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Mustang: Reise zum König am Ende der Welt

Auf knapp 3000 Metern Höhe, in der Steinwüste Nepals, liegt das Reich eines Königs: Mustang. Jahrelang war dieses Paradies für Ausländer tabu. stern.de-Autor Stefan Nink hat den Ort erkundet, der für die meisten ein unbekannter Fleck auf der Landkarte ist.

Von Stefan Nink

Und wenn man dann auf der letzten Passhöhe steht und das Ziel der Reise in der Ebene unter einem liegt: Dann weiß man, dass sich alles gelohnt hat. Dass die Strapazen der letzten Tage, die Kälte, der Sturm und das endlose Auf und Ab, dass das alles nicht umsonst war. Da unten in der sonnendurchflutenden Sand- und Steinebene wartet Lo Monthang, die Hauptstadt des Königreichs Mustang. Man kann die Fahnen auf den Häusern erkennen, die dicken, buckligen Mauern, den festungsartigen Palast. Und das Tor, durch das in den letzten 1300 Jahren nicht viel mehr als viertausend Fremde gegangen sind. Dort unten wartet eine Stadt wie aus einer anderen, fernen Zeit. Und irgendwo hinter ihren Mauern wartet Jigme Palbar Bistar, der König von Mustang.

Dies ist die Geschichte einer Reise zum König am Ende der Welt. Einer Reise hinein in einen Flecken der Landkarte, der zwar nicht mehr weiß, aber mindestens noch grau ist. Bis vor wenigen Jahren war das halbautonome Königreich im Norden Nepals für Ausländer tabu, und was man über Mustang wusste, war so wenig, dass sich Wohnzimmersessel-Entdecker einen Ort mit mythischen Qualitäten zurecht fabulierten. Hinter den Bergen, am Ende eines langen Tales, so vermuteten sie, liege Shangri-la, das Paradies auf Erden. Alte tibetische Manuskripte, die von Mustang als einem "Land der vollkommenden Glückseligkeit" schwärmten, waren bei der Wahrheitsfindung nicht unbedingt hilfreich. Anders gesagt: Seit Ewigkeiten ist Mustang eher Gerücht als Wirklichkeit.

Passenderweise ist es bis heute nur bei Plänen für eine Straße ins "Land der Glückseligkeit" geblieben: Wer ins Paradies will, braucht Kondition für zwei Mal 70 Kilometer Fußmarsch. Außerdem eine stoische Gleichgültigkeit gegenüber Sandstürmen, fettigem Essen und allgegenwärtigem Dreck. Eine Familienpackung Heftpflaster. Und die logistischen Fähigkeiten eines Invasionsgenerals: Weil es in Mustang weder Herbergen noch Restaurants gibt, muss vom Zelt bis zum Reissack alles mitgeschleppt werden, was man während der zehntägigen Tour benötigt. Deshalb beträgt die Expeditionsstärke in unserem Fall 13 Mann: Hem, der Sirda, leitet den Trupp. Das übrige Dutzend Männer schleppt die Ausrüstung hin und die Abfälle zurück. Um zu verhindern, dass Mustang demnächst einer Müllhalde wie dem Everest gleicht, kontrollieren die nepalischen Grenzposten bei der Rückkehr jede leere Gaskartusche und jeden leeren Reissack. Und damit die Müllabfuhr schon unterwegs überwacht werden kann, muss jede Reisegruppe einen staatlichen Umweltoffizier mitnehmen.

Der Himalaya ist nichts für zimperliche Städter

Gerade eben ist Hamal um ein Haar von einer herandonnernden Eselskolonne in die Schlucht gestoßen worden. Der Mann war noch nie im Himalaya, und die einzigen Berge, die er kennt, sind die auf seinem Schreibtisch in Kathmandu - einer Stadt, in der jeglicher Verkehrsfluss von auf der Straße widerkäuenden heiligen Kühen auf Zeitlupentempo abgebremst wird. Jetzt wischt sich ein blasser Hamal den Staub von seinem vanillefarbenem Seidenblouson und murmelt etwas, dass sich entfernt nach "Bauerntrampel" anhört. Dass man sein Englisch kaum versteht, hat übrigens weniger mit dessen bescheidener Qualität zu tun. Eher mit dem Batzen Kautabak in der Backe, der es Hamal von Morgens bis Abends ermöglicht, wie nach einem Schlaganfall zu sprechen. Dass er sich überraschend behende vor der Esels-Kavallerie in Sicherheit bringen konnte, liegt wiederum an seiner sportiven Kleidung: Hamal trägt Turnschuhe. Stoffhose. Ein Kindergarten-Trinkfläschen mit Marienkäfer-Motiv. Und einen kleinen Fifth Avenue-Shopping-Rucksack. In dem hat er einen Weltempfänger, der die ganze Zeit über Wahlkampf-Propaganda der Regierungspartei in die Berge hinausplärrt. Hamal ist kein Freund der Stille.

