Reiseziel Taiwan Durch das Inselreich des anderen Chinas


Wer in Taiwan unterwegs ist, geht so schnell nicht verloren. Sprachprobleme in Taipeh? Rufen Sie den Telefonjoker an. Wo sind Märkte, Tempel und der schönste Strand? Man wird Sie an die Hand nehmen.
Von Katja Trippel

Bim ersten Mal, gleich nach der Ankunft in Taipeh, war ich ziemlich verblüfft, als mich das Zimmermädchen an der Hand durchs Hotelzimmer lotste, um mir die Lichtschalter zu zeigen. Kurz darauf in der Metro griff ein älterer Herr meine Schwester, die mich begleitete, am Ärmel und zog sie mit stoischem Lächeln zum Geldwechselautomaten. Er hatte beobachtet, wie ratlos wir mit unseren Taiwan-Dollars vor dem Ticketautomaten hantierten.

Spätestens im Gewusel des Ningxia-Nachtmarkts, wo uns ein Garküchen-Koch hinter seine dampfenden Woks schob, damit wir sehen konnten, was genau da brutzelte - Tintenfische, Hühnerfüße, stinkender Tofu - konnte uns die mütterlich-zupackende Art der Taiwanesen nicht mehr schrecken.

Der Fürsorge-Reflex der Taiwanesen

Waren wir nicht gewarnt worden, Chinesen verhielten sich gegenüber Langnasen-Touristen eher distanziert? Nun ist Taiwan nicht China, sondern eine chinesische Insel vor Chinas Küste, die irgendwie doch nicht chinesisch ist - dazu kommen wir später. Gleichwohl beruhigte mich die Idee, dass zwei blonde Frauen, die länger als drei Sekunden fragend in der Gegend herumstehen und ratlos auf chinesische Schriftzeichen starren, bei Taiwanesen offensichtlich einen Fürsorge-Reflex auslösen. Wir hatten geplant, die Insel, die etwas kleiner, aber mindestens so bergig wie die Schweiz ist, per Mietwagen zu erkunden.

"Ganz China in einer Nussschale" könnten wir dabei entdecken, hatte mein Berliner Bürokollege Yu-li versprochen, ein Taiwanese, den Schuberts Lieder einst dazu bewogen hatten, Deutsch zu lernen, und der inzwischen als Korrespondent für taiwanesische Medien in Deutschland arbeitet. Yu-li freute sich, dass sich mal jemand für seine Heimat interessierte. "Wir haben mehr als 100 Gipfel, die 3000 Meter hoch sind", fuhr er fort, "die schönste Schlucht Asiens, endlose Teeplantagen - und Schatzkammern voll chinesischer Kunst, wie man sie in Festland-China fast nirgendwo mehr findet.

Die antikommunistische Republik China

"Ach?", hatte ich nachgefragt. Und schon waren wir bei dem schwierigen Verhältnis zwischen China und Taiwan angelangt, das seit mehr als 60 Jahren die Gemüter beider Seiten erhitzt, auch wenn die Tagesschau nur selten darüber berichtet.

Der Hintergrund ist folgender: Taiwan war eine chinesische Provinz, bis Chiang Kai-Shek gegen Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 mit seinen Verbündeten übers Meer auf die Insel flüchtete und die unabhängige antikommunistische Republik China ausrief. Im Gepäck hatte er Schiffsladungen voller Kunstwerke aus dem Pekinger Kaiserpalast: Geschmeide der alten Dynastien, Porzellan, Tuch und Jadeskulpturen, die heute größtenteils im Nationalen Palastmuseum in Taipeh ausgestellt und gelagert werden.

Von den Vereinten Nationen nicht anerkannt

Für die Volksrepublik China ist die Sache klar: Der geraubte Schatz muss zurück. Und sie erhebt auch weiterhin Ansprüche auf Taiwan, obwohl dessen Regierung die Insel in den vergangenen Jahrzehnten zum demokratischen Tigerstaat modernisiert hat. Auf Chinas Druck haben die Vereinten Nationen Taiwan bislang nicht mehrheitlich als souveränen Staat anerkannt, was die Insulaner zutiefst frustriert - und gleichzeitig zu einer Gesellschaft wachsen ließ, die zusammenhält.

"Wir stehen da wie David gegen Goliath", erklärte mir Yu-li die Zwangslage. "Ein moderner, demokratischer Staat, allerdings politisch und wirtschaftlich abhängig von China, aber chinesischer als die Chinesen, weil uns Maos Kulturrevolution verschont hat." Erst seit 2008 gibt es direkte Post-, Schiffs- und Flugverbindungen zwischen den beiden Ländern. Maximal 9000 Chinesen dürfen pro Tag nach Taiwan einreisen, die in einem eiligen Bus-Parcours die Highlights der Insel abfahren.


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