am abschüssigen Eisplateau vor der Leiter.

13 Forderungen an die Regierung

Dieses Unglück war das schlimmste in der Besteigungsgeschichte des Mount Everest. In den Tagen nach der Lawine herrschte Chaos: Zwischen Pujas, Bestattungen und Versammlungen wurden Fragen, Gerüchte und Forderungen laut. Würde die Besteigungssaison weitergehen? Was war eine angemessene Trauerzeit?

Nun wurde die Unzufriedenheit in ihrem ganzen Ausmaß offenbar. Die zornigen, trauernden Sherpas zogen dem Multimillionen-Geldautomaten Mount Everest den Stecker. Die Wortführer der Expeditionshelfer formulierten 13 Forderungen an die Regierung. Unter anderem wollten sie besseren Versicherungsschutz und eine höhere Beteiligung an den Aufstiegslizenzen. Damit wollten sie einen Fonds einrichten für die Familien von Getöteten und Verletzten.

Ein Zeichen der Götter

Sechs Tage nach dem Unglück kamen die ersten Regierungsvertreter ins Basislager. Die Delegation versuchte, die Sherpas zur Rückkehr an die Arbeit zu bewegen. Bei der Abreise der nepalesischen Regierungsvertreter kalbte der Gletscher an der Westschulter wieder. Die Lawine stürzte in den Eisbruch, genau dorthin, wo die 16 Männer gestorben waren. Für viele war es das Zeichen der Götter, dass die Frühlingssaison am Everest endgültig vorüber war.

Wie so mancher seiner Kollegen wollte Nima Chhiring, nie wieder zum Everest zurückkehren, aber er sah keine Alternative. Bald würde er sich von Khumjung auf den Weg machen, um nach seinen fünf Yaks zu sehen.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Januar 2015, www.nationalgeographic.de

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