Kalis heißer Atem fegt den Wanderern entgegen

Vor zwei Stunden sind wir aus Kagbeni aufgebrochen, dem Grenzort zu Mustang. Kagbeni macht den Eindruck, als habe man es aus einer verfallenden mittelalterlichen Trutzburg herausgeschnitten: Bröckelnde Lehmmauern ducken sich im Schatten der Berge, über den Türen hängen geschmückte Yak-Schädel zum Abschrecken allerlei Dämonen, irgendwo im Halbfinster des Gassen-Labyrinths wiehert ein Pferd. Jenseits dieses Außenpostens wird es keinen Strom mehr geben, kein Telefon, kein Guesthouse und andere Trekker auch nicht, weil 99,9 Prozent hier abbiegen und der Annapurna-Route folgen. Trotzdem: Wenn man noch nicht in Mustang war, mutet schon Kagbeni wie das Ende der Welt an.

Der Pfad führt entlang der Bergkämme über dem Kali Gandaki, dem "Fluss der Kali", der zerstörerischen Übermutter im Hindu-Götterhimmel. Es ist sonnig und warm, aber das täuscht, denn gleich wird es hier zugehen wie in einem Windkanal für Luftwiderstandsmessung: Jeden Tag um die Mittagszeit faucht Kali ihren heissen Atem durch das Flusstal, und alles, was kleiner als ein murmelgroßer Kiesel ist, fliegt dem Wanderer entgegen. Kalis Atem begleitet den Mustang-Reisenden bis zum Ziel seines Treks. Weshalb der Mustang-Reisende tunlichst sehr früh aufsteht. Und zusieht, dass er spätestens am frühen Nachmittag im Windschatten ist.

Demnach liegen wir an diesem ersten Tag mindestens vier Stunden hinter dem Soll. Es dämmert, als wir Thse-le erreichen, 20, 30 windumtoste Lehmhäuser bewacht von mindestens ebenso vielen bösartig kläffenden Hunden. Menschen sieht man keine, wahrscheinlich haben die vor ihren eigenen Haustieren Angst. Oder vor diesem Sturm. Wir schlagen unser Camp in einem wind- und hundgeschützten Innenhof auf. Die Träger spielen Karten und amüsieren sich über Hamal, der auf den Fussballen über den Hof humpelt und über Blasen jammert, die er theatralisch "Wunden" nennt. Weil ihn niemand beachtet, zieht er sich beleidigt zum Transistorhören in sein Zelt zurück. Der Nachteil dieser Innenhofcamps ist, dass ihr Mauergeviert jedes kleine Geräusch zu einem Höllenkrach verstärkt. Soeben hat man beispielsweise den Eindruck, als würde zu Hamals Hindu-Orchester ein Wolfsrudel durch den Hof getrieben. Die Dorfköter entfernen sich leiser werdend zum Ortsausgang, drehen dort um und kehren kläffend zurück. Kurz darauf muss einer der Träger zur Toilette.

Knapp 3000 Höhenmeter an nur einem Tag

Bei Sonnenaufgang gibt es Zitronentee, Pfannkuchen und die Ankündigung, dass ab jetzt in Einzelgruppen marschiert wird. Zuerst starten die Träger, dann folgen wir und Hamal, der wie ein Balletttänzer balanciert. Die Küchenmannschaft packt zusammen, überholt uns anschließend und hat das Abendessen fertig, wenn wir das Nachtlager erreichen. Das ist meistens Stunden später, und sowieso ist es ein schlimmer Euphemismus, diesen Trek als "Höhenwanderweg" zu bezeichnen. Im Himalaya scheinen die Pfade ja grundsätzlich über den Berg hinweg angelegt zu werden statt um ihn herum - in Mustang aber hat man das bis zur Perfektion betrieben. Kaum ist morgens um Sieben der erste Pass bewältigt, geht es von knapp 4000 Metern steil zurück auf 3100 und sofort wieder hinauf auf 3800. Anschließend hinunter auf 3200. Und zum Abendessen noch mal schnell rauf auf 3700. Verlaufen kann man sich nicht: Es gibt nur diesen einen, in jahrhunderterlanger Fleißarbeit von Hufen und Sohlen ausgetretenen Pfad. Und der wiederum ist so holprig, dass in ganz Mustang kein einziges Rad existiert.

