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New York per Fahrrrad: Auf neuen Wegen durch Manhattan

Die Stadt, in der Häuser und Menschen nach oben streben, hat eine Möglichkeit entdeckt, mal auf dem Boden zu bleiben: per Rad. Im Mai startet das öffentliche Bike-Share-System.

Von Ulrike von Bülow, New York

Er ist ein Einzelkind, der Turm, der auf Ground Zero wächst. Dort, wo einst die Zwillingstürme standen. Schon jetzt, obwohl die Spitze noch fehlt, überragt er alle Gebäude. Ein blauer Himmel spiegelt sich an diesem Nachmittag in der Glasfassade des One World Trade Center und scheint fast eins mit ihm zu werden.

Ich radle dem Turm auf dem "Hudson River Greenway" entgegen, der an der Südspitze Manhattans beginnt. Von hier ist der Abstand groß genug, um die Ausmaße des Wolkenkratzers zu begreifen, der Ende des Jahres seine volle Größe von 541 Metern erreichen soll. Das Fahrrad ist das perfekte Fortbewegungsmittel, um sich ihm zu nähern: Neben dem Radweg rollt der Verkehr, doch die Fahrer können das neue Wahrzeichen kaum in Ruhe betrachten, sie rauschen in ihren temperierten Wagen vorbei. Am Fluss, der sich gutmütig von den Sonnenstrahlen kitzeln lässt, kühlt eine Brise die bloßen Arme von Spaziergängern und Bikern, während sich in den Straßenschluchten Manhattans die Hitze staut.

Citi Bike: 10.000 Räder an 600 Stationen

Radfahren ist in New York City selbstverständlich geworden. Die Metropole gibt sich - nachdem in Europa Städte wie Kopenhagen und Paris als Vorreiter reichlich Platz fürs Rad gemacht haben - überraschend bike-friendly. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst des Bürgermeisters Michael Bloomberg, der unermüdlich Radwege anlegen ließ, inzwischen mehr als 400 Kilometer. Etwa eine halbe Million New Yorker setzen sich heute aufs Bike, um die 59 Stunden im Jahr zu minimieren, die sie sich laut Statistik im Stau langweilen.

Im Mai startet auch endlich Bloombergs Mega-Projekt, das wohl größte Verkehrsvorhaben in New York seit dem U-Bahnbau vor mehr als 100 Jahren: einer der weltweit größten öffentlichen Fahrrad-Verleihe. Bei "Citi Bike" können Besucher bald 10.000 Räder an 600 Stationen (betrieben mit Solarstrom) in Manhattan, Queens und Brooklyn mieten und andernorts wieder abstellen.

Am Hudson River Greenway entlang zum Central Park

Ich lebe seit fast sechs Jahren in Manhattan. Anfangs hatte ich auf meinem schwarzen Mountainbike ständig Angst: Zu oft musste ich beobachten, wie achtlose Taxifahrer Radler umfuhren. "Oh ja, wir hatten alle unsere Momente mit den Cabbies", erinnert sich Martin Werneth, ein Mann mit Jesusfrisur und Vollbart, der hier auch schon auf der Straße lag. Der Manager von NYC Velo, meinem bevorzugten Fahrradgeschäft, sagt, er sei ein "Bike Nerd", seit er als Junge auf dem Land in Alabama sein erstes BMX-Rad geschenkt bekommen habe. Vor seinem Laden hängt ein Luftdruckschlauch, mit dem er zu Beginn meiner Radtour die Reifen aufgepumpt hat.

Meine Lieblingsroute durch Manhattan führt am Hudson River Greenway entlang zum Central Park und dann zurück über den Times Square. Unten am Fluss weht ein leichter Wind, der den Stadtteil Tribeca erfrischt. Zum "Triangle below Canal Street" gehört ein kleiner Park etwas oberhalb des Hudson. Zwei Japaner mit schwarzen Sonnenbrillen halten ihre iPhones in Richtung Süden. Sie fotografieren "Lady Liberty", die in der Ferne klein wie eine Playmobilfigur erscheint. Ein dog walker läuft an ihnen vorbei: Die junge Frau hält fünf Leinen in der Hand, an denen sie kurzbeinige Wollknäuel in kompakter Manhattan-Größe spazieren führt.

Robert De Niro in Tribeca

Ich mag Ecken wie diese, wo Touristen in Szenen des Alltags geraten. Vor einer solchen Kulisse wirkt das Leben aufregend wie in einem Film. Eine Frau mit einem Strauß Hunde? Wie Charlotte in "Sex and the City"! Ein Jogger mit nacktem Oberkörper? Wenn das nicht der "Marathon Man" ist! In der Nähe arbeiten Bautrupps am "56 Leonard Street", bald eines der höchsten Apartmenthäuser der USA; aus Geldmangel ruhte das Projekt jahrelang. Der Entwurf stammt von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron und erinnert mit seinen versetzten Quadern an den Spielzeug-Wackelturm Jenga.

Restaurants, Boutiquen und Galerien haben in den Straßen des einstigen Industriequartiers geöffnet und es seit den Neunzigern zu einer Gegend gemacht, in der man wohnen möchte. Nach dem 11. September zogen viele weg. Die Mietpreise fielen, aber heute ist alles, wie es früher einmal war: Zwei Zimmer mit niedriger Neubaudecke kosten mindestens 3500 Dollar im Monat.

Als Statement, dass der Süden Manhattans lebendig bleibt, und wohl als Reaktion auf die Terroranschläge, hat unter anderem Robert De Niro 2002 das "Tribeca Film Festival" gegründet, zu dem seither fast vier Millionen Menschen kamen.

De Niro galt lange als König des Viertels: Er besitzt den "Tribeca Grill" und das "Greenwich Hotel". Doch inzwischen residiert ein anderer, der König der ganzen Stadt, in Tribeca: Jay-Z, der sich aus dem Ghetto Brooklyns nach oben gerappt hat und heute mit Beyoncé in einem Penthouse wohnt. Sein Lied "Empire State of Mind" gilt als neue Hymne New Yorks. Die hört man jetzt häufiger als Frank Sinatras Klassiker.

New Yorks Outdoor-Seite

h überhole einen Mann, der Laufschuhe und rote Shorts trägt, sonst nichts. Er joggt über den Hudson River Greenway in Lower Manhattan: Der Läufer keucht, während ich an ihm vorbeirolle. Die Strecke ist flach und mit dem Rad nicht besonders anstrengend. Nach gut 800 Metern passiere ich eine Reihe hoher Häuser, hinter denen sich plötzlich der Blick nach Midtown auftut. Das Empire State Building funkelt in der Sonne, als würde es mir zublinzeln. Einen Moment ich unachtsam und ramme beinahe einen Bollerwagen, den eine Radfahrerin hinter sich herzieht; darin zwei Kinder, die weiße Helmchen tragen und glücklicherweise nach vorn sehen.

Auf dem Rad entdecken die New Yorker ihre Stadt noch einmal neu, deren gelassene Outdoor-Seite. Wobei das nicht heißt, dass Radeln überall Spaß macht. Ich schlage gern einen Bogen um die Canal Street in Chinatown mit ihren Läden, in denen es Fake-Uhren, Spitzkohl oder Lampions gibt. Der Verkehr dort ist chaotisch, die Luft stickig.

Am Wasser kann man freier atmen - und sich bewegen: Rund fünf Meilen lang an renovierten Piers vorbei bis zur 59. Straße erstreckt sich der Hudson River Park, wo viele New Yorker Boote und Räder mieten, Yoga-Klassen besuchen oder sich am "Big City Fishing" versuchen.

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