HOME

Klettern: Ohne Haken

Ihre Kletterdramen ereignen sich wenige Meter über dem Waldboden: Boulderer suchen sich markante Felsen, die sie mit viel Kraft und Fingerspitzengefühl besteigen.

Von Petra Baumann

Wie er da klebt, der Markus, mit nacktem Oberkörper, an dem glatten Felsblock – jeder Muskelstrang zeichnet sich ab, die Sehnen scheinen kurz vorm Zerreißen. Meter um Meter, nur mit der Kraft seiner Finger und dem Druck aus den Zehenspitzen, bewegt er sich die Steinwand entlang, schnell, sicher, geschmeidig wie eine Katze.

Würde sich dieses Schauspiel in großer Höhe ereignen, man bekäme Angst um den 55 Kilo leichten Katzenmann – doch er hängt gerade mal drei Meter über dem Waldboden. Markus Bock, 28, ist Boulderer, einer der besten der Welt. Bouldern bedeutet Klettern auf Absprunghöhe. Gehangelt wird ohne Seil und Haken, aber mit doppeltem Boden: Unterhalb des Steins liegen Matten. Und ein "Spotter" steht bereit: ein zweiter Mann, der dafür sorgt, dass der Sportler im Falle eines Falles auf die Unterlage stürzt. "Es sind Kämpfe auf engstem Raum", sagt Bock, "gegen sich, und immer mit dem Felsen. Man muss nicht in die Höhe, um seine Grenzen zu erfahren." Seine Hände sind kräftig, die Innenflächen mit Hornhaut überzogen, krumm in den Gelenken, geschwollen, durch nicht ganz ausgeheilte Brüche und Verstauchungen. Die Handteller sind mit Schwielen übersät.

Ein Sommermorgen im Frankenjura, in Deutschlands Boulder-Mekka, 50 Kilometer nordöstlich von Nürnberg. Markus Bock hat sich mit seinen Freunden Fabi und Andi verabredet. Wo der Wandersmann von Felsnadeln und Sandsteinmassiven schwärmt, sehen diese Jungs mögliche Routen, Wahnsinnsüberhänge, Höchstschwierigkeiten. Auch Fabian Christoph, 28, klettert von klein auf. Er liebt den Sport, man spürt es, wenn er erzählt, dass er im Urlaub, am letzten Tag, noch mal den Fels berühre, um Abschied zu nehmen. Der Alte im Bunde ist Andreas Hofmann, 40. Bouldern sei für ihn mehr als Sport, sagt er, "es ist eine Lebensphilosophie". Man stelle sich immer wieder infrage, werde immerzu vom Felsen gefordert – und man lerne seine Grenzen kennen. "Manche Kletterer gehen am Misserfolg kaputt", sagt er weiter, "doch viele wachsen an den Problemen, finden ihren eigenen Weg. Es ist wie eine Sucht."

Nach acht schnellen Zügen hat er den Full Moon gepackt

Erfunden hat das Bouldern der heute 70-jährige Amerikaner John Gill. Mitte der 1950er Jahre entwickelte er neue Kletterformen, nutzte dafür Übungen aus dem Geräteturnen, Klimmzüge etwa. Er versuchte, stets dynamisch den Fels zu erobern, den Schwung der Bewegung mit in den nächsten Kletterzug zu nehmen. Er war auf der Suche nach dem "flow", dem idealen Kletterfluss. So wie Andreas Hofmann jetzt. Er geht bedächtig an der "Klagemauer" entlang, einer steilen Wand, umgeben von Laubbäumen. Warum Klagemauer? "Keine Ahnung", sagt er, "der Erstbegeher darf sich einen Namen aussuchen." Hofmann streicht über den Stein, greift dann in die natürlichen Ausbuchtungen, die die Boulderer – je nach Form – Slober, Aufleger, Pincher oder Henkel nennen.

Er säubert sie mit einer Zahnbürste, kein Staubkörnchen soll ihm den Weg erschweren. Sein Kumpel Markus legt derweil eine Matte auf den Boden. Hofmann steigt ein. Gerade mal zehn Zentimeter über dem Boden tänzelt er seitlich über den Fels. Am Ende der Querung blutet sein Mittelfinger, die trockene Haut ist aufgeplatzt, hat dem Druck nicht standgehalten. Hofmanns Finger "beißen", für ihn ist heute Schluss. Markus Bock will unbedingt noch zum "Full Moon". Der Kletterabschnitt gehört zu den eher schwierigen Passagen, die es im Bouldern gibt. Der Full Moon ist glatt wie ein Babypopo. Ausbuchtungen? Gibt es nicht. Bock geht auf und ab, testet mögliche Griffe, immer wieder. Dann legt er sich auf den Rücken, der Einstieg des Überhangs ist nun etwa einen halben Meter über ihm. Seine Finger suchen Halt, packen zu. Hofmann kann es nicht glauben, "der zieht sich doch tatsächlich aus dem Liegen hoch". Wie ein Salamander schlängelt Bock sich die Felspassage empor. Nach acht schnellen Zügen hat er den Full Moon gepackt. Er stöhnt erleichtert auf und lässt sich dann aus zwei Meter Höhe in die Matte fallen. Die Muskeln seiner Arme zittern vor Anstrengung.

print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity