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Follow Me: Rettung am Ende der Welt – Wie mich ein Wasserflugzeug aus Tasmanien ausflog

Zu Fuß unterwegs im fernen Australien: Am Ende einer Wanderung soll mich ein Oldtimer-Flieger zurück in die Zivilisation bringen. Doch im Flug tischt mir die Besatzung eine unglaubliche Geschichte auf.

Follow Me: Im fliegenden Oldtimer über Tasmanien

Die Tour hatte ich komplett unterschätzt. Tagelang war ich auf der anderen Seite des Globus gewandert, an der Ostküste der australischen Insel . Das Laufen am weglosen Strand hatte seine Tücken. Oft gab der sandige Untergrund nach, die abschüssigen Uferpassagen gingen auf die Gelenke. Regelmäßig versperrten große Granitbrocken den Weg, die wir mühsam überklettern mussten. Mehr als drei Kilometer pro Stunde konnten Claire, die die Route kannte, und ich nicht zurücklegen.

Jetzt ist der Zeitpunkt der Trennung gekommen. Der Plan sieht vor, dass Claire zu einer Lodge weiterwandert, wo neue Gäste auf sie warteten. Mich soll ein Wasserflugzeug zu einem verabredeten Zeitpunkt an der Ansons Bay abholen. An dieser Bucht, die einsamer nicht sein kann, stehen wir nun: kein Haus weit und breit, keine Straße, nur Natur und das Geräusch der Wellen. Ich schaue auf mein Handy: kein Netz.

Warten auf den Oldtimer-Flieger

Ich setze meinen Rucksack ab. Noch bevor wir uns verabschieden, frage ich sie: "Kannst du nicht warten, bis die Maschine auch wirklich eintrifft?" Es ist mehr eine Bitte, denn diese Bucht ist nicht der Ort, wo man allein gelassen werden möchte.

Claire willigt ein. Wir warten angespannt. Keiner von uns sagt etwas. Aber unsere Augen suchen immer wieder den Horizont ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit entdecken wir im selben Moment einen schwarzen Punkt am Himmel, der sich bewegt. Langsam wird er größer und nimmt Gestalt an, bekommt Flügel - und ist nicht mehr zu überhören: ein weiß-rotes Propellerflugzeug mit zwei Schwimmern statt einem Fahrwerk unter dem Rumpf.

Das mehr als 50 Jahre alte Flugzeug vom Typ De Havilland Canada DHC-2 Beaver setzt zur Landung an.

Das mehr als 50 Jahre alte Flugzeug vom Typ De Havilland Canada DHC-2 Beaver setzt zur Landung an.

Die Maschine reduziert ihre Höhe, setzt aber nicht zur Landung an, sondern kreist über der Bucht. Wir laufen auf einem Steg, der ins Wasser führt, und winken. Erneut fliegt die knatternde Beaver eine Runde und wippt mit den Flügeln. Sie haben uns gesehen.

Bye-bye Claire

Noch eine Kurve und das 1964 in Kanada gebaute Flugzeug setzt im flachen Winkel mit dem hinteren Teil der Schwimmer auf, wird von Widerstand der Wasseroberfläche abgebremst und senkt die Nase. Mit Propellerkraft manövriert der Pilot das beflügelte Schiff langsam in unsere Richtung. Der Kopilot springt auf und wirft mir ein Tau zu. Festmachen am Bootsanleger. Das Abhol-Date in der hat geklappt. Claire schaut auf die Uhr: "Pünktlich wie verabredet", meint sie stolz und macht sich auf ihren Weg.

Erst kommt mein Rucksack an Bord, dann klettere ich über den schwankenden Schwimmer in die Kabine. Pilot Joe begrüßt mich per Handschlag, reicht mir die und weist mir die hintere Bank in dem Siebensitzer zu. Mit einem kurzen Stemmen gegen den Steg stößt Kopilot David das Flugzeug vom Anleger weg. Der Motor heult kurz auf und wir tuckern in die Bucht hinaus, die uns als Startpiste dient.

Gut in Schuss ist der Flieger, der neben der Cockpit-Crew Platz für fünf Passagiere bietet.

Gut in Schuss ist der Flieger, der neben der Cockpit-Crew Platz für fünf Passagiere bietet.

Joe gibt Vollgas, der Lärm wird ohrenbetäubend, die Gischt spritzt und alles vibriert. Schon nach wenigen Momenten heben wir ab. Mit einer Links-Rechts-Kurve gewinnen wir an Höhe und fliegen auf Sicht entlang der Küste nach Süden mit dem Ziel Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens.

Wir fliegen über Wasser, Klippen und Wälder. Auch von oben ist die Natur Tasmaniens allgegenwärtig. Fast 40 Prozent der Insel, die sich ungefähr auf einer Fläche von der Größe Bayerns ausdehnt, besteht aus Nationalparks, ein teilweise undurchdringliches Gelände wie aus dem australischen Film "The Hunter", der in Tasmanien gedreht wurde.

Die Idee einer zionistischen Kolonie

Ich bin froh über die Kopfhörer mit Geräuschdämmung, ansonsten müssten wir uns in der Kabine anschreien. So kann ich nicht nur den Funksprechverkehr mithören, sondern mich auch mit den beiden im Cockpit unterhalten.

Mit 200 km/h geht es über den Freycinet-Nationalpark an der Ostküste Tasmaniens.

Mit 200 km/h geht es über den Freycinet-Nationalpark an der Ostküste Tasmaniens.

David macht mich auf die Freycinet-Halbinsel unter uns aufmerksam, die auf halbem Weg unter uns in die Tasmanische See ragt. Er zeigt in den Südwesten Tasmaniens und erzählt mir eine Geschichte, die ich kaum glauben kann. Dort sollte einmal ein "Jewish Homeland" für von den Nazis geflüchteten Juden entstehen, noch vor der Gründung des Staates Israel. Nur sei der Visionär bei der Suche in der Wildnis verschollen und erst Monate später tot aufgefunden worden.

Ich denke: Nur einem Deutschen kann er ein solches Märchen auftischen. Aber meine spätere Recherche ergibt, dass es Critchley Parker jr. war, der dort 1942 im Busch umherstreifte und das gelobte Land finden wollte. Aber bei seiner Wanderung erkrankte er an einer Rippenfellentzündung und verstarb einsam in seinem Zelt. Zwei Jahre später wurden auch von offizieller Seite die Pläne begraben. Bekanntlich nahm die Geschichte zur Gründung des Staates Israel mit dem Beschluss der UN-Vollversammlung 1947 einen anderen Verlauf.

In wenigen Minuten landet das Wasserflugzeug im Hafenbecken der 200.000 Einwohner zählenden Stadt Hobart und macht an der Pier neben den Yachten am linken Bildrand fest.

In wenigen Minuten landet das Wasserflugzeug im Hafenbecken der 200.000 Einwohner zählenden Stadt Hobart und macht an der Pier neben den Yachten am linken Bildrand fest.

Zurück in der Gegenwart: Nach einer guten Stunde Flugzeit verändert sich die Tonhöhe des lauten Sternmotors. Joe drückt die Nase der Maschine nach unten. Im Sinkflug sehen wir links und rechts Häuser, passieren die Piste des Flughafens von Hobart und steuern das Hafenbecken an.

Ganz sanft setzt Joe den Oldtimer auf den gekräuselten Wellen auf und tuckert zum Jetti, dem Anleger mitten in der Stadt: Die eine Stunde aus der Wildnis zurück in die Zivilisation von Hobart mit den Hotels und Pubs verging wie im Flug.

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