Bäume gibt es übrigens auch nicht. Schon vor Ewigkeiten haben Mustangs Einwohner alles verfeuert, was irgendwie brennbar war, und den Rest haben die Ziegen gefressen. Jetzt ist die ungeschützte Erde Kalis nachmittäglichem Fauchen ausgesetzt. Da mag durch jeden Ort mindestens ein Gebirgsbach sprudeln, da mag überall dort, wo sich die engen Gassen kreuzen, ein Brunnen stehen - die Menschen haben längst vor Staub und Sand und Dreck kapituliert. Deshalb sehen sie allesamt aus, als habe man sie geräuchert. Deshalb weigert sich Hamal, mit seinem vanillefarbenem Blouson auch nur in ihre Nähe zu kommen. Beim Abendessen in Ghani flieht er vor dreckverschmierten Kindern mit seinem Teller zu den Trägern. Die wiederum flüchten augenblicklich zu den Kindern: Hamals Geräuschkulisse beim Essen macht den Eindruck, er führe einen Angriffskrieg gegen seinen Teller.

Nach dem Tee sind wir so etwas wie eine zoologische Attraktion. Innerhalb weniger Minuten sind sämtliche Dorfbewohner versammelt, Kinder stehen in Dreierreihen auf der Galerie über dem Innenhof, und vor der Hoftür wehklagen alte Frauen. Eine hält sich den Mund auf, brüllt Unverständliches und zeigt mit dem Finger auf einen sichtlich faulen Zahn. Erst ein energisches "I am no doctor!" lässt sie verstummen, hält sie aber nicht davon ab, Minuten später mit einer verrosteten Zange zurückzukommen. Und damit es anschließend im Schlafsack so richtig schön gemütlich wird, treibt ein unentwegt "Uaaaah! Uaaaah!" brüllender Hausherr das Vieh in den Hof mit den Zelten. Das Drama dauert bis tief in die Nacht: Kinder schreien, Kinder husten, Kinder niesen, und ein Esel beschließt, das Zelt anzuknabbern. Irgendwer ist ausgeschlossen worden und trommelt wild gegen die mittelalterlich verrammelte Tür.

Mustangs tibetisch-buddhistische Kultur in Gefahr, ganz allmählich zu verschwinden

Am nächsten Morgen stellt sich heraus: Bei dem nächtlichen Besucher handelte es sich um den Orts-Lama, der den Fremden unbedingt sein Kloster zeigen möchte. Jetzt steht er vor den Zelten, wache Augen, fast zahnlos und tiefbraun gebrannt, wahrscheinlich um die 70. Der Lama strahlt und sagt, dass er 45 sei. In seinem Kloster ist er dann erst einmal damit beschäftigt, eine Rotte angriffslustiger Mastiffs zu beruhigen (Mustangs Klosterhunde sind darauf trainiert, über alles herzufallen, was nicht in Mönchsrot daherkommt), dann kramt er eine Kerze aus seiner Trainingsjacke. Vor Jahrhunderten gezeichnete Szenen aus dem Leben Buddhas flackern im Licht. Vor ein paar Jahren hat man in der Nähe von Ghani einen Mann geschnappt, der sich gerade mit einem Bündel Kloster-Wandteppichen aus Mustangs Staub machen wollte. In seinem Rucksack fand man Aufnahmen all jener Kunstwerke, die er stehlen sollte. Seitdem darf in den Klöstern des Königreichs nicht mehr fotografiert werden.

Mustang war einmal ein reiches Land. Zölle auf die Lasten der Salzkarawanen ließen seine Herrscher mächtig werden. Klöster profitierten von der Spendenfreudigkeit frommer Handelsreisender. Die Bewohner trieben im Sommer ihr Vieh auf die Weiden des benachbarten Tibets und handelten im Winter mit Fellen. Dann marschierten die Chinesen in Tibet ein und schlossen die Grenzen, und die traditionelle Lebensgrundlage der Bevölkerung brach zusammen. Seitdem zieht jeder, der noch kräftig genug auf den Beinen ist, im Winter zum Handeln nach Kathmandu und kehrt im Frühling zurück. Deshalb ist halb Mustang ständig auf Achse. Und alles andere als jenes verklärte Quasi-Tibet vor der Annexion, als das es gerne beschrieben wird - seit der Westen in Form von Baseballkappen, Filmpostern und Nike-Turnschuhen von den Wanderen zwischen den Welten ins Königreich hinaufgetragen wird, ist Mustangs tibetisch-buddhistische Kultur in Gefahr, ganz allmählich zu verschwinden.

Mustang ist theatralisch pompös und majestätisch bis zum Anschlag

Zuvor aber verschwindet man selbst: Es gibt Stunden in diesem alttestamentarischen Stein- und Gerölluniversum, in denen man sich furchtbar klein und verloren fühlt. Beziehungsweise wie der erste Mensch in einer Welt unmittelbar nach dem Urknall. Mustang ist ein Reich des Windes, der Staubfahnen und blaugleißenden Horizonte, Mustang ist theatralisch pompös und majestätisch bis zum Anschlag. Es gibt Stunden, da beschleicht einen ein merkwürdiges Gefühl. Als habe man hier nichts verloren, als gehe man durch eine verbotene Welt. Dann wieder glaubt man, man füge sich wie ein fehlendes Teilchen in diese Szenerie ein, so wie eine Postkarte erst dann vollständig erscheint, wenn eine Person auf ihr zu sehen ist - und sei es nur, um die Nichtigkeit des Menschen in der Schöpfung zu veranschaulichen.

Nach zwei weiteren Tagen und einer Handvoll weiterer Pässe liegt unser Ziel vor uns. Irgendwie hat es Lo Monthang geschafft, sämtlichen Zeitläufen zu trotzen: Mustangs Hauptstadt sieht aus wie ein Bollwerk aus einem Marco Polo-Reisebericht. Die Häuser verschanzen sich hinter der Stadtmauer, haben dicke Steinwände und winzige Fenster. Auf den kleinen Plätzen sitzen alte Männer mit Spinnkreiseln in der letzten Sonne des Tages. Die Frauen tragen tibetische Tracht und sammeln den Dung des Viehs auf, mit dem abends geheizt wird. Während es in den Gassen so eng ist, dass eine schwangere Eselin einen kleinen Stau auslöst, fällt unser Innenhof dieses Mal in die Kategorie Paradeplatz. Kein Wunder: Nebendran ist der Palast. Hem kommt gerade vom Erkundungsgang zurück. Schlechte Nachrichten, ganz schlechte: Der König ist nicht da. Der König ist krank. Der König war in einem Hospital in Delhi. Aber der König wird zurück erwartet. Morgen. Vielleicht erst übermorgen. Ganz bestimmt aber bald.

Und so warten wir auf den König

Wir Werden morgens von den Mantras der Bauern und Hirten geweckt, die betend um die Stadtmauer gehen. Werden ruhig, werden entspannt, werden gelassen. Ganz subtil drängt uns Lo Monthang seinen Lebensrhythmus auf: Fremde waren in dieser abgelegen Weltenecke schon immer auch Gäste. Und Gäste hocken in stockfinsteren Küchen mit Großfamilien um ein Dungfeuer, da, nimm noch einen Tee, hier, halt das Kind mal kurz, danke. Hamal schlurft heran (über seine "wounds" hat er kein Wort mehr verloren, seit wir mit operativen Eingriffen gedroht haben), eine zerfledderte Illustrierte in der Hand. Er zeigt auf ein Foto: "You know that man?" Wir verneinen heimtückisch. "George W.Bush, President auf America", erklärt er stolz. Als ein Kleinkind auf seinen Blouson zuwackelt, rümpft er die Nase und flüchtet aus der Küche.

Dazu muß man wissen, dass in ganz Lo Monthang kein Besen geschwungen werden darf, sobald der König die Stadt verlassen hat - beim Kehren werden böse Geister aufgewirbelt, die sich dann an seine Fersen heften könnten. Demnach muss Seine Majestät seit mindestens vier Jahren unterwegs sein: Der Dreck ist unvorstellbar. Und Tenzin Bista ist verzweifelt. Tenzin ist Hof-Astrologe und Geisterbeschwörer, und Leibarzt des Königs ist er außerdem. Krank, alle seien sie krank, sagt Tenzin, chronischer Husten wegen des Staubes, Atemwegserkrankungen, und die kleinsten Schürfungen entzündeten sich, weil immer wieder Dreck in die Wunde komme. Tenzings Sprechstundenhelferin sieht aus wie eine verkohlte Mumie und kommt alle fünf Minuten herein, um die Tassen mit dem abscheulichsten Buttertee diesseits von Tibet zu füllen. Medikamente? Habe er nicht. Ob wir vielleicht...? Doktor Tenzing bekommt Mullbinden, Wundsalben und die letzten Pflaster. Er bedankt sich mit zwei Shoungas, mit heiligen Texten bedruckte und bunten Bindfäden verschlossene Amulette aus Pergament. "Für die sichere Rückreise." Wahrsager Tenzing schließt für einen Moment die Augen. "Sie werden den König treffen. Er ist unterwegs. Mehr Tee?"

Marlon Brando als Himalaya-Version

Und so wird am Ende der Rückweg zum Weg zum König. Die Pässe scheinen während unserer Zeit in der Hauptstadt flacher geworden zu sein, und Kalis Atem hat um drei Windstärken abgenommen, mindestens, aber vielleicht sind wir auch bloß wunderbar ausgeruht. Man nimmt dieses Land auch anders war, wenn es nicht mehr bloß ums Ankommen geht. Jetzt schieben sich Mustangs Details ins Bewusstsein: Das leise Bimmeln der Ziegen-Glöckchen von den Hängen. Der Flügelschlag der Spatzen in der Stille des Abends. Das Flattern der Gebetsfahnen. Der Duft der Räucherstäbchen, mit dem die Mantras zu den Göttern geschickt werden. Jeder entgegenkommende Reisende wird befragt, jeder hat Neuigkeiten gehört. Oder zumindest Gerüchte, die wie Neuigkeiten gehandelt werden: Der König ist im nächsten Ort. Noch in Kathmandu. Zwei Reitstunden vor uns. Bei Chusang kommt uns eine Staubwolke entgegen. Fünf Minuten später lässt die Leibgarde Seiner Majestät die Pferde vor uns aufscheuen. Die drei Männer mit ihren verrosteten Karabinern schauen grimmig. Hem verhandelt. Hem verhandelt weiter. Die Männer nicken.

Seine Majestät sieht aus wie eine Himalaya-Version von Marlon Brando. Der schwarze Zopf reicht bis tief in den Rücken, die Augen funkeln, und mit der Gebetskette könnte man einen gestrauchelten Wanderer aus der Schlucht ziehen. Die Königin neben ihm hat ein Gesicht wie gemeißelt und lächelt sanft. Ist das Shangri-la? Das ist Shangri-la. Willkommen, sagt der König. Anschließend übersetzt sein Sekretär: Woher? Wieso? Wie lange? Der König hört zu, nickt, stellt weitere Fragen. Dann haben wir welche. Ja, sagt er: Die Straße nach Mustang werde gebaut. Nicht von Süden, sondern von Norden her, von Tibet. Und natürlich habe er Angst vor ihr. Angst vor chinesischem Fusel, vor amerikanischen Turnschuhen und indischen Filmstars. Angst vor dem Verlust der Kultur und davor, dass Mustang zum Produkt werden könnte. "Aber mein Volk will endlich eine Verbindung zur Welt. Wir waren zu lange eingeschlossen."

Dann ist die Audienz auch schon wieder zuende, und wie zum Finale zieht eine Gewitterfront auf, als sich die Staubwolke des Königs am Horizont aufgelöst hat. Bis nach Kagbeni sind es nur noch ein paar Stunden, aber Hamal eilt in tiefer Sorge um die Wasserfestigkeit seines Blousons voraus. Zwei Stunden später treffen wir ihn bis auf die Haut durchnässt am Ufer des Kali Gandakis, in den er beim Überquerungsversuch in Turnschuhen gefallen ist. Mit einem triefenden Begleitoffizier verlassen wir Mustang. In Kagbeni erzählt ein deutscher Trekker beim Abendessen, dass Bayern München Tabellenführer ist.

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